Marbach Umziehen kann man auch mit Zelt und Rucksack

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Der Crater Lake hat Sabine Willmann und Oliver Heise wieder mit Oregon versöhnt.„King Olli“ und „Lady Magic Sunshine“ sind die Trail-Namen der beiden. Foto:  

Marbach - I

nzwischen sind wir in der Timberline Lodge/Oregon angekommen. Vielen dürfte sie durch die Außenaufnahmen zum Film „The Shining” bekannt sein. Sie liegt nur wenige Meter unterhalb des Verlaufs vom Pacific Crest Trail (PCT) und damit des Mount Hood, Oregons höchstem Berg mit 3245 Meter. Der aktive Vulkan ist der weltweit am häufigsten bestiegene Gletschergipfel. Das attraktive Skigebiet kann ganzjährig befahren werden, olympische Teams, zum Beispiel aus Deutschland, kommen zum Trainieren.

Doch zurück nach Kalifornien: Wir sind von Wrightwood (Kilometer 595) bis zum Walker Pass bei Kilometer 1049 fast noch mal so viel gegangen, wie von Campo nach Wrightwood, als wir durch Wetterangaben zum ungewöhnlich starken „Snow year” und im Austausch mit Hikern unterwegs am Walker Pass dann fest entschlossen waren, die Sierra überspringen und dann nachzuholen. Übrigens hatte sich Sabine inzwischen einen leichteren wasserfesten Rucksack gekauft, und unser Schweizer Zelt wurde gegen ein 500  Gramm-Zelt ausgetauscht. In der Sierra gilt es, zig Pässe zu erklimmen und abzusteigen und es geht bis 4000 Meter hinauf. Die Sierra trotz der ungewöhnlichen Schneemassen jetzt zu hiken, hätte für uns bedeutet, mindestens vier Wochen auf Schnee zu übernachten, gefährliche Eisabhänge und Flüsse zu queren, wenn die Schmelze dann einsetzt. Außerdem hieße es für uns auch konsequent zwischen 4 und 5 Uhr aufzustehen, um vor Sonnenaufgang zu starten und das Tagesziel zu erreichen, ehe die Sonne den Schnee aufweicht. Schuhe, Socken und Kleider wären quasi dauernass. Wir hätten also zusätzliche Kleidung und eine Eis-Axt kaufen müssen. Microspikes, also „Schneeketten“ für die Schuhe hatten wir schon auf der Etappe im Jacinto Gebirge genutzt.

Im Schnee wird man teilweise sehr langsam. Deshalb wollen wir die Sierra nun als letzten Teil ab Mitte August erwandern, hoffen auf einen Indian Summer und wollen für das gemäßigtere Nordkalifornien nach der Sierra das Ende vom September und – ungeplant - einen Teil vom Oktober dranhängen, wenn wir das Visum denn von sechs auf sieben Monate verlängern können.

Das gibt uns insgesamt mehr Zeit: Denn Washington und den Terminus in Kanada aufzusparen und die Sierra zwischendurch zu machen, kann bedeuten, dass wenn wir zu langsam sind, durch neuen Schnee kein Durchkommen mehr in Washington möglich ist. Ab Oktober wird dort ein Hiken auf dem PCT nicht mehr empfohlen. Durchs Filmen kommen wir manchmal sehr langsam voran, das ein oder andere Mal auch kraftbedingt. Also planen wir dementsprechend – denn an den Terminus wollen wir gelangen!

Am Walker Pass, an dem es auch einen Campground mit Plumpsklo gibt, hat eine Solarfirma ein unglaubliches Trailmagic aufgebaut und bot bereits den zweiten Tag durchkommenden Hikern Bier, Bratwurst, Rohkost, Dips, Rührei, Eis, Säfte und Soda gratis an. Wir machten es uns gemütlich und feierten unsere Entscheidung. Wir hatten jetzt seit Campo fast den ganzen Wüsten-Abschnitt gehikt, der offiziell in Kennedy Meadows endet. Wir hatten Hitze, Wind, Kälte, Schnee in den Bergen, Regen, Sturm und wasserarme Abschnitte gemeistert und waren auf beeindruckende Mitwanderer, offene Arme und Menschen getroffen, die uns einfach mit nach Hause nahmen, bei sich schlafen und an ihren Computer ließen, wie das ältere Ehepaar Ron und Carol in Tehatchapi.

