Marbach Kleinste Lastenrad-Stadt in Deutschland

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Beim Besuch der Stuttgarter Initiative (von links): Michael Dobusch, Martin Schmidt, Andreas Sieber, Sebastian Meinhoff und Marlies Bohnenkamp. Foto: privat

Der Gemeinderat spricht sich einmütig für die Anschaffung eines Gemeinschaftsrads aus. Jetzt sucht die Lastenradgruppe Partner.

Marbach - Mit so viel Wohlwollen hat Andreas Sieber nicht gerechnet. Wenige Wochen, nachdem er als Einzelkämpfer die Idee für ein Freies Lastenrad in Marbach via Zeitungsartikel publik machte, stärkt ihm eine ganze Gruppe den Rücken. Und nicht nur das: Die Stadtverwaltung und der gesamte Gemeinderat der Schillerstadt sprachen sich einmütig für die Anschaffung eines Lastenrades aus, das alle Bürger benutzen dürfen – und das kostenlos. Entsprechend dankbar ist der ehrenamtliche Aktivist auf Rädern: „Ich finde es wirklich gut, dass die Stadt den Initialschritt macht und das Rad finanziert.“

Sogar eine außerplanmäßige Haushaltsausgabe hatten die Stadtväter in Kauf genommen, um als kleinste der bisherigen Lastenrad-Kommunen in Deutschland mit rund 16 000 Einwohnern den Einstieg in das Projekt zu finden, neben Großstädten wie Köln oder Stuttgart. Die Unterstützung geht so weit, dass die Kommune neben den Kosten für Anschaffung und Versicherung auch die Trägerschaft übernimmt. „Wir unterstützten das Projekt gerne“, sagt der Erste Beigeordnete Gerhard Heim. „Es ist auf jeden Fall ein Beitrag zu weniger motorisiertem Verkehr in der Stadt.“

Gemeinschaftlich zu handeln, das motiviert auch Andreas Sieber, der mit Anschaffungskosten von etwa 8000 Euro rechnet. Mit einigen seiner Mitstreiter hat er in Stuttgart eine Lastenradinitiative besucht und sich Tipps geholt. Er hofft, möglichst bald das Rad bestellen zu können. Dabei will er jedoch keinen Fehler machen. „Wir müssen erst noch warten, bis das Land der Stadt den Zuschussantrag von 30 Prozent, also maximal 3000 Euro, bewilligt“, weiß Sieber. Werde vor der Bewilligung bestellt, verfalle die Zuschusschance. Wie lange ein Antrag dauere? „Wir denken, einige Wochen, wissen es aber nicht genau“, erklärt der Mann, der schon selbst ein Lastenrad fährt und damit Kunden seiner Frau beliefert, die ein Reformhaus betreibt.

Die Hände in den Schoß legen will Sieber in der Wartezeit aber nicht. „Wir können auf dem Wochenmarkt Werbung mit einem Lastenrad machen und damit die Hemmschwelle senken“, denkt Birgit Scheurer, die Sieber bei einer seiner Ausfahrten getroffen und befragt hatte. Jetzt mischt die Marbacherin in der Öffentlichkeitsarbeit der Gruppe mit und besucht mit Martin Schmidt und Sebastian Meinhoff zum Gespräch unsere Redaktion. „Die Stadt steht vor einem Verkehrsinfarkt“, sagt sie. Lastenräder könnten entlasten und etwa die Parkplatznot eindämmen helfen. Die Fahrt zum Getränkemarkt oder die Spritztour mit kleinen Kindern, die einen Platz im Ladebereich finden – Einsatzmöglichkeiten gebe es einige, ist Scheurer überzeugt. 40 bis 80 Kilo Gepäck passen aufs Rad. Eine gewisse Eingewöhnungszeit sei ebenso nötig wie eine hohe Motivation, die aber mit der Zeit von selbst stark wachse.

Bis zum funktionierenden Ausleihsystem des Freien Lastenrads ist es jedoch noch ein Stück Weg. So will die Gruppe jetzt Geschäftsinhaber anschreiben. „Die Geschäfte spielen eine sehr wichtige Rolle“, erklärt Andreas Sieber. Schließlich verfolgten sie das gleiche Ziel, sie wünschten sich mehr Lebensqualität in der Stadt und Bürger, die dort zu Fuß und mit dem Rad gerne hinfahren, einkaufen oder sich einfach aufhalten. Die Gruppe will erreichen, dass das Lastenrad über eine Online-Registrierung kostenlos in Geschäften ausgeliehen werden kann. Es könnte dort untergestellt werden, so sei es zentral erreichbar. Die Ladenbetreiber müssten nur die Nummer des Ausweises notieren und dem Nutzer kurz erklären, wie das Rad funktioniert und den Zustand überprüfen. Das persönliche Miteinander erhöhe die Kundenbindung. Was das Unterstellen angeht, will Andreas Sieber dem Projekt eine Starthilfe geben: „Es kann bei uns im Reformhaus stehen, bis eine andere Lösung gefunden ist.“ Langfristig wolle man in allen Marbacher Stadtteilen mit einem solchen Rad präsent sein.

Die Zeit will die Gruppe außerdem nutzen, um Sponsoren zu finden. Denn es müssten auch Rücklagen für kleinere Reparaturen gebildet werden, meint Sieber. Die Sponsoren könnten sich auf der Box verewigen. „Wir hoffen auch auf das Stadtmarketing, um die Geschäfte mit ins Boot zu holen“, sagt Sieber, der auch einen Namenswettbewerb für das Rad ausloben will.