Mobilitätsdienste Die Deutsche Bahn hat Ärger mit dem Kartellamt

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Mit ihrem Navigator bietet die Deutsche Bahn ihren Kunden Daten in Echtzeit. Diese Daten hätten andere Anbieter für ihre Mobilitätsdienste auch. Foto: Deutsche Bahn AG/Volker Emersleben

Nach Beschwerden von Wettbewerbern ermittelt die Behörde gegen den Staatskonzern wegen möglicher Benachteiligung im Online-Vertrieb und bei Reisedaten.

Berlin - Mobilitätsdaten sind ein wertvoller Schatz. Die Deutsche Bahn AG hat als führender Anbieter im Schienenverkehr eine marktbeherrschende Stellung im Fahrkartenvertrieb und bei allen Verkehrs- und Fahrgast-Informationen im Zugverkehr. Mit dem DB Navigator hat der Staatskonzern zudem eine der beliebtesten Reise-Apps etabliert. Doch nun gibt es wieder Ärger: Wettbewerber sehen sich benachteiligt und werfen der DB AG vor, ihre starke Position auszunutzen. Das Bundeskartellamt hat deshalb ein Verfahren eingeleitet. Untersucht wird, ob der Konzern andere Mobilitätsplattformen behindert, die ebenfalls Fahrgastinformationen liefern und mit dem Verkauf von Zugtickets verdienen wollen.

„Nach uns vorliegenden Informationen erhalten Mobilitätsplattformen bislang beispielsweise keine Echtzeitdaten über Züge“, sagt Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamtes. Zudem soll die Deutsche Bahn AG anderen Unternehmen umfangreiche Vorgaben beim Online-Marketing und Rabattgewährung machen. Man werde den Vorwürfen nachgehen, kündigte der oberste deutsche Wettbewerbshüter an. Das Start-up Omio, eine von vielen neuen Buchungsplattformen, begrüßte die Ankündigung.

Bereits 2014 hatte das Kartellamt ein Verfahren wegen Behinderungen beim Vertrieb von Zugtickets eingeleitet. Dabei ging es unter anderem um die Frage, inwieweit andere Bahnunternehmen mit ihren Angeboten Zugang zu den dominierenden Informations- und Verkaufssystemen des Ex-Monopolisten bekommen. Der Konzern lenkte zwei Jahre später ein und machte einige Zugeständnisse.

Digitale Mobilitätsplattformen gelten als milliardenschwerer Zukunftsmarkt, der hart umkämpft ist. Per Smartphone oder daheim am PC können schon heute kinderleicht Reiseinformationen abgefragt, Verkehrsmittel verglichen und teils auch Tickets für einzelne Angebote gebucht werden. Die einfache Buchung ganzer Reiseketten zum Beispiel mit Bahn, Flugzeug und Mietwagen aus einer Hand ist dagegen noch selten möglich. Ein Grund dafür ist, dass Verkehrsunternehmen nicht alle benötigten Daten freigeben oder nur unter Bedingungen herausrücken.

Muss die Bahn anderen auch aktuelle Verspätungsdaten bereitstellen?

Das Kartellamt will vor allem untersuchen, ob die DB AG andere Mobilitätsplattformen bei der Werbung in App-Stores, auf Suchmaschinen und in sozialen Netzwerken unzulässig einschränkt. Geprüft würden auch Hinweise, wonach Plattformen auf DB-Fahrscheine keinerlei Rabatte gewähren dürfen. Außerdem soll geklärt werden, inwieweit Mobilitätsplattformen Zugang zu aktuellen Abfahrts- und Verspätungsdaten von Zügen erhalten müssen, um damit durchgängige Reiseketten anbieten zu können.

Das Bundeskartellamt will verschiedene Marktteilnehmer schriftlich und mündlich befragen. Die DB AG will kooperieren und betont, beim Onlinevertrieb gebe es neue Fragestellungen, bei denen bisher eine gefestigte Rechtspraxis fehle. Man wolle die Sachverhalte klären und die Vorwürfe ausräumen. Ein Sprecher des Kartellamts sagte, die Dauer des Verfahrens sei offen. Die Behörde kann anordnen, dass der Konzern künftig mehr Daten an Wettbewerber herausgeben und den Fremdvertrieb von Tickets erleichtern muss.

DB-Chef Lutz treibt die Digitalisierung voran

DB-Chef Richard Lutz will mit der neuen Dachstrategie „Starke Schiene“, die bis 2030 reicht, die Digitalisierung vorantreiben. Der DB Navigator soll als „Generalschlüssel“ für den gesamten Nahverkehr und persönlicher Reisebegleiter von Tür zu Tür etabliert und mit 35 Prozent Zuwachs führend in ganz Europa werden. Dazu sollen bis 2023 die digitalen Angebote aufgerüstet und die IT-Architektur mit einem Kraftakt modernisiert werden.

Künftig sollen Tickets und Angebote von immer mehr anderen Partnern buchbar sein, im ÖPNV wie im Regional- und Fernverkehr. Dafür muss man sich nur noch einmal mit einer „Bahn-ID“ anmelden. Auch andere Mobilitätsangebote wie Mieträder und Car-Sharing werden integriert. Im Fernverkehr sollen dann mehr als 80 Prozent der Tickets digital gebucht werden. Der Check-in per Smartphone soll zur Regel werden, die Kontrolle durch den Schaffner entfallen.

Der Navigator soll zudem Bahnkunden künftig mit digitalem Routing von daheim zum Bahnhof und an den Platz im Zug führen sowie durchgängige Reiseinfos in Echtzeit bieten, auch bei Störungen. So will die DB AG auch mächtigen Internetgiganten wie Google Paroli bieten, die ins Reisegeschäft drängen. Mit der Tochterfirma Mobimeo hat die DB bereits eine der führenden Softwarefirmen Europas für intelligente Mobilitätskonzepte unter ihrem Dach.

Mobimeo ist am mit Abstand wichtigsten digitalen Projekt des öffentlichen Personenverkehrs in Deutschland beteiligt: Mobility Inside. Damit soll eine einzige Plattform für durchgehende Planung und Buchung von Bahnen, Bussen und anderen Mobilitätsangeboten geschaffen werden. Motto: ein Ticket, eine Anmeldung – alle Angebote, E-Tickets für die gesamte Reisekette. Viele hundert Unternehmen und regionale Verkehrsverbünde mit eigenen Angeboten und IT-Systemen sollen dafür unter einen Hut gebracht werden.