Marbach Tote Sprache erscheint höchst lebendig

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Die Welt der Römer hat ihre Faszination noch längst nicht verloren. Foto: FSG

Marbach - Latein – die tote Sprache: Dieses Bild hält sich hartnäckig. Trotzdem erfreut sich die Sprache der alten Römer als zweite Fremdsprache am Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) einer relativ hohen Nachfrage. In den Klassen 5 und 6 standen mehr als 370  Schüler der beiden G8- und G9-Jahrgänge vor der Wahl zwischen Französisch, Latein, Chinesisch, Russisch und Naturwissenschaft und Technik. 83 Schüler haben sich für Latein entschieden – das ist aus Sicht der kommissarischen Schulleiterin Kathleen Kroll ein guter Wert. Latein bilde mit dem Spitzenfach Französisch (128 Schüler) und Naturwissenschaft und Technik (111 Schüler) ein „Dreigestirn“. Aber auch Chinesisch mit 30 Schülern halte sich stabil, während man bei der noch relativ jungen FSG-Fremdsprache Russisch mit 18 Teilnehmern die weitere Entwicklung noch abwarten müsse.

An vielen Gymnasien könnten die Schüler nur zwischen Latein und Französisch wählen, sagt Kathleen Kroll. „Deshalb sind wir stolz darauf, dass wir diese Riesenauswahl haben.“ Dass Latein mit nahezu einem Viertel an Schülern so gut mithalte, liege zum einen am Engagement der Fachschaft. Erfolge von Schülern bei Wettbewerben wie der von Kristin Beckmann, die ein Stipendium gewann, zeigten als „Leuchtturmprojekte“, dass der Unterricht Spaß machen kann.

Allen Unkenrufen zum Trotz lebt Latein als totgesagte Sprache also auch in Marbach länger. Woran das liegt, darüber hat Marion Beckmann, Fachschaftsleiterin für Latein am FSG, ihre eigene Theorie. „Wir stehen natürlich immer unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck“, sagt die Lehrerin. In Zeiten der Globalisierung und der Digitalisierung erschließe sich der Nutzen einer klassischen Sprache nicht jedem gleich. Doch richtig anschaulich werde das Fach, wenn historische Ereignisse wie Hannibals Zug über die Alpen gen Rom besprochen werden. „Wir sind immerhin die Wiege unserer Kultur“, sagt Marion Beckmann. Die jungen Schüler freuten sich auch darüber, dass sie im Unterricht alles auf Deutsch sagen können und keine Diktate schreiben müssten.

Wer gerne fremde Sprachen lernt, für den ist die Aussprache meistens kein Problem. Wer jedoch einen analytischen Blick für sprachliche Phänomene hat und gerne über Texte und Themen reflektiert, statt beim Sprechen nach den richtigen Vokabeln zu suchen, für den bietet der Lateinunterricht eine gute Alternative, erklärt Ingvelde Scholz, die ebenfalls am FSG Latein unterrichtet. Für viele Jungen komme die Zweitsprache im sechsten Schuljahr etwas früh, habe schon der ehemalige Schulleiter Günter Offermann gefunden – und das NWT-1-Profil als Alternative angeboten. Sechstklässler dürfen am FSG in der 6. Klasse daher Naturwissenschaften anstelle der zweiten Fremdsprache wählen. Erst im achten Schuljahr ist dann die zweite Fremdsprache dran. „Da wählen viele Spanisch“, weiß Ingvelde Scholz, die als Grund dafür vor allem die Chance sieht, Südamerika später einmal besuchen zu können, um dort etwa ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren.

Besuche im Ausland sind am Marbacher FSG aber auch mit dem Fach Latein möglich. Als wohl einzige Schule in Baden-Württemberg biete man eine einwöchige Latein-Studienfahrt nach Rom an, berichtet die Fachschaftsleiterin Marion Beckmann, die das Fach mit sieben Kollegen betreut. „Der Unterricht hat sich sehr verändert“, erzählt sie. Es werde längst nicht mehr nur übersetzt, auch Interpretationen spielten eine große Rolle. Man wolle näher an der Lebenswelt der Schüler sein: etwa wenn es um die Freundschaft gehe, die Cicero in einem seiner Werke beschreibt. „Die Schüler wollen selbst wissen, woran sie wahre Freunde erkennen“, sagt Beckmann.

Der bereits erwähnte Reiz des Geschichtlichen lockt: Wie sah bei den Römern eine Schule aus? Und wie haben die Schüler gelernt? Antworten zu suchen, das fordere Schüler heraus, die etwas wissen wollen. Kassenschlager wie der Film „Der Gladiator“ wirkten sich meistens direkt auf die Anmeldezahlen aus. Auch mythologische Themen begeistern die jungen Leute. Viele lesen mit Begeisterung die fünfbändige Fantasy-Buchreihe des US-amerikanischen Schriftstellers und ehemaligen Lehrers Rick Riordan, der seine Geschichten aus der antiken Mythologie bezieht. Im Unterricht werden dann auch mal Passagen aus Percy Jackson besprochen und mit Ovids Verwandlungsgeschichten, den Metamorphosen, verglichen, die Riordan als Vorlage dienten. „Die Kinder finden solche mythologischen Themen spannend“, sagt Beckmann und denkt, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda dafür sorgt, dass der Latein-Unterricht am FSG gut besucht bleibt.