Marbacher wehren sich gegen unerwünschte Post Erneut Flyer von Coronaleugnern verteilt

Von
Flyer aus der Querdenken-Szene sind ungefragt und trotz Widerspruchs in Briefkästen gelandet Foto: imago/McPHOTO/imago stock&people

Nach einer ersten Verteilaktion im Dezember sind in etlichen Marbacher Briefkästen erneut Flyer aus der Querdenken-Szene aufgetaucht. Wer dahintersteckt, lässt sich nicht ermitteln. Man wolle sich nicht outen, hieß es auf Nachfrage. Eine Homepage ist nicht vorhanden, und auch die Quellenangaben zu den aufgestellten Behauptungen fehlen. Das sorgt für Verärgerung bei einigen Empfängern.

Marbach - Nicht zum ersten Mal sind in der Schillerstadt Flyer aus der Coronaleugner-Szene in den Briefkästen aufgetaucht. Anders als bei der ersten Verteilaktion im Dezember, als auf den Zetteln noch der Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann als verantwortlich im Sinne des Presserechts genannt wurde, findet sich am Fuß des kürzlich im Hörnle und der Innenstadt verteilten Flyers ein Hinweis auf eine „Aktion Bürgerwohl“ – die jedoch, wie es Matthias Laukenmann, einer der unfreiwilligen Empfänger, formuliert, „entweder ein dilettantisch oder böswillig aggregiertes Konglomerat aus einer URL und einer E-Mail-Adresse“ ist. Eine Homepage ist unter den genannten Daten in der Tat nicht zu ermitteln. Lässt man das www weg, kann man den Rest als E-Mail-Adresse nutzen. Auf unsere Bitte um Kontaktaufnahme kam mit dieser Adresse tatsächlich einige Tage später eine Antwort zurück, die jedoch im Hinblick auf den Absender wenig erhellend ist. Zwar ist – wohl versehentlich – im Absenderkopf ein auch in Marbach verbreiteter Familienname genannt, doch teilt man uns mit: „Aus Selbstschutz werden wir uns hier nicht outen.“ Die Begründung folgte bereits zum Beginn der E-Mail: „Auch ihre [sic] Zeitung berichtet tendenziös oder einfach gar nicht, weshalb wir uns nur anonym zurück melden [sic].“

Empfänger sprechen von Anmaßung und Unverschämtheit

Nicht nur die Anonymität der Absender hat bei Matthias Laukenmann und etlichen seiner Nachbarn im Hörnle, die wie er den Flyer bekommen haben, Empörung ausgelöst, sondern auch dessen Stil und Inhalt: „Warum recherchieren Sie nicht selber? Warum gebrauchen Sie nicht Ihren Verstand? Warum lassen Sie sich immer noch täuschen?“, ist am Ende des Pamphlets zu lesen. „Ich fühle mich persönlich herabgewürdigt“, erklärt Laukenmann im Gespräch mit dieser Zeitung. „Als würde ich mich nicht informieren und meinen Verstand gebrauchen; so etwas ist einfach unverschämt.“ Andrea von Smercek, die ebenfalls ein solches Flugblatt erhalten hat, empfindet es als Anmaßung, den Begriff „Bürgerwohl“ für sich in Anspruch zu nehmen. Und eine weitere Empfängerin treibt vor allem die Angst um, „dass dadurch die Spaltung der Gesellschaft noch weiter vorangetrieben wird und jeder egoistisch nur noch nach seinen eigenen Interessen schaut.“ Sie sieht in den Aussagen „manipulative Behauptungen“ ohne Quellenangaben. Letzteres kritisiert auch Matthias Laukenmann: „Für die aufgestellten Behauptungen fehlt ein fundierter Nachweis.“ Als Wissenschaftler ist er es gewohnt, Aussagen korrekt und nachvollziehbar zu belegen.

