Marbach Ghettofaust statt Handschlag?

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  Foto: Brock, Sandra

Marbach - Mit einem etwas ungewöhnlichen Vorschlag, der noch in einen schriftlich formulierten Antrag münden soll, hatte sich Puls-Rat Hendrik Lüdke jüngst in der ersten Sitzung des neuen Gremiums zu Wort gemeldet. Es sei üblich, sich vor der Sitzung des Gemeinderates mit Handschlag zu begrüßen, so Lüdke. Vor Kurzem habe er jedoch mit einem Mitarbeiter des Automobilkonzerns Daimler aus dem mittleren Management gesprochen und der habe ihm erzählt, dass dort Begrüßungen mit Handschlag nicht mehr Usus seien. Usus sei vielmehr die Begrüßung mit der „Faust“. Denn das sei hygienischer. „Das sollten wir hier im Gemeinderat auch so handhaben“, schlug Lüdke vor und demonstrierte zusammen mit seinem Listenkollegen Benjamin Flaig, was gemeint war.

Unterstützung versuchte sich Lüdke vom Mediziner in der Runde, Dr. Michael Herzog von den Freien Wählern, zu holen. Der kam nicht umhin zu bestätigen, dass beim herkömmlichen Handschlag natürlich Bakterien übertragen würden. Merkte allerdings auch sinngemäß an, dass es aus seiner Sicht wichtigere Themen für die Runde gebe.

Die Begrüßung mit der Ghettofaust, wie man die sich spielerisch treffenden Fäuste nennt, kommt aus der amerikanischen Hip-Hop-Szene und ist unter anderem durch den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama bekannt geworden. Erst bei seinem letzten Besuch in Deutschland im April hatte er die Grünen-Fraktionschefin in Bayern, Katharina Schulze, auf einer Bühne so begrüßt. Beinahe schon legendär ist ein Video auf You Tube, in dem zu sehen ist, wie der zweijährige Guy Jakubowicz im Juni 2017 auf einem Flug von Kansas City nach Chicago mit einer Decke im Arm den Flugzeuggang entlanggeht und jedem seine kleine Faust entgegenstreckt. Aber auch Manuel Neuer und der Dalai Lama nutzen zur Begrüßung oft den „First Bump“.

Klar ist: Die moderne Variation des Händedrucks schützt in der Tat vor Bakterien und Viren. Das haben Forscher der Aberystwyth Universität in Großbritannien in einer Studie nachgewiesen: Wer sich per Anfausten statt einem freundlichem Händedruck begrüßt, überträgt dabei bis zu 90 Prozent weniger Bakterien.

Für den Marbacher Bürgermeister Jan Trost ist diese medizinische Erkenntnis allerdings kein Grund, den herkömmlichen Handschlag zu ersetzen und im Gemeinderat eine neue Tradition einzuführen. „Zumal ja keiner gezwungen ist, dem anderen die Hand zu geben. Das bleibt doch jedem selbst überlassen. Manche Räte begrüßen sich zu Beginn der Sitzung ja auch mit Küsschen.“ Er könne es dennoch gut nachvollziehen, wenn jemand aus Vorsicht auf den Handschlag verzichtet und sei auch davon überzeugt, dass dafür jeder im Gremium Verständnis hätte, ist sich Jan Trost sicher. „Mein Hausarzt gibt auch nie die Hand.“ Auf die Idee, deshalb die Ghettofaust als Begrüßungsritual einzuführen, wäre er allerdings nie gekommen, erklärt der Rathauschef auf Nachfrage. „Und ehrlich gesagt, wäre es mir auch lieber, wenn nach wie vor jeder selbst entscheiden könnte, wie man sich begrüßt“, betont er.

Bleibt abzuwarten, wie das Marbacher Ratsgremium entscheidet, wenn der ungewöhnliche Antrag auf dem Tisch liegt.

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