Mediatheken-Tipp: „Doctor Who“ Wenn das Hirn um den Jupiter kreist

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Doctor Who (Matt Smith) mit seinen Erzfeinden, den Daleks, und seinem Lieblingswerkzeug, dem Schallschraubenzieher. Foto: WDR/Adrian Rogers

In England ist er vielen längst wichtiger als die Royals: Doctor Who, der Zeitreisende mit dem komplett uncoolen Fahrzeug. Auch in Deutschland hat die schrille BBC-Serie ihre Anhänger. Wer sie noch nicht kennt, aufgepasst: Eine Staffel ist mal wieder im Free TV.

Stuttgart - Nur nicht erschrecken, der schrille Notstand ist hier die Normalität. Wer „Doctor Who“ noch nicht kennt, der begegnet dem Titelhelden zu Beginn jener Staffel, die ARD One gerade jeweils Dienstags zeigt, in höchsten Nöten. Doctor Who hängt hoch über London so ziemlich an den Fingerspitzen an seinem durch die Lüfte sausenden Gefährt. Selbiges bockt, schlägt Haken – und brennt innen lichterloh.

Wer jetzt an ein Flugzeug denkt, und sei es an einen auf Aktentaschengröße faltbaren, mit Radiergummikrümeln betriebenen Schattenbomber aus irgendwelchen James-Bond-Fantasien, hat „Doctor Who“ wirklich noch nie gesehen. Der Doctor reist mit einer Raum-Zeit-Maschine, er ist nämlich ein Außerirdischer. Aber so, wie der Doc bequemerweise menschliche Gestalt angenommen hat, trägt auch sein Tardis genanntes Gefährt eine irdische Tarnkappe.

Kultig uncooles Fahrzeug

Die Tardis sieht aus wie eine britische Police Box der späten 50er oder frühen 60er Jahre. So eine Polizeikabine stand in großen Revieren irgendwo in den Stadtstraßen. Sie war zugleich Notrufanlage für die Bürger wie Minibüro – oder gar: provisorische Kurzzeit-Arrestzelle – für die Zwecke des Streifenbeamten. Der viereckige, blaue Kloben mit dem kreiselnden Licht auf dem Dach ist jedenfalls äußerlich das plumpste Fahrzeug der Popkulturgeschichte. Und echter Kult.

In Großbritannien ist seit Jahrzehnten ein großer Gesinnungswandel im Gange. Die Zahl der Menschen, die den royalen Zinnober der Windsors für einen unverzichtbaren Teil des britischen Nationalwesens halten, nimmt ab. Die Zahl der Menschen, die „Doctor Who“ als Stützpfeiler der britischen Identität begreifen, nimmt zu.

Praktische Wiedergeburten

1963 ist „Doctor Who“ bei der BBC gestartet, als Science-Fiction-Serie, für die damals weder viel Geld noch eine allmächtige Trickabteilung zur Verfügung standen. Von Anfang an waren die Folgen also ein Mix aus fröhlichem Rabatz, liebevollem Spott über Science-Fiction-Träume und tüftelfreudigem Versuch, eben doch ein paar eindringliche Science-Fiction-Momente hinzubekommen.

Improvisiert wurde hier immer. Ein prägender Zug der Serie war anfangs überhaupt nicht geplant. William Hartnell, der 1963 als erster Doctor angetreten war, musste nach drei Staffeln aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Statt die Serie zu kippen, entwickelte man das Konzept der Wiedergeburten: Der Doctor bekommt im kosmischen Kampf gegen die fiesen Daleks und andere Feinde von Zeit zu Zeit einen neuen Körper und neue Charaktereigenschaften: eine innerliche und äußerliche Schlangenhäutung.

Cleverness und Trash

In „Fünf vor Zwölf“, der Auftaktfolge der nun bei One laufenden Staffel aus dem Jahr 2010, spielt Matt Smith die elfte Inkarnation des seltsamen Helden. Nach ihm hat Peter Capaldi die Rolle übernommen, und dem folgte – eine Revolution – mit Jodie Whittaker die erste Frau als Doctor. Auch für Zeitreisende stehen die Uhren nicht still.

Dass die Serie 1989 auszulaufen schien und die BBC Jahr um Jahr nur Lippenbekenntnisse abgab, man werde zu gegebener Zeit weitermachen, erscheint den ältesten wie den neuesten Fans heute unvorstellbar. Im März 2005 nämlich ging es wieder los, und die Mischung aus Cleverness und Trash zündete sofort. In „Fünf vor Zwölf“ geht es mal wieder darum, dass die Erde kurz vor der Vernichtung steht. Aber über die Handlung sollte man hier nicht reden: Es geht in der Serie um Momente des schönen und ulkigen Wahnsinns.

Das Recht auf Quatsch

Gewiss, manche Folgen und Erzählbögen lassen sich als verspielte Auseinandersetzung mit der Realität deuten. Aber das ist hier nicht das Hauptanliegen: „Doctor Who“ kämpft für die Jung und Alt verbindende Freude am Quatschmachen, für das Recht, sich Figuren, Wesen, Ereignisse und Verhältnisse auszudenken, die es genau so eben nicht gibt. Gerade darum machten hier immer neben gestandenen Komikprofis so gerne Schauspieler und Autoren mit, die ganz andere Profile haben. Oder die sich noch gewaltig entwickeln sollten: In „Fünf vor Zwölf“ hat Olivia Colman eine kleine Rolle, die später unter anderem im Kinofilm „The Favourite“ und in der Netflix-Serie „The Crown“ ganz groß aufspielte.

Der 2015 verstorbene Autor Terry Pratchett, Meister der Fantasy-Hochkomik, war ein lebenslanger Fan von „Doctor Who“, haderte aber 2010 in einem Artikel fürs „SFX“-Magazin mit allzu viel Blödsinn in den neueren Drehbüchern. Einschalten werde er aber weiterhin, bekannte er, und brachte das Phänomen auf den Punkt: Die Serie „Doctor Who“ sei eben trotz allem „sehr, sehr unterhaltsam, und hat das Herz am rechten Fleck, auch wenn das Hirn oft im Orbit um den Jupiter kreist.“

Info

Die alten, schwarz-weißen Staffeln von „Doctor Who“ sind nicht vollständig erhalten, weil die BBC die Archivbänder zum Teil vernichtet hat. Die erhaltenen Folgen sind auf DVD erschienen, einschließlich einiger Folgen, die aus Fanmitschnitten halbwegs restauriert wurden.

Die neueren Staffeln seit 2005 sind auf Blu-ray und DVD sowie als Bezahlstreams und Downloads erhältlich. Gelegentlich werden sie auch von den Flatrates eines Streamingdienstes abgedeckt: derzeit bei Joyn plus oder im BBC-Channel von Amazon Prime Video. Gratis kann man derzeit die fünfte Staffel des Reboots bei ARD One sehen. Die schon gelaufenen Folgen kann man in der ARD-Mediathek anschauen, wahlweise im Original oder deutsch synchronisiert.