Marbach „Ich hätt’s schlechter treffen können“

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Großes Interesse: Rund 200 Zuhörer haben am Montagabend das Gespräch zwischen Elke Evert und Herbert Pötzsch verfolgt. Foto: Werner Kuhnle

Marbach - Die 16 Jahre als Bürgermeister von Marbach wird Herbert Pötzsch in guter Erinnerung behalten. „Ich hätt’s schlechter treffen können“, räumte der scheidende Rathauschef am Montagabend launig ein. Die Schiller-Volkshochschule hatte in ihrer Reihe „Politik.live“ in die Stadthalle eingeladen – und rund 200 Zuschauer wollten sich diese Veranstaltung nicht entgehen lassen. Zum Schluss gab es sogar Standing Ovations für den 65-Jährigen, der Elke Everts Fragen sehr offen beantwortete.

Das Interesse an der Veranstaltung zeige, so Evert, welche Wertschätzung Herbert Pötzsch entgegengebracht werde – und das nicht nur aufs Amt bezogen. Deshalb sei es nicht ihr Ziel, eine reine Leistungsbilanz abzuliefern. Sie interessiere mehr der Mensch.

Der habe immerhin „schon süße 49 Jahre gezählt“, als er sich in Marbach beworben habe, sagte Evert mit einem Augenzwinkern und wollte den Grund dafür wissen. Es waren weder Midlife-Crisis, berufliche Unzufriedenheit als Kreiskämmerer in Calw noch pure Abenteuerlust, wie Evert vermutete. Freimütig erzählte Pötzsch, dass er seinerzeit für den Posten als Landrat in Calw kandidiert und verloren habe. Seine Frau habe zu Recht festgestellt, dass er nach einer solchen Niederlage nicht bleiben könne – auch wenn das Paar erst ein Jahr zuvor ein Haus erworben hatte.

Viele Möglichkeiten habe es für ihn dann nicht gegeben, sagte Pötzsch. Schnell sei deshalb klar gewesen, dass es ein Bürgermeisterstuhl sein soll, in einer Stadt mit mehr als 10 000 Einwohnern. Dass es dann letztlich Marbach wurde, sei „ein Stück weit Zufall“ gewesen – und das Ergebnis glücklicher Fügungen.

Er sei kein Erbsenzähler, ihm sei es stets auf den Inhalt, nicht die Form angekommen, betonte Pötzsch, dem Evert einen unprätentiösen und lockeren Führungsstil bescheinigte. Wenn jemand ihn um etwas bitte, könne er nur schwer nein sagen, gab der Rathauschef zu. Dagegen stellten sich ihm „alle Krallen, wenn es ,du musst’ heißt“. Froh stimme ihn, eines sagen zu dürfen: „Feinde habe ich mir glaub’ keine gemacht“, meinte Pötzsch.

Ob sich an dem Anforderungsprofil an einen Bürgermeister im Laufe der 16 Jahre etwas gewandelt habe, interessierte Evert. Pötzsch bedauerte, dass „das Mindestmaß wechselseitigen Respekts etwas verloren gegangen“ und die Kultur der Auseinandersetzung schlechter geworden sei. „Die E-Mail hat die Sitten verrohen lassen“, findet der Rathauschef. Er sei sicher „in manchen Dingen härter geworden“, man müsse sich „ein Stück weit eine Elefantenhaut zulegen“. Trotzdem wüssten alle, „dass ich kein beinharter Kerl bin“, sagte Pötzsch.

Schmunzelnd zählte er auf Everts Nachfrage seine Stärken und Schwächen auf: „Ich verfüge über eine überdurchschnittlich gute Allgemeinbildung. Und meine deshalb aber auch, ich muss zu allem was sagen.“ Dennoch habe er sich als Bürgermeister auf den Sachverstand seiner Mitarbeiter verlassen. „Man muss Generalist sein, nicht Spezialist“, gab er seinem Nachfolger mit auf den Weg. „Die Wählbarkeit ist eines der Bürgerrechte schlechthin“, verteidigte Pötzsch das Prinzip, dass jeder kandidieren könne.

Für den größten Frust habe bei ihm „die faktisch fast unmögliche Lösung der Verkehrsprobleme“ gesorgt, aber auch die Absage des Unternehmers Würth oder das Aus für das EnBW-Kraftwerk. Berührt habe ihn die Aussage Henry Kissingers bei seinem Besuch im DLA, dass Orte wie Marbach, in denen das Erbe der deutschen Klassiker gepflegt werde, das Deutschland seien, das er nie verlassen habe.

Auch Pläne für den Ruhestand verriet Pötzsch. So wolle er zwar nicht Golf spielen, sich aber mehr bewegen. Seinem Haupthobby, der Fotografie, werde er selbstverständlich weiter nachgehen. Und noch eine Sprache – wenigstens in Grundzügen – lernen: Italienisch oder Spanisch.

Der munteren Fragerunde folgte – in Anlehnung an die frühere Veranstaltungsreihe „Marbacher Köpfe“ – ein Überraschungsgast: die Putzfrau Sophie. In ihrer Paraderolle kommentierte Elke Evert humorvoll einige Geschehnisse in der Schillerstadt, bevor sie sich mit Pötzsch einer Fotoschau widmete. Nicht fehlen durfte die Prominentengalerie: So fanden sich unter anderem die Ministerpräsidenten Teufel, Oettinger und zuletzt Kretschmann in Marbach ein. Den Besuch des Bundespräsidenten Horst Köhler zählte Pötzsch zu den besonderen Momenten seiner Amtszeit. „Es waren gute Jahre, vielen Dank für Ihr Wohlwollen und Ihre Unterstützung“, schloss Pötzsch sichtlich bewegt.