Marbach Ein Unternehmen stößt an Grenzen

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Die Firma Leopold (vorne) braucht in Marbach mehr Platz und will nach Süden (auf dem Bild rechts) Foto: Archiv (Werner Kuhnle)

Marbach - Eigentlich kann sich Leo Leopold nicht beklagen. Der 83-Jährige steht mit seinem Unternehmen hervorragend da. Die beiden Söhne Jürgen und Reiner operieren als Geschäftsführer inzwischen ähnlich erfolgreich wie der Vater – für Großkunden wie Dr. Oetker oder Kellog‘s ist die Verpackungsfirma in Marbach die erste Adresse. „Die meisten unserer Maschinen stehen im Drei-Schicht-Betrieb nicht still“, erzählt der Senior-Chef, der sich selbstironisch als „Seelsorger“ bezeichnet, der im Betrieb zum guten Klima beiträgt. Als solcher muss Leopold jedoch aktuell Schwerstarbeit leisten, denn am ungetrübten Himmel einer bislang für möglich gehaltenen Erweiterung am Standort im Energie- und Technologiepark haben sich dunkle Wolken aufgetürmt.

Verhandlungen mit der Marbacher Stadtverwaltung über eine Erweiterung auf einem Nachbargrundstück seien gescheitert, „es heißt: keine Flächen mehr für Leopold“, fasst der rüstige Firmengründer das Ergebnis von Gesprächen seiner Söhne mit dem Marbacher Bürgermeister Jan Trost und dem Ersten Beigeordneten Gerhard Heim zusammen. Für Leopold ein Widerspruch zur Aussage des früheren Rathauschefs Herbert Pötzsch. Der habe beim Bau der Fabrikationshallen im Jahr 2007 zu Leopold gesagt, er könne jederzeit erweitern, wenn er das wolle. Das war freilich zu einer Zeit, in der im Energie- und Technologiepark viele Flächen noch verfügbar waren. Unter anderem das Areal, auf dem sich die Lila Logistik GmbH in nächster Nähe niedergelassen hat. „Hätten wir gewusst, dass wir unsere Produktion nicht in Richtung Süden erweitern können, hätten wir uns diese Fläche gesichert“, sagt Leo Leopold und vermutet, dass die Absage, vor etwa zwei Jahren nicht an der Herbstmesse im Energie- und Technologiepark teilzunehmen, einer der Gründe für die ablehnende Haltung der Marbacher Verwaltung sein könnte. „Wir konnten aber beim besten Willen nicht Hunderte von Besuchern durch unseren Betrieb führen, da wir zertifiziert sind und dafür besondere Regelungen gelten“, erklärt der Seniorchef.

Wirtschaftlich stehe das expandierende Unternehmen bei einem Jahresumsatz von rund 67 Millionen Euro unter Zugzwang, führt Leopold weiter aus. In den nächsten fünf Jahren sei eine Erweiterung Pflicht. „Wir müssen mithalten“, sagt der Firmengründer. „Seit zwei Jahren werden in unserer Branche immer mehr Verpackungen aus Wellpappe und nicht mehr aus Vollpappe hergestellt.“ Bisher behelfe sich das Unternehmen mit einer Kaschier-Maschine, die Wellpappe zumindest bedrucken kann. Künftig brauche man aber eine Maschine, welche die Pappe auch selbst herstellt. „Die Maschine kostet 20 Millionen Euro – und dafür brauchen wir viel Platz.“ Als Standort komme nur Marbach in Frage, alles andere wäre für Leopold nicht praktikabel genug.

Das Unternehmen mit seinen 220 Mitarbeitern unterhält bislang drei Standorte: den Hauptsitz in Neckarweihingen mit 120  Kräften, Marbach mit 70 und Bad Lauterberg mit 30 Arbeitsplätzen. „In Marbach kämen 50 hinzu, könnten wir die neue Halle bauen“, sagt Leo Leopold. Dann würde auch mehr Gewerbesteuer in die Marbacher Stadtkasse fließen. Schließlich bemesse sich der Anteil, den ein Unternehmen an eine Kommune abführt, auch an der Mitarbeiterzahl und deren Verdienst. Der Senior räumt ein, dass die Stadt sicher erwartet habe, dass Leopold seinen Hauptsitz nach Marbach verlegt – „aber wir sind seit 60 Jahren in Ludwigsburg, wir würden alles über den Haufen schmeißen“. Erst im vergangenen Jahr investierte Leopold kräftig in den Verwaltungsbau. Man zahle an Marbach verhältnismäßig wenig Gewerbesteuern, da die Firma viel in seine Maschinen investiere, argumentiert Leopold, „doch dafür schaffen wir Arbeitsplätze“.

Dass die Stadt dem Unternehmen vor neun Jahren ein Versprechen für eine Erweiterung gegeben hat, bestreitet Gerhard Heim, der Erste Beigeordnete der Stadt Marbach. „Wir haben damals lediglich gesagt: Im Flächennutzungsplan sind Erweiterungen des Industriegebiets vorgesehen“, erklärt er auf Nachfrage. Tatsächlich bildeten die restlichen sechs Hektar Fläche am südlichen Rand des Energie- und Technologieparks so etwas wie die eiserne Reserve der Stadt Marbach. „Wir wollen diese sehr wertvollen Gewerbeflächen schonend entwickeln, um für unsere örtlichen Betriebe Erweiterungsmöglichkeiten zu haben.“ Leopold hingegen würde mit dem bekundeten Bedarf von drei Hektar allein schon die Hälfte verbrauchen.

Der Erste Beigeordnete Heim macht keinen Hehl daraus, dass er Leopold wegen dessen Festlegung auf den Hauptsitz als vorwiegend Ludwigsburger Unternehmen ansieht. Da die Lohnsumme den Anteil der Gewerbesteuer bestimme, führe die Firma mit den besser verdienenden Angestellten am Hauptsitz den überwiegenden Teil der Steuern an Ludwigsburg ab. Die Stadt Marbach habe dem Unternehmen 2007 geholfen und immerhin zwei Hektar zur Verfügung gestellt. „Wir bekommen außerdem ständig Anfragen von örtlichen Unternehmen, allein im vergangenen Jahr waren es zehn.“ Die Stadt plane deshalb, die restlichen Flächen im Energie- und Technologiepark schrittweise zu entwickeln. Den Grundstücksdeal mit Lila Logistik habe im Übrigen allein die Energie Baden-Württemberg (EnBW) getätigt, versichert Heim: „Uns gehörten die Grundstücke nicht“.