Musikfest Stuttgart 2020 Festival der Gegensätze

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Dramaturg Henning Bey, Intendantin Kathrin Zagrosek, der Architekturstudent Tom Seeger und Hans-Christoph Rademann bei der Präsentation des Musikfest-Programms Foto: Holger Schneider

Die Internationale Bachakademie hat das Programm des neuen, größeren Musikfests Stuttgart vorgestellt. Im Juni 2020 wird in Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen die erste Ausgabe unter dem Hölderlin-Motto „heilignüchtern“ Gegensätze zusammenführen.

Stuttgart - Von einem neuen, großen Musikfest Stuttgart habe er geträumt, seitdem er 2013 Chef der Bachakademie geworden sei, sagt Hans-Christoph Rademann. 2020 wird sein Traum endlich wahr – „Nun muss langsam der Glaube daran wachsen, dass wir in Stuttgart tatsächlich jedes Jahr für ein paar Tage die Musik ganz groß feiern können und dass wir dabei Niederschwelliges und Hochschwelliges so gut verknüpfen, dass Unterschiede kaum spürbar sind“.

Niederschwelliges und Hochschwelliges: Das ist nur einer der vielen Gegensätze, die das Festival vom 12. bis 18. Juni prägen werden. Weitere Kontrastpaare sind: Geistliches und Weltliches, Neue und alte Musik, traditionelle und experimentelle Präsentationsformen, junge und ältere Besucher, Literatur und Musik, Instrumentales und Vokales.

Das Motto, das man dem Gedicht „Mitte des Lebens“ des diesjährigen Jubilars Friedrich Hölderlin entnahm, prägt das gesamte Musikfest. Es prägt auch die Kooperationen – mit bewährten Partnern wie dem Hospitalhof, der Stiftsmusik, der Staatsgalerie, dem Klub Im Wizemann und der Hugo-Wolf-Akademie ebenso wie mit neuen. So werden die Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Stephane Brunier Olivier Messianes „L’Ascension“, Beethovens Violinkonzert sowie Guillaume Connessons Beethoven-Spiegelung „Flammenschrift“ von 2012 einbringen, beim SWR-Symphonieorchester wird Iliahu Inbal Messiaens „Trois petites liturgies de la présence divine“, Mendelssohns Kantate „Wie der Hirsch schreit“ (mit dem WDR-Rundfunkchor) und Alexander Skrjabins „Poème de l’extase“ dirigieren. Die Staatsoper sorgt schließlich mit der Premiere des Doppelabends „Cavalleria rusticana“ (Mascagni) und „Luci mie traditrici“ (Salvatore Sciarrino) am 28. Juni für den Schlusspunkt.

Überall Dialektik – oder zumindest Kontraste

Bereits das Eröffnungswochenende gibt die Richtung vor: Beim Eröffnungskonzert, in dem es um das Wirken des Heiligen Geistes geht, kombiniert Hans-Christoph Rademann Bach-Kantaten mit der Uraufführung des neuen Stücks „rwh 2“ von Mark Andre, weitere Konzerte am 13. und 14. Juni bringen Franz Schubert und Nick Cave oder Monteverdi und Gershwin zusammen, und in Bachs Matthäuspassion (mit der Gaechinger Cantorey unter Rademann) geht es, so der Dramaturg Henning Bey, „um die Dialektik von Liebe und Tod“.

Die Intendantin Kathrin Zagrosek wirbt für drei ungewohnte Konzertformate zu günstigem Eintrittspreis von 15 Euro: St. Maria wird bei einem „Liegekonzert“ zur Lounge, die Galerie Kernweine wird von einem Schlagzeuger installativ bespielt, und in der Matthäuskirche entfaltet Bachs „Kunst der Fuge“ eine räumliche Dimension.

Altbekannte Formate wie die Reihen „Sichten auf Bach“, „Klangatelier“ und „Unternehmen Musik“ sowie die Kunstführungen und Musikfest-Cafés werden weitergeführt und ausgeweitet. Neu ist – als „Festival im Festival“ ein langer „Tag der Musik“ am 20. Juni im Wizemann, der Vermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche ebenso umfasst wie 3-D-Hörexpeditionen, Klubmusik, eine Aufführung von Louis Andriessens „Worker’s Union“ durch Musiker des Staatsorchesters und chorische Raum-Experimente der Gaechinger Cantorey. Und neu ist auch der „Tag der Literatur“, der am 27. Juni mit Max Bruchs Vertonung von Max Bruchs chorischer Schiller-Vertonung „Lied von der Glocke“ (mit den Gaechingern unter Rademann) zu Ende geht.

Ein Experiment ist außerdem die zeitliche Verlegung des Festivals „aus der Sommerstille heraus“ (Zagrosek) – auch in den kommenden Jahren soll das Musikfest immer im Anschluss an die baden-württembergischen Pfingstferien stattfinden. Man befinde sich, so die Intendantin, noch „im Prozess“ – und habe die Bewilligung einer zusätzlichen Unterstützung mit 115.000 Euro für das Festival 2021 als „bestätigendes Signal des Gemeinderats“ empfunden. „Das Musikfest 2020“, ergänzt Hans-Christoph Rademann, „ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.“

Informationen: www.musikfest.de