Marbach Zwischen Revolution und alter Ordnung

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Der Revoluzzer sinkt nach einem Scharmützel zu Boden. Foto: avanti

Marbach - Es war eine immense Herausforderung, der sich das Theater unter der Dauseck in seinem Stück „Auf Anfang“ gestellt hat. Das vornehmlich aus Laien bestehende Ensemble will darin das Schicksalsjahr 1918 beleuchten, als sich der Erste Weltkrieg seinem Ende zuneigte – und sich die Ereignisse überschlugen: Frauen übernahmen in der Heimat frühere Aufgaben der Männer, die sich derweil an der Front gegen eine Niederlage stemmten, die nicht mehr zu verhindern war. Revoluzzer spürten in der Heimat, dass ihre Stunde gekommen war, während die Obrigkeit sich verzweifelt an die alte Ordnung klammerte. Die Zersplitterung der Linken nahm ihren Lauf. Zugleich krochen die ersten Nazis aus ihren Löchern. Eine Menge Stoff also, den das Theater unter der Dauseck verarbeiten musste – was aber bei der Aufführung am Freitagabend im Schlosskeller vor 90 Zuschauern auf überragende Weise gelang. Die famos aufspielende Darstellerregie aus Oberriexingen um den ehemaligen Leiter der Marbacher Uhlandschule, Bernd Schlegel, erzählte all die Irrungen und Wirrungen entlang der Geschichte von einigen wenigen exemplarischen Figuren. Ein Ankerpunkt war dabei die von Barbara Scheyda toll verkörperte Straßenfegerin Ricke, die immer auf dem Laufenden ist, immer für ein Schwätzchen zu haben ist und als starke Frau auch mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält. Eher ein Mauerblümchen ist dagegen anfangs die junge Frieda, in deren Rolle die grandiose Melina Schöfer geschlüpft ist. Frieda sucht verzweifelt eine Anstellung bei der strengen Frau General (ebenfalls Barbara Scheyda). Rickes Sohn, den Bernd Schlegel überzeugend spielt, steckt das Hausmädchen zunehmend mit seinem Revolutionsfieber an. Am Ende tippt Frieda für ihn kämpferische Schriften, ohne ihm dabei roboterhaft zu folgen. Sie hat ihren eigenen Willen. Die Gleichberechtigung steht in den Startlöchern.

Allerdings nicht überall. Frau General hofft inständig, dass die Umstürzler den Kürzeren ziehen und schon bald die alte Ordnung wiederhergestellt ist. Eine etwas zwiespältige Figur ist Marianne, die Melina Schöfer in ihrer zweiten Rolle als entrückte, esoterisch angehauchte Traumtänzerin angelegt hat. Sie zieht es einerseits zurück an den Herd, andererseits lässt sie sich von einem Liebhaber schwängern. Das Kind will sie wegmachen lassen und wendet sich deshalb an die patente Ricke. Eingebrockt hat ihr den ganzen Schlamassel der Drückeberger Gustav (Bernd Schlegel), der Prototyp des späteren Nazis: ohne Rückgrat und auf Juden schimpfend. Erzählt werden diese kleinen, für die damalige Zeit so typischen Geschichten vor einer einfachen Kulisse. Das Theater unter der Dauseck braucht nicht mehr als ein Podest und ein paar regalartig zusammengezimmerte Holzbalken dahinter, um das Publikum an verschiedene Schauplätze zu führen. Zwischen die Latten werden Schilder gehängt, die die Szenen zeitlich einordnen. Raffiniert ist auch, wie die Schauspieler Martina Decker, Christian Gscheidle, Bettina Hildenbrand, Felix Rembold und Gudrun Zenker in unterschiedliche Rollen schlüpfen, um das Geschehen zu kommentieren oder atmosphärisch zu unterstreichen: Mal als aufgeregte Bürger, die über die neuesten weltpolitischen und nationalen Ereignisse diskutieren und damit en passant erklären, vor welchem Hintergrund die rund um Stuttgart angesiedelte Story spielt. Mal als eine Gruppe von Bettlern, die gegen Kriegsende Hunger leiden und frieren. Mehrfach steuert das Quintett auch harmonische Gesangseinlagen bei, die einerseits schön anzuhören sind, andererseits textlich die Geschichte ergänzen.

Am Ende verlässt man dann den Schlosskeller mit dem Gefühl, mehr über die Sorgen, Nöte, Ängste und Hoffnungen einer Generation zu wissen, die vor genau 100 Jahren lebte. Aber irgendwie erinnern einen manche Entwicklungen auch an das, was sich politisch im Hier und Jetzt abzeichnet. Mehr kann Theater fast nicht leisten. Den riesigen Beifall zum Schluss hat sich das Ensemble redlich verdient.