Marbacher Querdenken-Kopf weist Verdacht, er stecke dahinter, von sich

Wer hinter den Flyern steckt, lässt sich nicht ermitteln. In der Szene der Corona­leugner oder Gegner der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus sind mittlerweile viele derartige Pamphlete, die teils zum Selberdrucken herunterzuladen sind, teils fertig gekauft werden können, im Umlauf. Zur Verbreitung wird gern der Telegram-Kanal genutzt. Der betreffende Zettel war dort jedoch bei unserer Recherche auf keinem der gängigen Kanäle zu finden – was auch an den vielen Varianten des Druckerzeugnisses liegen dürfte. Auch wer sie eingeworfen hat, ist nicht festzustellen. So munkelt man zwar im Hörnle von einem „offenen Geheimnis“, doch der Kopf der Marbacher Querdenken-Bewegung, Andreas Roll, der ebenfalls in dem Stadtteil lebt, weist die vermutete Verbindung zu ihm von sich. „Ich habe zwar schon von der Aktion Bürgerwohl gehört, aber sonst weiß ich nichts darüber. Die Szene ist inzwischen recht bunt geworden.“ Dass er als „Hauptverdächtiger“ gilt, ist ihm bewusst: „Das ist häufiger so, ich hatte auch schon zerrissene Flyer im Briefkasten.“ Er halte sich aber in der Regel daran, dort keine Flyer einzuwerfen, wo dies nicht gewünscht sei. Wobei er betont, solche Zettel seien keine kommerzielle Werbung, und darauf hinweist, dass auch die verschiedenen Parteien bei ihrer Wahlwerbung den Hinweis „keine Werbung“ unterschiedlich ernst nähmen.

Verteilung im Grundsatz nicht verboten

Einige Bürger hätten sich wegen der Flyer-Verteilung auch an die Polizei gewandt, berichtet der Leiter des Marbacher Polizeireviers, Frank Bartel, auf Anfrage dieser Zeitung. „Aber Flyer einzuwerfen, ist ja im Grundsatz nicht verboten,“ betont er. Bürgermeister Jan Trost weist dagegen darauf hin, das gelte nur, wenn auf dem Briefkasten nicht ausdrücklich stünde „Keine Werbung“. In dem Fall hat man einen Unterlassungsanspruch gegen den Versender. Das wiederum setzt jedoch voraus, dass sich dieser zu erkennen gibt. Hinweise in der Hörnle-WhatsApp-Gruppe, dass man die Flyer nicht erhalten möchte, haben offenbar ebenso wenig gefruchtet wie direkte Verbotsaufkleber am Briefkasten.

Stadt setzt auf Appelle an Solidarität

Nach dem ersten Auftauchen von Flyern aus der Querdenken-Szene in der Schillerstadt im Dezember war das Ganze Thema im Gemeinderat. Damals war die Stadtverwaltung dem Antrag von Grünen-Stadtrat Sebastian Engelmann gefolgt, die Bürger in einem Brief um Solidarität und die Einhaltung von Hygiene und Abstandsregeln zu bitten. Das Schreiben sei auch zeitnah verschickt worden, bestätigt Bürgermeister Jan Trost auf Anfrage.

Matthias Laukenmann ist das indessen nicht genug. Weil die Flyer offenbar in größerem Umfang verteilt worden sind, findet er: „Die nicht belegten Behauptungen und die unzutreffenden Unterstellungen sollten meines Erachtens nicht unwidersprochen bleiben.“ Wir haben dazu einige der Aussagen überprüft. Aus Platzgründen muss leider einiges verkürzt dargestellt werden. Wer selbst recherchieren möchte, wird unter anderem beim Faktencheck auf correctiv.org fündig, einem Internetportal für investigativen Journalismus. Dort sind anders als im Flyer auch alle Quellen genannt, sodass man selbst die genannten Fakten überprüfen kann – falls man der Arbeit der Journalisten nicht traut.


Die Thesen des Flyers im Faktencheck