Marbach/Bowling Nominierung fürs Nationalteam ruft Freudentränen hervor

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Die Anlauf- und Wurftechnik von Celine Lüdecke ist bis ins Detail durchdacht. Foto:  

Marbach - An diesen Moment wird sich Celine Lüdecke noch lange erinnern. Der Schauplatz: Ludwigshafen. Hier bei den Deutschen Bowling-Meisterschaften im Mai hat die 14-Jährige aus Marbach gerade so richtig abgeräumt und gleich fünfmal aufs Siegertreppchen steigen dürfen. Doch der für sie allerwichtigste Moment folgt erst – und zwar bei der anschließenden Verkündung derer, die es ins Jugend-Nationalteam geschafft haben. Ein Name nach dem anderen wird vor versammelter Runde verlesen, die jeweilige Person darf nach vorne treten – und auch Celine Lüdecke wird genannt. „Ich habe dann schon die ein oder andere Freudenträne verdrückt“, sagt die Nachwuchsbowlerin überglücklich, die damit erstmals den Sprung in eine Bundesauswahl geschafft hat. Als eine von zwölf Spielerinnen ist sie nun Teil des deutschen D/C-Nationalkaders für die 15- bis 18-Jährigen.

„Sie hat lange darauf hingearbeitet“, freut sich auch Jens Lüdecke nicht ohne Stolz mit ihr. Der ist nicht nur ihr Vater, sondern beim Bowlingclub Waiblingen auch ihr Trainer. Das setzt eine harmonische Verbindung voraus, denn trainiert wird in der Gruppe viereinhalb Stunden am Montag, vier Stunden am Samstag und hin und wieder zusätzlich zwei Stunden am Mittwoch. Das jeweils in der Bowlinghalle in Fellbach. Dazu kommen zuhause die eigenständigen Einheiten mit Kraftübungen, Seilspringen und Co. und während der Saison sonntags die Spieltage.

Und dann ist da noch das monatliche Stützpunkttraining in Stuttgart, bei dem Videoanalysen, Fitnesstests und Leistungskontrollen vorgenommen werden. „Man muss positiv verrückt sein, wenn man all das auf sich nimmt“, sagt Jens Lüdecke, der ergänzt, dass ein Bowler auch nur erfolgreich sein könne, wenn er mit einem positiven Grundgedanken an die Sache herangeht. „Sonst wird das nichts.“

Und bei Celine Lüdecke trägt der Aufwand Früchte. Viele Früchte. In Ludwigshafen holte sie in der B-Jugend Gold im Einzel, Silber im Doppel und Bronze im Team – und damit Bronze in der Gesamtwertung. Im folgenden Masters, das die zwölf erfolgreichsten Bowlerinnen dieser Wertung im K.o.-Modus austragen, holte sich die Marbacherin zudem sensationell den Sieg. Deutsche Meisterschaften also ganz nach ihrem Geschmack. Schon in den Vorjahren hatte sie auf nationaler Ebene einmal Gold und insgesamt fünf Medaillen geholt, zudem ist sie dreimalige württembergische Meisterin. Und auch in der Liga klappt’s: Mit dem Frauenteam des BC  Waiblingen, dem sie trotz ihres jungen Alters seit zwei Jahren angehört, stieg sie im Frühjahr als Meister aus der Oberliga- in die Württembergliga auf. Damit spielt sie kommende Saison eine Spielklasse unter der Zweiten Bundesliga. „Wir haben da ein gutes, sehr junges Team beisammen. Wer weiß – vielleicht reicht’s ja mal für die Zweite Liga“, sagt Jens Lüdecke.

Doch wie kam seine Tochter vor sieben Jahren zum Bowlingsport? Einem Sport, den man gemeinhin eher mit einem Hobby am Samstagabend verbindet, der verbunden mit einem Leistungsgedanken aber doch eine oftmals unbekannte, ganz andere Welt ist. „Wir hatten damals eine Bowlingbahn gemietet und direkt nebenan fand Vereinssport statt“, erinnert sich Jens Lüdecke, der auch selbst lange Bowler war und sich nun als Trainer fortbildet. Bei Tochter Celine war der Funke dadurch übergesprungen. „Das hat ihr damals viel Spaß gebracht.“ Und ihren Freundinnen musste sie dann erstmal erklären, dass Bowling Leistungssport sein kann.

Dass das bei der 14-Jährigen der Fall ist, erkennt man nicht nur an ihrer kostspieligen Ausstattung, unter anderem mit den auf ihre Finger angepassten Bowlingbällen. Da ist vor allem die einstudierte Technik: So blickt sie beim Wurf nicht auf die Pins, sondern auf die Auflage- und Überlaufpunkte auf der Bahn. Kleine Markierungen, die Freizeitbowlern nicht einmal auffallen dürften. Der von ihr geworfene Ball dreht sich dazu elegant so zwischen die vorderen Pins, dass diese reihenweise umfallen. Wurf für Wurf. Der Anlauf mit abschließendem Rutschen des Standbeins, die Arm- und Schulterhaltung – alles ist bis ins Details durchdacht. Und es wird weiter getüftelt. Im Sommer arbeitet Celine Lüdecke daran, vom Vier- auf den Fünf-Schritt-Anlauf umzustellen und die Schulter gerade zu halten. All das kostet Zeit, weshalb solche Veränderungen zwischen den Saisons angegangen werden.

„Mein Ziel ist es, mich weiter zu verbessern, um einmal mit zur Europameisterschaft fahren zu können“, sagt die 14-Jährige. Das ist nicht einfach, denn von den zwölf Jugend-Nationalspielerinnen werden nur vier nominiert. Dazu kommen zwei Ersatzspielerinnen, die zuhause auf Abruf bereitstehen. Als Neuling im Nationalteam sei es also „unwahrscheinlich“, es im nächsten Jahr zur EM zu schaffen. „Für 2021 habe ich aber Hoffnung“, sagt die Marbacherin, die am Friedrich-Schiller-Gymnasium die 8. Klasse besucht. Für wichtige Turniere wird sie von der Schule freigestellt. „Da gab es bisher nie Probleme, da sind wir dem FSG sehr dankbar“, macht Jens Lüdecke deutlich. Zeit für weitere Hobbys bleibe neben dem Bowling, der Mittagsschule und den Hausaufgaben kaum, meint seine Tochter, die beim Bowling umso mehr aufblüht.

163 Punkte warf sie in der abgelaufenen Saison im Schnitt pro Partie. Zum Vergleich: 2016 waren es noch 130. Es ist der Mittelwert aus den 181 absolvierten Spielen in der Liga, bei Turnieren und Meisterschaften. „Der Wert ist okay, ich bin damit sehr zufrieden, denn es sind ja auch die Spiele eingerechnet, in denen es manchmal gar nicht läuft“, schätzt sie ein. 300 ist die Maximalpunktzahl, die pro Durchgang zu schaffen ist, sofern man ausschließlich Strikes wirft. Der Traum, das zu schaffen, etwa wie ihr 18-jähriger Vereinskamerad Marcel Kraft, ebenfalls Jugend-Nationalspieler, besteht: „Mein bisheriger Rekord waren 259 Punkte.“

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