Marbach/Bottwartal Landwirte vermissen Vertrauen – ist eine Wende nötig?

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Diskutieren über Landwirtschaft, Pestizideinsatz und Artensterben (von links): Wolfgang Manuel Simon, Wolfgang Schiele, Oliver von Schaewen, Jürgen Häußermann und Florian Petschl. Foto: Oliver Bürkle

Marbach/Bottwartal - Der Marbacher Landwirt Florian Petschl hat sich kürzlich in einem Bericht der ARD-Tagesthemen darüber beklagt, dass die Arbeit der Landwirte immer kritischer gesehen wird. Er möchte offen und transparent über konventionelle Anbaumethoden informieren. Zu wenig ist das aus Sicht von Wolfgang Manuel Simon, Vorsitzender des Vereins gentechnik- und pestizidfreie Landkreise Ludwigsburg/Rems-Murr. Er fordert eine länderübergreifende Agrarwende „gegen die Macht der Lobbyisten in der Agroindustrie“. Der Chef der Genossenschaft Labag, Jürgen Häußermann, fordert hingegen „mehr Vertrauen in die Landwirtschaft und deren Kontrolle durch die Behörden“. Wolfgang Schiele wünscht sich wiederum „eine Wende zugunsten des Artenerhalts und des Verbraucherschutzes“.

Herr Petschl, viele sehen in den Landwirten Umweltverschmutzer und misstrauen ihren Methoden. Sehen Sie sich als Prügelknabe?

Petschl:
Ich sehe uns nicht als Prügelknaben, Landwirt ist immer noch ein geschätzter Beruf. Wichtig ist für uns, mehr aufzuklären über das, was wir machen in der Tierhaltung und im Pflanzenanbau. Das hat vielleicht die Generation vor uns etwas versäumt. Wir Bauern müssen ja wirtschaften: Das A und O ist, unser Familieneinkommen zu erwirtschaften. Und wenn Gruppen auf unseren Hof kommen, bringen sie viele kritische Fragen mit, merken aber im offenen Gespräch, wie viele Gedanken wir uns machen.

Häußermann:
Das Image der Landwirtschaft hat in den letzten Jahren stark gelitten. In den Medien ist es sehr sexy, die Landwirtschaft an den Pranger zu stellen, sei es als Tierquäler, als Umweltverschmutzer, als Insektentöter und Klimabelaster. Aber in den letzten Jahren ist in der Landwirtschaft viel verbessert und transparenter geworden. Bedenklich finde ich, wenn sich Bio-Bauern zu Lasten ihrer Berufskollegen profilieren und deren Lebensmittel als schlecht darstellen.

Simon:
Wer schon mal krank war, weiß, wie wichtig es ist, gesunde Lebensmittel zu bekommen. Was auf den Äckern ausgebracht wird, entspricht dem oft nicht. Das Problem ist auch nicht, dass Bio-Landwirte gegen ihre Berufskollegen vorgehen. Es geht nicht um den Landwirt, sondern um das System der industriellen Landwirtschaft, die es vor allem in Norddeutschland gibt. Die meisten Menschen hier in der Umgebung schätzen die Arbeit der Landwirte, und das ist richtig – aber mir fehlt, dass Sie im ARD-Bericht Stellung beziehen gegen die Machenschaften der Agrarindustriellen, wenn es um Soja-Importe als Futtermittel und möglichst billige Massentierhaltung geht, die den kleinen Bauern das Wasser abgräbt.

Petschl:
Das ist das, was mich auch aufregt in der Politik. Man fördert das billige Rindfleisch aus Argentinien. Es juckt keinen, wie die Tiere dort gehalten werden. Da kann man nicht gleichzeitig fordern, dass die Deutschen weniger Fleisch essen sollen.

Simon:
Unser heutiges Thema ist ein lebenswichtiges Handlungsfeld für die folgenden Generationen. Die nächsten 30  bis 40 Jahre sind entscheidend, nicht nur was das Klima angeht. Wenn die Landwirtschaft wie nach dem neuesten Zahlen des Weltklimarates für 23 Prozent der Treibhausgase verantwortlich ist, dann ist da zunächst einmal nicht der Hof von Herrn Petschl verantwortlich. Aber! Gerade auch das Futtermittel für die Ställe der deutschen Massentierhaltung wird seit 30  Jahren nach Abholzung der Regenwälder auf Kosten der Natur und der dort arbeitenden Landarbeiterfamilien angebaut. Zudem ist all dieses Futter gentechnisch verseucht und die Böden sind kontaminiert.

