Marbach/Bottwartal „Überraschend hübsch und bequem“ nach Marbach

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Auf dem bisher einzigen Foto vom Eröffnungstag der Bottwartalbahn ist die Bahn überhaupt nicht zu sehen. Der Fotograf hatte zu früh abgedrückt, die Belichtung dauerte damals einige Minuten, wie Wolfram Berner erklärt. Foto: Sammlung Stadtarchiv Steinheim

Marbach/Bottwartal - Unter der Gunst lieblicher Maiwitterung“ versammelten sich am 9. Mai 1894 zahlreiche Menschen im Bottwartal. Der Grund: Die Bottwarbahn (offiziell: Bottwartalbahn) wurde 49 Jahre nach der ersten Diskussion über eine Eisenbahn im Bottwartal und nach einer Bauzeit von neun Monaten eingeweiht. Am 9. Mai vor 125 Jahren legte die Bahn zum ersten Mal mit Fahrgästen die 14,38 Streckenkilometer von Beilstein nach Marbach zurück. Das war für die Bürger ein freudiges Ereignis, wie der Bottwarthal-Bote in seiner Ausgabe vom 12. Mai desselben Jahres berichtete: „Im ganzen Thale herrschte daher auch […] am Einweihungstage große Freude und Befriedigung über das für unsere Bevölkerung so bedeutungsvolle Ereignis.“ Aus diesem Grunde schmückten die Bürger der einzelnen Orte ihre Bahnhöfe, die Zufahrtsstraßen und die nähere Umgebung mit „reicher Bekränzung und Flaggen“. Die Bahnlinie bot für Bürger, Gewerbetreibende und Touristen eine viel schnellere und bequemere Verbindung als die Postkutsche.

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Besonders beeindruckt zeigte sich der Schreiber des Artikels von der Endstation Beilstein, die sich nach seinen Aussagen in ihr „schönstes Blumen- und Flaggengewand geworfen“ hatte. Die Ausstattung der Bahn beschrieb er als „überraschend hübsch und bequem“. Die 2,60 Meter breite Bahn bot sogar Sitze im Freien an.

Um 9.30 Uhr war es dann am 9. Mai 1894 so weit: Der Zug startete mit geladenen Gästen in Beilstein pünktlich in Richtung Marbach. Dort wurden sie um 10.30 Uhr vom Stadtschultheis Haffner und Beamten empfangen. Begeistert sprach er seine Wünsche für das „Blühen und Gedeihen des Verkehrs“ zwischen Marbach und den Bottwartalgemeinden aus. Untermalt wurde die Begrüßung mit dem Läuten der Schillerglocke und Böllerschüssen. Kurze Zeit später kamen die „hohen Gäste“ aus Stuttgart und Ludwigsburg an – darunter „Seine Exzellenz der Herr Minister Dr. Freiherr von Mittnacht“ in Begleitung diverser Minister, wie der Bottwarthal-Bote beschrieb.

Nun trat der Zug mit den honorigen Gästen seine Rückfahrt nach Beilstein an. Vorne an der Lok wurde ein Kranz in den Marbacher Stadtfarben und mit der Inschrift „Gruß aus Marbach“ befestigt. Die Fahrt musste recht lange gedauert haben, an jeder Station wurden die „Exzellenzen“ von dem jeweiligen Ortsvorstand begrüßt. In Steinheim wurden sie gar durch eine Ausstellung der dortigen Möbelindustrie geschleust. An anderen Stationen trugen Kinder Gedichte vor oder „liebliche Töchter“ reichten Wein. In Beilstein erwartete dann die geladenen Gäste ein Festmahl, wie der Bottwarthal-Bote schrieb. Es ging „unter großem Andrang der jubelnden Bevölkerung im Festzug“ zu einem Gasthof.