Das Verweilen am Walker Pass hatte aber noch einen weiteren Grund: Little Bee hatte uns unterwegs gesteckt, dass nachmittags Second Chance eintreffen sollte – ein 200 Kilogramm-Mann, der den PCT Ende Januar in Campo begonnen hatte, um Gewicht zu verlieren, und schon 50 Kilo leichter war. Das Interview mit ihm war umwerfend. Er begreift den Trail als seine zweite Chance zurück ins Leben. Little Bee, Vanessa aus Osnabrück, hatte sich mit Second Chance befreundet und hikt inzwischen ausschließlich mit ihm. Wir hatten Vanessa in San Diego bei der Vorbereitung getroffen. Inzwischen hat sie den Trailnamen Little Bee, weil sie selbst imkert und auf dem Trail von einer Biene gestochen worden war. Wir heißen übrigens Lady Magic Sunshine und King Olli! Besonders schön war auch, unsere Hikerfreunde, Nadine (Seashells), Grafikdesignerin aus Stuttgart und ihren Mann Russel (Lawrence of Cascadia) aus Seattle wiederzutreffen. Sie hatten sich 2015 auf dem PCT kennen gelernt.

Inzwischen sind sie verheiratet und machen den PCT nun als Honeymoon, da sie 2015 nicht durchgekommen waren. Lawrence läuft nur in wallenden Tüchern, was ihm in Anlehnung an „Lawrence of Arabia“ seinen Trailnamen eingebracht hatte. Wiedersehen mit etlichen weiteren Hiker-Bekanntschaften, da einige noch vom Vortag da geblieben waren. Doch einige unserer eindrücklichsten Begegnungen waren schon fast in Kennedy Meadows, wie das PCT-Gossip uns verriet. So war für uns die Frage offen, jetzt doch noch mit wenig Essen weiter zu gehen, um mit Mike „Downhill” und anderen unsrer Bekannten ein Interview zu machen oder direkt am Walker Pass per Anhalter schon nach Ridgecrest zu fahren, der nächsten größeren Stadt, um nach Ashland/Oregon zu gelangen. Von „Downhill“, ehemaliger Policeofficer aus Sacramento, hatten wir unsere Trailnamen bekommen, wir hatten ihn schon am zweiten Tag am Hauser Creek kennen gelernt.

Viele Hiker gehen auch einen Teil der Sierra bis Lone Pine oder steigen nach dem Überspringen in Nordkalifornien bei Chester wieder ein. Wir wollten aber gleich direkt nach Oregon wechseln und durch Washington bis einschließlich zum Terminus des PCT in Kanada hiken, weil wir uns so am meisten Gesamtzeit zum Laufen ausrechneten. Da es vernünftiger war, zum Lebensmittel einkaufen nach Ridgecrest zu hiken, entschieden wir uns dagegen, schon nach Kennedy Meadows zu laufen. Bis wir dort gewesen wären, wären die, die wir hätten treffen wollen, wahrscheinlich schon weg gewesen. Doch dann kam alles anders. Selbst 60 Minuten von Kennedy Meadows entfernt, packte uns im Motel in Ridgecrest das Sierra-Fieber und wir wollten den Spirit im „Basislager” von Kennedy Meadows festhalten – Uber machts möglich. Wir haben uns für 70 Dollar hinfahren lassen, des Filmes wegen, um Filipe aus Brasilien, Stefan aus der Schweiz, „Downhill“ und andere noch vor die Linse zu bekommen. Unser Ziel ist es, Beweggründe derer, die es wagen wollten, aber auch Gründe der Zögerer zu hören. Große Energie war spürbar.

Nach den Interviews und der Klärung, dass unsere Bergschuhe doch im richtigen Kennedy Meadows angekommen waren, hat uns unser Fahrer gratis wieder zurück gebracht. Es war spät geworden und es gab kein Netz, weshalb wir die organisierte Rückfahrt nicht abstimmen konnten. Am übernächsten Tag sind wir die Fahrt mit dem Bus nach Ashland angetreten.

Ridgecrest war dieser Tage in den Schlagzeilen, da es ein starkes Erdbeben gegeben hatte. Wir waren sowohl in der Bücherei, als auch im Walmart gewesen, die es sehr gebeutelt hat. Glück gehabt. Gesehen haben wir in Kalifornien zwei Pumas, Klapperschlangen, Skorpione – auch hier immer Glück gehabt.