Petschl:
Unser Metzger hat versucht, Fleisch aus gentechnikfreier Fütterung und das andere nebeneinander anzubieten. Das teurere Fleisch aus gentechnikfreier Fütterung lief nicht. Meine Frau hat ihre Examensarbeit über regionalen Soja-Anbau geschrieben, wir wollten den Weg mitgehen, aber es zahlt mir niemand. Ich kann es mir nicht leisten, noch zehn bis 15 Euro mehr ins Futter zu stecken, wenn die Abnehmer fehlen.

Häußermann:
Da stecken Existenzen dahinter mit drei Generationen am Hof. Die müssen ernährt werden und ein wirtschaftliches Auskommen haben. Der Verbraucher gibt heutzutage nur noch 15  Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus. Das ist die Situation in Deutschland, aber gehen Sie mal nach Osteuropa oder nach Asien. Da geben die Leute noch teilweise 80 Prozent aus. Mehr als 750 Millionen Menschen hungern weltweit. Wir müssen die Lebensmittelproduktion laut UN um 70 Prozent steigern, um das Bevölkerungswachstum von 7 auf 9 Milliarden Menschen bis 2050 zu bewältigen. Das stellt die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Wie sollen wir das ohne Pflanzenschutzmittel und Düngemittel schaffen? Auch die weltweite Versiegelung riesiger Landwirtschaftsflächen macht mir Sorgen.

Simon:
Ich empfehle Ihnen das Buch „Food crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ von Felix zu Löwenstein. Er ist Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft und sagt das, was auch im Weltagrarbericht steht: Es ist genug da! Für alle! Doch die Welt kann nicht mehr so weitermachen!

Schiele:
Wir schaffen es, ein Drittel unserer Lebensmittel fortzuwerfen. Beispiel Backwaren: Es muss doch nicht immer alles bis zur letzten Verkaufsstunde vorrätig sein. Auf der Schwäbischen Alb sagt mir der Bäcker nachmittags, wenn ich besondere Wünsche habe: Du kommst zu spät, du hättest vorbestellen müssen.

Häußermann:
Die Lebensmittel-Discounter schreiben den Bäckereifilialen vor, dass sie bis spät so und so viel Prozent der Auslage noch belegt haben müssen. Man müsste mehr Lebensmittel in den Kreislauf zurückbringen. So sammeln wir von der Genossenschaft Labag 10 000 Tonnen Brot jährlich ein, das wir in Hamm in Nordrhein-Westfalen von einer großen Firma zu Futtermittel machen lassen. Da könnte man in Deutschland noch viel machen, aber weltweit ist es ein Tropfen auf den heißen Stein.

Simon:
In Süd- und Nordamerika stehen Millionen von Hektar nicht mehr ackerbaulich zur Verfügung, weil die Pflanzen resistent sind gegen Glyphosat und anderen chemisch-synthetischen Spritzmittel. Es geht auch um die Regenwälder. Wir stehen an einem Punkt, an dem wir nicht mehr nur diskutieren können. Wir müssen die Wende schaffen, zusammen mit den Landwirten. Meine Kinder und Kindeskinder wollen auch noch 2050 gute Böden und eine intakte Natur erleben können. Da brauchen wir andere Schlüssel als die konventionelle Landwirtschaft. Wenn Sie sehen, wie die Soja-Unternehmer die Felder in Südamerika von landlosen Landarbeiterfamilien bearbeiten lassen, vergeht mir der Appetit auf Fleisch. Der Boden ist fertig, ausgelaugt und wird mehr und mehr von Superunkräutern eingenommen.

Petschl:
Es war ein Fehler der amerikanischen Landwirtschaft: mit Glyphosat drüber und fertig. Aber eine ausgeglichene Fruchtfolge kann dort noch den Prozess umkehren. Man kann wieder anfangen und selektive Herbizide verwenden, um die Glyphosatresistenzen zu brechen. Damit ist die Fläche nicht verloren. Das hat uns auch ein Amerikaner vom Anbauverband im Studium versichert.

Wie sieht es bei uns auf den Feldern aus?