"Lange Kämpfe und Bemühungen"

Auch dem König Wilhelm II wurde mit einem Trinkspruch gedacht. Die Zeitung gibt diesen folgendermaßen wieder: „Das nach langen Kämpfen und Bemühungen erreichte Ziel sei erreicht, die Verbindung mit der Hauptstadt des Landes sei hergestellt, wie auch der Anschluss an Heilbronn unter der segensreichen Regierung Seine Maj. des Königs nicht lange auf sich warten lassen werde, sobald die erforderliche Gegenliebe und Opferbereitwilligkeit vorhanden sei.“

Dass die Bahn, wie sie schlussendlich gebaut wurde, nicht den Vorstellungen aller entsprochen hatte, betonte der Ministerpräsident von Mittnacht. Viele hätten sich eine Normalspur- und keine Schmalspurbahn gewünscht. Im Nachhinein hatte sich das System aber als entscheidender Vorteil erwiesen, wie Wolfram Berner und Hans-Joachim Knupfer von der Bürgeraktion Bottwartalbahn beschreiben: Die kleinen Gewerbebetriebe ließen sich kostengünstig mit Privatgleisen erschließen, wie die Sandgrube Steinheim und die Holzmehlfabrik Murr. So konnte die Wirtschaft entscheidend belebt werden. Wie auch bei heutigen Großprojekten hatte auch die Bottwarbahn den Kostenrahmen gesprengt, was aus den Ausführungen des Finanzministers am Eröffnungstag 1894 hervorging.

Pendler nutzten die Bottwartalbahn

Richtig in Gang kam der Verkehr durch die Verlängerung von 1899/1900 über Beilstein und Ilsfeld hinaus bis zum Heilbronner Südbahnhof. Die dort aufkommende Industrie brauchte die Arbeitskräfte aus dem Schozachtal, während die Bottwartäler zunehmend zu ihrer Arbeitsstelle nach Ludwigsburg, Kornwestheim oder Stuttgart zu pendeln begannen.

Das Verkehrsaufkommen explodierte laut Bürgeraktion förmlich: Wurden 1904 schon 14 000 Tonnen transportiert, waren es bald fünfmal so viel. Im Personenverkehr steigerte sich der Umfang von 350 000 Personen um 1901 bis über 700 000 noch zur Königszeit.

Nie modernisierte die Bundesbahn die Strecke, obwohl es ab den 1950er-Jahren Fahrzeuge zu kaufen gab, die auf der Schmalspur mit Tempo 60 statt 30 hätten fahren können, berichten Wolfram Berner und Hans-Joachim Knupfer von der Bürgeraktion Bottwartalbahn.

Ab den 1960er-Jahren dünnte die Bundesbahn den Fahrplan der Bottwartalbahn schrittweise aus. Den Personenverkehr stellte sie im September 1966 ein. Was den Güterverkehr anging, so wurden einzelne Abschnitte schrittweise stillgelegt, zuletzt das Teilstück zwischen Marbach und Steinheim. Nach dem 30. September 1990 fuhr überhaupt kein Zug mehr.

Initiative für die Bahn

Die Bürgerinitiative Bottwartalbahn setzt sich seit 2016 für eine Wiederbelebung des Schienenverkehrs zwischen Marbach und Heilbronn ein. Die Bahn soll als Tramtrain gebaut werden, der auf Straßenbahn- und Eisenbahngleisen fahren kann. Die Initiative strebt eine Eröffnung im Jahr 2030 an. Die Baukosten würden nach ihrer Schätzung 150 Millionen Euro für die Strecke von Marbach nach Beilstein betragen. Die Kreise Ludwigsburg und Heilbronn haben sich Ende 2017 darauf geeinigt, eine gemeinsame Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. Das Ergebnis soll im Frühsommer 2020 vorliegen. Inzwischen äußern sich alle großen Parteien im Bottwartal positiv gegenüber dem Projekt, offensiv wagt sich kaum ein Gegner aus der Deckung.

Veranstaltung zum Jubiläum

Die Initiative Bottwartalbahn und der Historische Verein Bottwartal organisieren eine Jubiläumsveranstaltung  für die Tage vom 31. Mai bis zum 2. Juni in der Stadthalle Beilstein, Albert-Einstein-Straße 20. Das Motto ist „Eine ,tote‘ Bahn höchst lebendig?“.  Am Freitag, 31. Mai, können Interessierte sich um 19.30 Uhr bei einem Festvortrag mit Bildern über „125 Jahre Idee Bottwartalbahn“ informieren. Am Samstag, 1., und Sonntag, 2 Juni, ist die Ausstellung mit Originalteilen, Modellen, Souvenirs und Gewinnspiel von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Auch die bahnpostgeschichtliche Sammlung Eberhard Frieß aus Marbach wird zu sehen sein. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei, sie werden von der Stadt Beilstein unterstützt. Weitere Informationen sind im Internet unter www.bottwartalbahn.de und www.historischer-verein-bottwartal.de zu finden.bus

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