Murr/Steinheim Ein Faschingsrhythmus, bei dem jeder mit muss

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Die Gässlesfetzer heizen den Besuchern vom Kaufland Steinheim ein. Foto: Michael Raubold Photographie

Die Gässlesfetzer versprühen schon vor dem Auftritt – sie marschieren durch das Steinheimer Kaufland – gute Laune.

Murr/Steinheim - Im Untergeschoss des Bürgerhauses ertönt Faschingsmusik: „Wie heißt die Mutter von Niki Lauda? Mama Lauda!“ – doch lauda, pardon, lauter machen muss man das Lied nicht, es erfüllt so schon den ganzen Raum. Ein paar Männer und Frauen singen den Refrain fröhlich mit, und doch feiern sie keine Faschingsparty. Jedenfalls noch nicht. Punkt 17 Uhr haben sich an diesem Nachmittag die Gässlesfetzer getroffen, um sich für ihren Auftritt vorzubereiten. Mit Musik, aber auch mit jeder Menge Farbe im Gesicht. Azurblau ist die Farbe der Guggemusiker, und Azurblau auch die Schminke.

Vor zwei Kosmetikspiegeln sitzen zwei Frauen, bemalen sich die Augenlider und ziehen noch ein Dreieck in Richtung Schläfe. „Jetzt wird’s aber mal Zeit, dass wir ein paar mehr Spiegel kriegen“, meint eine Frau, und Recht hat sie. Denn je mehr Musiker eintreffen, desto dichter ist das Gedränge vor den Spiegeln. Die Männer dagegen stehen in einer Schlange. Udo Christensen sprüht ihnen nacheinander blaue Farbe auf die Backen. Als nächstes hält Matteo Malchin zwei verschiedene Schablonen darauf, während Markus Blank mit Schwarz darüber sprüht. Bei den Frauen dagegen kommt noch ein wenig Glitzerspray ins Gesicht. „Nase zu, Mund zu, alles zu“, kommandiert Carina Fender, während sie ihre Tochter Mia Marie besprüht. Die Kleine ist nicht das einzige Kind, das schon kräftig bei den Gässlesfetzern mitmischt. Wie der neunjährige Mark spielt sie „Schetterle“, ein Rhythmusinstrument. Der elfjährige Erik darf dagegen schon die große Trommel schlagen.

Während der Vorbereitungen fliegen muntere Scherze hin und her. „Du, der Jens will Geld dafür, dass er da ist“, ruft eine Frau einer anderen zu. „Wir müssten Geld dafür nehmen, dass wir den mitspielen lassen, das darf nämlich nicht jeder“, entgegnet diese schlagfertig. Man merkt: Da ist eine eingeschworene Truppe beieinander, die sich blendend versteht und jede Menge Spaß hat. Und das auch beim Arbeiten. Denn die Kostüme sind nicht nur selber entworfen, sondern auch selbst genäht. „Wir haben uns fast ein Jahr lang zu verschiedenen Terminen getroffen und gemeinsam an zehn bis zwölf Maschinen genäht“, erzählt Andrea Ertl, die erst über die Gässlesfetzer zum Posaunespielen gekommen ist.

Seit 1999 gibt es die muntere musikalische Truppe. Die meisten davon sind auch im Musikverein aktiv. Im Zentrum stehen die beiden Schwestern Marion Müller und Sandra Heinisch mit ihren Männern Roland Müller und Gerhard Heinisch sowie deren Kinder. Alle sind voll mit dabei, organisieren Termine und sind Ansprechpartner für alles Mögliche. Für die Arrangements der Stücke ist dagegen der Tambour Reiner Obergaßner zuständig. „Jedes Jahr nehmen wir ein oder zwei neue Lieder ins Programm“, erzählt er.

Nachdem alle fertig geschminkt sind, geht’s mit Privatautos, in denen schon die Instrumente und die Kostüme verstaut worden sind, nach Steinheim. Der Kauflandchef hat die Musiker zu einem Auftritt eingeladen – erst im Getränkemarkt, dann im Lebensmittelmarkt. Auf dem Parkplatz werden noch rasch die Kostüme übergeworfen, die Bläser spielen sich ein wenig ein, und los geht’s in Richtung Eingang, wo schon die Gloschd‘r-Hexa warten. Ein paar Leute, die gerade an ihren Autos sind, zücken ihre Handys und filmen das Spektakel. Einige folgen ihnen sogar durch den ganzen Markt und wippen zu den Klängen von „Warriors“ oder „Hier kommt Alex“ fröhlich mit, während die Gloschd‘r-Hexa nicht nur tanzen, sondern auch den Umstehenden die Haare verwuscheln oder andern Schabernack treiben. Keiner schimpft, noch nicht einmal die Autofahrer, die am Zebrastreifen warten müssen, bis alle die Straße überquert haben. Drüben setzt sich das Schauspiel fort. Hier werden vor der Wurst- und Käsetheke und beim Bäcker Pausen eingelegt, denn Trompete, das Sousaphon oder die Posaune zu spielen, ist beim Marschieren fast unmöglich. Und auch wenn die Musik im geschlossenen Raum schier ohrenbetäubend ist und mancher länger als geplant beim Einkaufen verbringen muss, haben alle ein Lächeln im Gesicht. So macht die fünfte Jahreszeit auch Faschingsmuffeln Spaß.