Oberstenfeld In der Moschee ist Gemeinschaft möglich

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Das Freitagsgebet ist für Muslime ein Höhepunkt ihres Glaubenslebens. Foto: KS-Images.de

Oberstenfeld - Es ist ein normaler Freitag in der Moschee im Oberstenfelder Gewerbegebiet. Normal deshalb, weil die meisten Gäste an diesem Tag von der Arbeit kommen. Nur Männer sind zu sehen. Viele von ihnen tragen Arbeitskleidung und erscheinen erst wenige Minuten, bevor im Gebetsraum gegen 13.30 Uhr der Ruf des Muezzins ertönt. Weltweit versammeln sich die Muslime zeitgleich, um zum Freitagsgebet zusammenzukommen.

Nichtmuslime können das Gebet in der Oberstenfelder Moschee in der hintersten Reihe mitverfolgen. „Der Freitag ist für uns ein Feiertag wie der Sonntag für die Christen“, erklärt Ayhan Öztürk, ehrenamtlicher Dialogbeauftragter der Islamischen Ditib-Gemeinde Oberstenfeld. Der 46-Jährige arbeitet als Konstruktionstechniker und hat mit seinem Arbeitgeber vereinbart, dass er regelmäßig zum Freitagsgebet gehen kann. Er weiß, dass dies nicht jedem Muslim in Deutschland möglich ist. Wer nicht kommen könne, verrichte sein Mittagsgebet an Ort und Stelle oder hole es möglichst bis zur nächsten der fünf verpflichtenden Gebetszeiten nach.

Wer vor Gott trete, sollte ein reines Herz mitbringen, erklärt Öztürk. Ein Spruch im Foyer weist seit der Einweihung der Moschee im Jahr 2016 auf diese zentrale Glaubensweisheit hin. „Reinheit ist für uns sehr wichtig“, sagt Ayhan Öztürk, der wie alle anderen der rund 200  Gäste an diesem Tag den kleinen Waschraum im Erdgeschoss benutzt hat, um sich Gesicht, Hände und Füße zu waschen. Diese Vorbereitung, Wudu genannt, sei enorm wichtig. Muslime näherten sich Gott, konzentrierten sich. „Wir bitten schon vorher um Vergebung.“

Wenig später zieht Ayhan Öztürk im oberen Stockwerk die Schuhe aus, um den Gebetsraum zu betreten. In dem Saal haben sich die meisten Besucher schon auf dem grünen Teppichboden niedergelassen und sind im persönlichen Gebet versunken. Der Muezzin singt, wenig später kehrt völlige Ruhe ein. Beim Vorgebet wechseln die Muslime die Position. Mal stehen sie, dann knien sie oder werfen sich nieder. Dann tritt ein junger Mann auf die Predigtkanzel. Er trägt die Freitagspredigt vor. Das sollte auf Arabisch, Türkisch und Deutsch geschehen. Aus Zeitgründen fällt an diesem Tag die türkische Übersetzung weg. Es geht um das Verantwortungsbewusstsein der Gläubigen, die Welt friedlich zu gestalten. Auch darum, anderen zu ermöglichen, friedlich zu leben.

Das Predigtthema werde an diesem Freitag in allen Moscheen in Deutschland so vorgetragen, erklärt Ayhan Öztürk. Die 48 Jahre alte Oberstenfelder Gemeinde gebe bewusst auch jungen Menschen die Chance, ehrenamtlich zu predigen. Zwei beamtete Imame des Dachverbandes Ditib, die aus der Türkei stammten, seien in der Moschee tätig. Dass künftig Imame auch an deutschen Universitäten ausgebildet werden, begrüßt Ayhan Öztürk ausdrücklich. „Wir sind zwar dankbar, dass uns der türkische Staat die Imame stellt, aber wir freuen uns auch auf den nächsten Schritt.“ So studierten derzeit auch vier Mitglieder der Gemeinde Theologie an der Marmara-Universität in Istanbul. Sie könnten eines Tages zurückkehren. Dass es in Deutschland Sorgen gebe, die Ditib könne als verlängerter Arm des Staatspräsidenten Erdogan wirken, hält Öztürk aus Oberstenfelder Sicht für völlig unbegründet. „Wir erleben das nicht so – die Ditib unterstützt uns in jeder Hinsicht hilfreich.“

Ein normales menschliches Miteinander wird in den Räumen der Moschee großgeschrieben. „Zu uns kann jeder kommen, wir sind vollkommen offen – neulich saß ein Radfahrer hier bei uns und hat mit uns einen Tee getrunken“, erzählt Ayhan Öztürk. In der Teestube mit ihren rund 50 Plätzen sitzen auch an diesem Freitagnachmittag viele Männer und behalten nebenbei den großen Fernseher im Blick. „Fußball wird immer geschaut“, weiß Öztürk. Dabei sei es ganz egal, ob die englische, deutsche oder türkische Liga gezeigt werde. Die Teestube wird ehrenamtlich betrieben. Rentner, die Zeit haben, bringen sich ein. An jedem Abend in der Woche ist die Stube bis 24 Uhr geöffnet. „Man trifft sich, unterhält sich.“

Frauen treten an diesem Freitagmittag nicht in Erscheinung. Sie haben im oberen Stock ihren eigenen Bereich. Auch im Gebetsraum gibt es einen Frauenraum, dessen Türen aber aufgeschoben werden können. „Es gibt keine Pflicht für eine Geschlechtertrennung im Islam“, sagt Ayhan Öztürk. Dennoch wünschten die Frauen, unter sich zu sein, auch weil man sich dann besser auf das Gebet konzentrieren könne. Für die Frauen gebe es keine Pflicht, zum Freitagsgebet zu kommen. Sie seien mit dem Haushalt und der Erziehung der Kinder ausgelastet, sodass man ihnen dies nicht als zusätzliche Last aufbürden wolle. Oben, in der Küche, hängt ein Zettel mit einem Kursangebot eines Vereins aus Ilsfeld. „Es laufen in der Moschee viele Angebote, auch Sprachkurse für Frauen und Integrationsangebote“, weiß Öztürk. Gerade jungen Menschen gegenüber wolle man offen sein, sie fänden in der Moschee Gemeinschaft und könnten sich einfach dort aufhalten. „Wenn sie dann mal etwas brauchen, kann man ihnen helfen.“

Es fällt auf, dass es Räume gibt, in denen Schulbänke stehen. Kinder würden unterrichtet, so Öztürk, es gebe eine hohe Nachfrage, sodass auch ein Büroraum und eine kleine Bibliothek zu Lehrräumen umfunktioniert worden seien. Auch werde Nachhilfe gegeben. „Wir wollen mit unserer Erziehung beitragen, dass niemand auf die schiefe Bahn gerät und dass alle zu guten Menschen werden“, fasst Ayhan Öztürk das Konzept seiner Gemeinde zusammen. Deshalb vernetze man sich auch mit der Jugendsozialarbeit der Kommune und empfange Schulklassen. So werde die Moschee als lebensfreundlicher und offener Ort für alle bekannt. Wenn am 5. Mai der Fastenmonat Ramadan beginne, werde die Islamische Gemeinde auch wieder das Fastenbrechen am Abend anbieten, zu dem nicht nur Muslime, sondern alle Interessierten aus der Umgebung kommen könnten.

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