Motorsägen kreischen in Kirchberg Neuhöfer in Sorge nach Baumfällarbeiten

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Die Spitzen sind ganz weich, demonstriert Revierförster Paul Bek. Foto: Sabine Armbruster

Lose Äste in den Baumkronen bergen ein Gefahrenpotenzial. Entfernt werden müssen sie aber nicht.

Kirchberg - Dass es im Kirchberger Ortsteil Neuhof und auch auf dem Weg dorthin lange nicht mehr so aussehen wird wie zuvor, damit haben sich die Neuhöfer größtenteils abgefunden. Weil vor allem Eschen, aber auch Buchen massiv geschädigt waren, rückten dort die Motorsägen an – und das in einem Umfang, der manche nicht nur überrascht, sondern auch erschreckt hat. „Ziel war die Verkehrssicherung“, hatte Kirchbergs Bürgermeister Frank Hornek in der Gemeinderatssitzung im März erklärt.

Keine Verpflichtung zur Entfernung von Ästen

Ein Argument, das auch die Neuhöfer nachvollziehen können. Denn was passiert, wenn einer der kranken großen Bäume entweder in Richtung der Kreisstraße oder in Richtung der Häuser kippt, die auf der anderen Seite der Klinge, einer kleinen Schlucht, direkt am Waldrand stehen, das mag man sich gar nicht ausmalen.

Vor allem, weil der Bereich der Klinge und der sich daran anschließende Wald von Kindern gerne als Natur- und Abenteuerspielplatz genutzt wird. „Sicherheit geht vor, das ist keine Frage“, sagte eine Neuhöferin im Gespräch mit der Marbacher Zeitung. Auch wenn das „Schlachtfeld“, als das sie das Waldstück bezeichnet, kein schöner Anblick sei. Warum sie sich aber dennoch „verarscht“ fühlt, wie sie sagt: Nach den Fällarbeiten hängt in etlichen der stehen gebliebenen Bäume noch Kronenmaterial der gestürzten Riesen, darunter teils armdicke Äste. Dazu ragen an manchen der Baumstümpfe gefährlich aussehende, zackenförmige Holzreste in die Höhe. „Wo bleibt denn da die Sicherheit?“, fragen sich mehrere Neuhöfer. Nach Auskunft des zuständigen Landratsamts Rems-Murr besteht jedoch keine Verpflichtung dazu, lose hängende Äste oder Ähnliches zu entfernen – weder für einen privaten noch für einen kommunalen Waldeigentümer. Und der zuständige Revierförster Paul Bek erklärt: „Es ist nicht möglich, auf jeden Baum, in dem noch etwas hängt, einen Baumkletterer zu schicken.“ Solch ein Einsatz würde je Baum rund 1000 Euro kosten, erklärt er.

Trampelpfade sind keine Ausnahme

Hinzu komme: „Die Aufgabe des Forstamts und der Kommune besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Wege sicher sind“ – also die angrenzende Straße mit dem Rad- und Gehweg. Im Wald sei das nicht der Fall, und auch Trampelpfade beispielsweise in Richtung S-Bahn bildeten da keine Ausnahme. Die große Gefahr habe man erfolgreich beseitigt, man könne jedoch nicht dafür sorgen, dass es gar keine kritischen Punkte mehr gibt.

Der Wald sei nun mal kein Park und damit „grundsätzlich gefährlich“, betont der Revierförster. Darauf weist auch das Landeswaldgesetz mit den Worten „Das Betreten des Waldes erfolgt auf eigene Gefahr“ hin. Um das zu unterstreichen, macht Bek einen Abstecher zu einem Stück Privatwald am Buchenweg, wo ein großer Baum von alleine abgeknickt ist und andere sichtbar geschädigt sind.

Dennoch sei solches Totholz wichtig, betont der Förster, beispielsweise für Baumbrüter. Eine Entfernung sei daher nur nötig, wenn die Gefahr bestehe, dass die toten oder kranken Bäume auf Straßen und Wege stürzten.

Förster setzt auf natürliche Verjüngung des Waldes

Kirchbergs Bürgermeister Frank Hornek sieht nach Rücksprache mit dem Förster nur die Möglichkeit, noch „den ein oder anderen Baum“, in dem besonders viele lose Äste hängen, zu fällen, „wenn damit die Situation bereinigt ist“.

Für Unverständnis bei einigen Neuhöfern sorgte aber auch, dass Äste und Zweige einfach liegengeblieben sind, sodass ein Durchkommen auch auf dem Trampelpfad praktisch unmöglich ist. „Wie will man da wieder aufforsten?“, fragen sie sich. Indes sollen an dieser Stelle gar keine neuen Bäume gepflanzt werden, erklärt der Förster; stattdessen setze man auf die natürliche Verjüngung des Waldes. Und dass man nicht „aufräume“, habe Naturschutzgründe, argumentiert er. „Totholz ist nicht nur für verschiedene Tiere wichtig, sondern bei der Verrottung gelangen die Nährstoffe auch wieder in den Boden.“