Marbach Der große Jugendtraum vom Renn-Moped

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Foto: Michael Raubold Photography

Marbach - Eine Kreidler Florett RS war vor 40 Jahren der Traum vieler Jugendlicher. Das „Renn-Moped“ konnten sich früher nur wenige leisten und erzielt auch heute mit 5000 bis 7000 Euro erstaunliche Preise. Wer eine „große 50er“ sein eigen nennen konnte, durfte mit dem Vierer-Führerschein ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren. 120 Stundenkilometer waren möglich, der Rekord von 1965 mit einem 50-cm³-Motor lag sogar bei 210 Kilometern pro Stunde.

Das ist für Jörg Möbius alles schöne Geschichte. Von Motor-Tuning hält der Marbacher nicht viel. „Wer das machen will, soll das machen. Wer schnell sein will, kann auch aufs Motorrad umsteigen.“ Möbius geht es eher darum, die schöne Seite seines Jugendtraums zu verwirklichen. Einige schöne Stücke stehen in dem Laden in der Marbacher Marktstraße 58, den Möbius Anfang März aufgemacht hat.

In seinem Fall ist der Traum eine Sim-son S51. Neben dem bekannteren Roller „Schwalbe“ gibt es auch ein von der VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ zwischen 1980 und 1991 hergestelltes Mokick. In dem Fahrzeug steckt viel Arbeit. „Das war ziemlich ramponiert, als ich es bekommen habe. Bis auf Rahmen und Gabel ist alles neu zusammen- und aufgebaut.“ Mit gold-bronzener Effektlackierung und schwarzen Lederverkleidungen sowie Sitzbank von der Steinheimer Polsterei „Königherz“ ist das Showbike die Zierde des Ladens.

Ebenfalls sehr schön ist das Schnittmodell einer Kreidler Florett, bei dem man sogar die Bewegung des Kolbens im Zylinder sehen kann. Vom Bau reiner Ausstellungsstücke hält Möbius ansonsten aber wenig. „Man sollte immer ein Fahrzeug zum Fahren haben, und nicht nur welche zum Schrauben, also muss auch das Herzstück irgendwann auf die Straße.“

Jörg Möbius versteht seinen neuen Laden als einen Treffpunkt für Moped-Fans und organisiert auch Ausfahrten. Eine Festlegung auf bestimmte Marken oder Modelle gibt es dabei nicht, nur folgende Regel: „Alles bis 125 Kubik, danach fängt schon das Motorrad an.“

Angefangen hat auch Möbius mal „mit drei Rollen Draht“. Der Bastler hat festgestellt, dass viele Schrauber vor der Elektrik zurückschrecken. „Ich baue seit zehn Jahren Kabelbäume und habe das auch mühsam lernen müssen“, blickt er zurück.

Mittlerweile verarbeitet Möbius rund 60 000 Kabelschuhe für 280 verschiedene Modelle. Die fertigen Kabelstränge samt selbst gezeichnetem Schaltplan verkauft der Tüftler aus Marbach bis nach Schweden und Holland. Daneben gibt es in dem Laden Ersatzteile wie Zahnräder, Federn, Lampenringe und vieles mehr. „Eine Ersatzbirne für so ein altes Moped zu bekommen, ist mittlerweile echt ein Problem.“

Weil Originalteile immer seltener werden, müssen gute Nachbauten her. „Vieles hier lebt davon, dass wir ein Netzwerk haben, das einige nebenher was machen.“ So wie der „Tacho-Dealer“ aus Murr, der ebenfalls eine Ecke in dem Laden hat.

Das Beschaffen von Teilen ist schwierig oder – wenn es gar nichts mehr gibt – erfordert viel Tüftelei. Beispielsweise die Schutzbleche aus Kunststoff, die mit den Jahren zerbröseln. Aus Glasfaser werden die „Dinger“ in Kleinserie nachgebaut. „Da habe ich eineinhalb Jahre nach einem brauchbaren Muster gesucht.“ So was macht Möbius Spaß und da geht er „auch mal gerne in Vorleistung“.

Wirklich rentieren tut sich die Restaurierung nicht. „Da steckt man schnell 1000 Euro für Teile rein, und das ist gerade mal die Gewinnspanne, die man später beim Verkauf erzielt.“ Die 100 bis 150 Stunden Arbeit, die in einem gut restaurierten Moped stecken, bekomme man nicht wieder heraus. „Wenn es jemand schön haben will, muss er es selber machen.“ Weniger zum Geld verdienen, mehr aus Spaß an der Freude hat Möbius in der Elternzeit den Laden „Die Rennschnecke“ aufgezogen. Deshalb sind die Öffnungszeiten mit Montag- und Mittwochnachmittag sowie Samstag eingeschränkt.

Die Jugendlichen von einst sind wie die Modelle mit den Jahren gereift. „Der Moped-Fahrer von heute ist Ü50, es sind auch einige 65- bis 70-Jährige dabei.“ Möbius, der selbst gerade das Schwabenalter erreicht hat, hofft darauf, noch viele Jahre oder Jahrzehnte mit dem Moped unterwegs zu sein. Seine Jungs schrauben auch schon lieber, als am Computer zu zocken.

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