Schiele:
Mir fällt auf: Es gibt hier eine stark nachlassende Population von Wildbienen. Ich rede nicht von Bienen, die von Imkern als Nutztiere gehalten werden. Ich beobachte, dass auf manchen Ackerflächen gespritzt wird. Als ich einen Landwirt beim Spritzen sah, habe ich ihn nach dem ausgebrachten Mittel, das er spritzt, gefragt. Nachdem er mir den Namen des Mittels mitteilte, habe ich zu Hause in der Liste der zugelassenen PSM nachgeschaut. Es war ein Mittel, das für Menschen nicht ungefährlich ist. Entgegen der Herstellerangaben hat er das Mittel mit offenem Traktorvisier und ohne Schutzkleidung ausgebracht. Auch das so genannte Gutationswasser, das Pflanzen bei Hitze austreiben, ist mit Giftstoffen angereichert, und die Insekten nehmen es auf.

Wie bedenklich sind die Mittel, die auf unseren Feldern gespritzt werden?

Häußermann:
Ich bedaure stark, dass, wenn über Pflanzenschutz geredet wird und man nur noch über Pestizide und Pflanzengifte spricht – da wird nicht unterschieden, ob es Herbizid, Fungizid oder etwas anderes ist. Da heißt es nur noch, alles ist giftig. Es wird in den Medien viel Nonsens verbreitet.

Simon:
Es kommt doch aber auch auf die Mengen an. Die konventionelle Landwirtschaft hat einen mächtigen Beschützer, den CDU-Landwirtschafts- und Verbraucherminister Haug. Er sagte vor Kurzem, dass es die Verbraucher gar nicht zu interessieren hat, was die Landwirte spritzen. Aber dies darf doch nach Veröffentlichung vieler Studien von staatlichen Stellen und Verbänden wie Nabu oder BUND über Boden und Grundwasserbelastungen kein Geheimnis sein! Warum wird nicht mehr Transparenz betrieben?

Gibt es gute und schlechte Spritzmittel?

Schiele:
Was mich wundert: Der Landwirt bricht seinen Acker um und am nächsten Tag kommt er mit seinem Sprühgerät. Was macht er da?

Häußermann:
Das kann ich mir nicht vorstellen!

Petschl:
Es gibt Mittel, die im Vorauflauf der Kulturpflanzen ausgebracht werden dürfen, das wird heutzutage in der Regel nicht mehr eingesetzt. Es gibt wie in jedem Beruf auch schwarze Schafe, aber in der Regel versuchen wir ohne diese Mittel auszukommen. Bei der Zuckerrübe planten wir dieses Jahr zwei Pflanzenschutzmaßnahmen gegen Fraßschädlinge wie die grüne/schwarze Blattlaus auszubringen. Bei der Pflanzenschutzplanung fließen die Informationen der Fachbehörden mit ein. In diesem Jahr ist genügend Regen gefallen, sodass die schwarze Bohnenblattlaus sich nicht stark vermehren konnte. Wir mussten also kein Insektizid ausfahren.

Muss man Landwirte stärker kontrollieren?

Häußermann:
Es gibt Schulungen über den Pflanzenschutz, die auch wir den ganzen Winter über mit unseren Landwirten machen. Sie müssen jährlich Nachweise darüber erbringen. Seit fünf Jahren muss ein Landwirt eine Scheckkarte bei sich tragen, um die Berechtigung durch die entsprechende Schulbildung nachweisen zu können. Da hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren viel getan. Es ist auch schwierig, neue Pflanzenschutzprodukte auf den Markt zu bringen bei Entwicklungskosten von rund 200 Millionen Euro. Wir haben noch nie so sichere Lebensmittel in Deutschland gehabt, auch dank der genauen Analytik der Kontrollbehörden. Natürlich müsste noch mehr passieren, aber wir sind auf einem guten Weg.

Simon:
Jeder Analytiker wird Ihnen bestätigen, dass die Analytik um Jahre zurückhängt, was die Neuzulassung von Spritzmitteln angeht, die „gerade auch in der Zulassungs-Pipeline“ in Brüssel sind. Ich war auf einer Tagung mit Experten zur neuen Gentechnik. Da ist derzeit kein Analytiker in der Lage, irgendetwas nachzuweisen. Die Macht der weltweit tätigen Agro- und Chemiekonzerne wie Bayer ist so gewaltig, dass die Landwirte auch hier im Ländle im Dunkeln gelassen werden.

Petschl:
Uns werden jährlich zehn bis 15  Mittel mit den dazugehörigen Wirkstoffen weggestrichen, und kein einziger neuer Wirkstoff kommt. Ich war auch schon bei Bayer. Der letzte neue Wirkstoff kam 1996. Die Zulassungshürden sind so hoch, dass sie kein neues Mittel bringen.