Oregon ließ sich gut an, erinnerte an die Wälder daheim, nur waren die Bäume höher. Die Temperatur zum Hiken war perfekt. Doch lag mehr Schnee, als erwartet und es gab noch kaum Fußspuren. Der Aufstieg zum Devils Peak war hart und der Weg nach Manzama Village ebenfalls fies. Der Trail lag oft unter Schnee verborgen. Heißt: Stehen bleiben, Navigieren am Handy und dabei von Moskitos umringt werden. Die nächsten Wochen waren schwer: Moskitonetz auf dem Kopf, Sprays und After-Bite Cremes, Vitamin B1 und Allergietabletten für den schlimmsten Fall parat. Umso mehr genossen wir das Lagerfeuer, dessen Rauch die Plage abhielt. Olli wurde schlapper und fand am Laufen keine Freude mehr, eine Sättigung von „Every day is like a postcard“ schien eingetreten. Sich jeden Tag durch den Schnee zu kämpfen war ermüdend. Wir dachten übers Aufhören nach – wie sich aber herausstellen sollte, war Ollis Ermüdung durch eine zu geringe Kalorienzufuhr mit ausgelöst worden. Sabine litt unter geschwollenen Stichen und fand nur mit einer Tablette in den Schlaf. Bei uns beiden kamen außerdem – nicht nur schöne – Erkenntnisse dazu, die man als Paar nach 23  Ehejahren beim Hiken hat, wenn man dauernd zusammen ist und intensiver mit den ungeliebteren Seiten am anderen konfrontiert wird. Der Hochzeitstag wurde übrigens auf dem Trail mit Kerzen, Mountain Pancakes und kleiner Sekt-Flasche gefeiert. Wir liefen dann öfter auch mal getrennt, unserem eigenen Rhythmus entsprechend. In den ersten Tagen lernten wir Jonas und Andi aus dem Sauerland kennen, beide Heilerziehungspfleger. Mit ihnen ergaben sich viele gute und intensive Gespräche. In alle möglichen Richtungen abgehärtet, ging es in die zweite Runde, von der geplanten Zeit her befanden wir uns in der Hälfte. Der Crater Lake, die Three Sisters und Mount Hood haben uns am Ende mit Oregon versöhnt. Nun sind wir fast durch Oregon durch und haben es uns hier in der Timberline Lodge gut gehen lassen. Wir haben Rehe, Unmengen von Streifenhörnchen – eines hat Sabines Merino-Shirt löchrig gefressen – und sogar Bärenspuren gesehen. Auch den ersten echten Southbounder, ein Wanderer der den PCT in Kanada gestartet hat, haben wir schon getroffen. Er kam uns am Olallie Lake entgegen: Pavel aus Russland. Ihm machten der Schnee und die Kälte wenig aus.

Bald werden wir die Bridge of the Gods überqueren, die Stelle an der Cheryl Strayed den PCT wieder verlassen hat. Ihr Buch „Wild” wurde verfilmt und kam mit Reese Witherspoon in der Rolle als Cheryl 2014 in die deutschen Kinos. Eine andere heiße Filmkulissen für uns waren die Vasquez Rocks in Kalifornien bei Agua Dulce. „Star Trek“ und „Planet der Affen“ wurden dort gedreht. Als wir vorbeikamen wurde gerade der Pilot zu einer neuen Show in den Kasten gebracht. Das Geschehen um riesige goldmetallisch schimmernde Kulissenwände haben wir aus der Ferne ein wenig beobachtet.

Wir sind gespannt, was uns in Washington erwartet und wen wir wieder treffen und kennenlernen werden. Mike „Downhill“ wird leider nicht mehr dabei sein: Er hatte etwa zeitgleich mit uns eine Krise. War allerdings in Nordkalifornien wieder eingestiegen und hatte dort mit überwuchertem Trail, Hornissen, Bienen und auch mit Schnee und Moskitos zu kämpfen. Er dachte drei Tage nach und stieg dann mit der Erkenntnis aus, eher ein Hiker für moderatere Konditionen zu sein. Aber er habe den Glauben an die Menschen wieder gefunden. Als Officer hatte er schreckliche Dinge erlebt.