Marbach Gegen das Vergehen der Zeit

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Heike Gfrereis hat im Kilian-Steiner-Saal mit Rüdiger Safranski diskutiert. Foto: Jens Tremmel, DLA

Marbach - Zeit – ein Phänomen, das die Menschen sozusagen seit Urzeiten beschäftigt. Das auch in verschiedenen Formen der Kunst immer wieder aufgetaucht ist und noch auftaucht. Und das, nicht zuletzt für Museen und Archive, eine wichtige Rolle spielt, wie ein Gespräch zwischen Heike Gfrereis, Leiterin der Museen auf der Schillerhöhe, und dem Literaturwissenschaftler, Philosophen und Publizisten Rüdiger Safranski deutlich machte. Wie bedeutend das Thema ist, wurde auch daran ersichtlich, dass der Kilian-Steiner-Saal im Deutschen Literaturarchiv am Donnerstagabend mit mehr als hundert Besuchern aus allen Nähten platzte und einige im Foyer Platz genommen hatten.

„Zeit – was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“ lautet der Titel eines 2015 erschienenen Buchs von Rüdiger Safranski, aus dem er auch Textpassagen vorlas. Dabei nahm er die Zuhörer mit auf eine Zeitreise. Die Menschen im antiken Griechenland hätten Zeit unterschieden in Kairos, den richtigen Zeitpunkt, und Chronos, der für eine längere Zeitspanne steht. Für sein Buch hätten jedoch zwei reale Persönlichkeiten als „Navigatoren“ eine Rolle gespielt, sagte Safranski: der Heilige Augustinus mit dem elften Buch seiner Erinnerungen und der Philosoph Martin Heidegger mit seinem Werk „Sein und Zeit.“ Doch Safranski hat sich auch damit auseinandergesetzt, was Literaten wie Marcel Proust, Bertolt Brecht, Jorge Luis Borges oder Hugo von Hofmannsthal zum Thema Zeit zu sagen hatten. Kurz: Er beleuchtete „die rätselhafte Angelegenheit, mit der wir doch ganz selbstverständlich umgehen“, so der Autor in seiner Definition der Zeit, von allen möglichen Seiten.

Ebenso vielfältig sind seine daraus gewonnenen Erkenntnisse. „Wenn man erfahren will, was die Zeit ist, wendet man sich nicht an die Physik, sondern an die Langeweile.“ Um „den Reichtum der Zeiterfahrung“ zurückzugewinnen, dürfe man sich nicht alles von der Uhr diktieren lassen. Als „kleinen Triumph über die Zeit“ bezeichnete er die Erinnerung, die aus Zeitpunkten Zeitspannen mache. Anders sei es mit modernen Speichermedien. Was gespeichert werde, sei zwar jederzeit reproduzierbar. Doch: „Wir haben keine Macht mehr über die Spuren, die wir hinterlassen.“

Welche Rolle spielen Archive und Museen vor diesem Hintergrund? Heike Gfrereis stellte die These auf, Schrift sei eine Art Superspeicher und zugleich ein Beobachter des Moments: „Ich schreibe etwas auf, was ist und dann vergeht.“ So sei in Museen und Archiven all das aufbewahrt, was wir bewahren wollten. Safranski sah darin eine doppelte Bewegung. „Wir ziehen etwas Vergangenes in die Gegenwart hinein. Man wird aber auch gleichzeitig selber in die Vergangenheit gezogen, etwa beim Anblick einer alten Handschrift“. Museen und Archive hätten also noch eine weitere Funktion: „Mit ihrer Existenz legen wir Protest ein gegen das Vergehen der Zeit.“

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