Häußermann:
Die Experten, die Mittel zulassen, wie etwa die vom Bundesamt für Risikobewertung, haben viel mehr Ahnung als wir. Dieses Amt ist auf Betreiben der Grünen-Ministerin Renate Künast damals gegründet worden. Irgendwo müssen wir doch auch ein bisschen Vertrauen haben.

Simon:
Die deutschen Verbraucher gehören aber aufgeklärt, welche Futtermittel und die in ihnen enthaltenen Spritzmittel hier importiert werden. Mir geht das Leben der Landarbeiter in Paraguay und Argentinien nicht aus dem Kopf. Man kann die Kinder, die mit Genschäden auf die Welt kommen, inzwischen googeln. Daher möchte ich hier regional Landwirte unterstützen, die nicht mit Spritzmitteln aus dem Giftschrank der Agrochemielabore über den Boden ihrer Felder und Obstanlagen gehen. Denn so wurde früher auch nicht gearbeitet. Wir bewohnen alle nur einen Planeten, an dessen Grenzen wir immer schneller stoßen.

Was machen Sie als Landwirt im Wissen um diese Zusammenhänge?

Petschl:
Wir benutzen kein Glyphosat, höchstens in Notfällen, wenn es ein Problem mit einem Unkraut gibt. Gentechnik ist für uns in Deutschland kein Thema. Im Anbau machen wir derzeit die Grundbodenbearbeitung nach der Ernte. Das machen wir schonend, indem wir flache Bearbeitungsstriche von fünf bis acht Zentimeter Tiefe ziehen. Die Gülle wird bodennah direkt eingearbeitet.

Sind Sie ein Leuchtturmbetrieb oder machen es die anderen auch so?

Häußermann:
Die amtliche Beratung legt sehr viel Wert darauf. Der Landwirt muss seine Felder nachhaltig behandeln, weil er will, dass seine Kinder die Böden noch bewirtschaften können. Dass solche Zusammenhänge durch emotionale Ansichten infrage gestellt werden, bedauere ich.

Schiele:
Die Landwirte, die ich sehe, die behandeln ihre Felder anders. Die ackern und fahren anschließend mit dem gelben, kleinen Tank, in dem bestimmt keine Gülle ist, über das Feld und spritzen. Neulich kam eine Mutter zu mir und hat mich gefragt, ob das meinen Bienen nichts ausmachen würde.

Petschl:
Ich kann Ihnen alle Landwirte in Erdmannhausen aufzählen. Da ist keiner dabei, der das so macht. Es würde auch keinen Sinn machen. Wenn, dann müsste er das Pflanzenschutzmittel vorher ausbringen, um Problemunkräuter zu bekämpfen.

Wie stark wird unter den Landwirten diskutiert schonend vorzugehen?

Petschl:
Ich fahre den kompletten Landkreis mit dem Rübenroder ab, der für die Ernte überbetrieblich eingesetzt wird. Das sind mehr als 200 Landwirte. Man sieht als Fahrer, wie sauber die Felder sind. Da tauscht man sich aus, auch in der Landjugend spricht man und erzählt sich von aktuellen Verfahren, damit sich die Böden und Bestände gut entwickeln.

Schiele:
Könnten Sie sich vorstellen, mit Leuten wie mir einen runden Tisch zu bilden. Dann könnten wir uns austauschen, wo wir zukünftig hinwollen?

Petschl:
Bei ihrer Unterschriftenaktion fordern Sie unter anderem, dass der Pestizideinsatz nicht mehr stattfinden soll. Dabei schließen Sie die Pachtflächen der Landwirte mit ein. Deshalb könnte ich Ihre Unterschriftenliste nicht unterschreiben. Dann dürften auch Gemeindeflächen nur noch an biologisch wirtschaftende Betriebe verpachtet werden.

Simon:
Das wird sowieso kommen. In 15 Jahren ist das der Fall. Schauen wir nach Bayern: Wir müssen diese Wende vollbringen. Die Verbraucher und die Landwirte müssen es gemeinsam schaffen. Wenn Ihre Tiere genauso gesund und naturverbunden aufwachsen wie die ökologischen, dann kaufe ich das auch. Wenn es aber mit all den Problemen, die wir gerade besprochen haben, produziert wird, dann lasse ich das liegen und wähle die gesündere und naturverträglichere Alternative der ökologischen Landwirtschaft.

Schiele:
Es geht mir um den Erhalt der Arten. Was können wir denn überhaupt noch machen? Ich vermute, dass das Thema noch weitergeht. Es wird in der Presse weiter diskutiert und die Landwirte werden angefeindet. Mein Wunsch wäre, gemeinsam etwas zu erreichen.