Marbach/Bottwartal Aussortierte Kleidung muss nicht in die Tonne

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Der Frauenkleidermarkt in Steinheim bietet Gelegenheit zum Ver- und Einkauf von modischen Kleidungsstücken. Foto: Archiv (avanti)

Marbach/Bottwartal - Der Kleiderschrank ist voll, aber trotzdem ist irgendwie einfach nichts zum Anziehen da. Ein Problem, das viele Frauen und sicher auch einige Männer kennen. Also was tun? Oft führt der Weg dann in ein Einkaufszentrum oder eine Fußgängerzone zum Einkaufsbummel. Doch dabei schwingt auch das schlechte Gewissen mit: Immer wieder beherrschen die schlechten Produktionsbedingungen in den Textilfabriken in Asien die Schlagzeilen. Chemikalien entzünden sich in den Fabriken, die Gebäude werden daraufhin zu Todesfallen. 2013 stürzte die Rana-Plaza-Textilfabrik in Bangladesch ein und riss 1135 Menschen in den Tod, 2438 weitere Arbeiter wurden verletzt. Und auch sonst herrschen oft menschenunwürdige Bedingungen in den Produktionsstätten. Das alles passiert, damit die Menschen im Westen möglichst preisgünstige Kleidung kaufen können – und das am besten jede Saison neu und in Massen. „Fast Fashion“ nennt sich dieses Konsumverhalten, dem sich verstärkt die Bewegung „Slow Fashion“ entgegenstellt. Deren Steckenpferd ist neben ökologischen und fairen Labels vor allem auch die Secondhand-Mode – also gebrauchte Kleidungsstücke.

Ein Vorreiter in der Region ist dabei der Ökumenische Kleiderladen Marbach. „Uns gibt es schon seit 35 Jahren“, weiß Leiterin Dorothea Möller. Er wurde von Annemarie Keppler, der Frau des damaligen Bürgermeisters der Stadt Marbach, ins Leben gerufen: „Die Intention war es, Leute mit weniger Mitteln preiswert mit Klamotten zu versorgen.“ Das ist auch heute noch der Fall, doch ein weiteres Anliegen ist dem Team immer die Nachhaltigkeit gewesen. Hier können Menschen nämlich ihre aussortierten Stücke abgeben und einer sinnvollen Verwertung zuführen, erklärt Möller: „Wenn ich die Teile in einen Container gebe, weiß ich nie wo es letztendlich landet.“ In diesem Bereich herrscht oft Intransparenz und es gebe auch schwarze Schafe – viele Spenden landen per Schiff oder Flugzeug im Ausland, was wenig umweltfreundlich ist und zudem dem Textilhandel vor Ort schadet.

„Ich habe Hochachtung vor jedem, der seine Kleidung zu uns bringt“, betont Möller. Denn die Räumlichkeiten des Ladens im Keller der Stadtbücherei sind nur über steile Treppen zu erreichen. „Wer da seine Körbe runterträgt, der macht sich wirklich Mühe, um uns zu unterstützen.“ Unterstützt wird dabei übrigens auch die Jugendarbeit in der Stadt – der komplette Erlös der ehrenamtlichen Arbeit geht Jahr für Jahr an die Kindergärten der Schillerstadt sowie auch an das Jugendhaus.

Einkaufen darf im Ökumenischen Kleiderladen übrigens jeder – und das lohnt sich gleich in mehrerlei Hinsicht, nicht nur mit Blick auf die Nachhaltigkeit. „Das Schmuddel-Image, das Secondhand-Kleidung anhaftet, stimmt nicht“, betont Dorothea Möller. In den Regalen und an den Kleiderstangen lassen sich durchaus modische Stücke finden, teilweise auch von Markenherstellern. Diese kosten allerdings nur einen Bruchteil dessen, was im Laden verlangt wird. Das spart bares Geld und gleichzeitig die Ressourcen. Ein wichtiges Thema für Möller: „Wir haben die Erde nur geliehen, sie ist nicht unser Eigentum.“ Ein sorgfältiger Umgang ist also gefragt. Zugleich ist jedes gekaufte Kleidungsstück ein Stück weniger, das in den Müll wandert. Gleichzeitig tut der Käufer auch seiner Gesundheit etwas Gutes, weiß Möller: „Eine Kundin kauft für ihre Kinder nur bei uns ein, weil die Chemikalien und Schadstoffe schon ausgewaschen worden sind.“ Letzten Endes ist Secondhand aber auch einfach eine schöne Möglichkeit, den Kleiderschrank um Einzelstücke zu erweitern.

Vorteile, die immer mehr Menschen bewusst werden und die nun gezielt nach Secondhand-Kleidung stöbern. Dass das richtig Spaß machen kann, beweist der Steinheimer Frauenkleiderbasar des CVJM. „Der eigentliche Gedanke war es, aus den Erlösen einen Jugendreferenten zu finanzieren“, erklärt Organisatorin Christine Klotz. „Mittlerweile nimmt der Nachhaltigkeitsgedanke aber immer mehr Platz in den Köpfen ein.“ Rund 250 Frauen pilgern jeweils zu den Terminen ins Gemeindehaus.

Das Alter ist dabei bunt gemischt. Die Beweggründe zum Secondhand-Kauf decken sich fast immer: „Der Kleiderschrank lässt sich günstig aufpeppen und gleichzeitig wird Müll vermieden.“ Wer auch noch als Verkäuferin aktiv ist, kann sich sogar ein paar Münzen dazuverdienen – 85 Prozent werden behalten, 15 Prozent gehen an den CVJM. Viele Verkäuferinnen sind auch selbst Kunden, daher gebe es ein Bewusstsein dafür, dass in erster Linie gut erhaltende, modische und saubere Teile abgegeben werden. Die Organisatoren sortieren die Körbe aber auch vor dem Verkauf noch einmal durch.

Das eigentliche Vergnügen beginnt dann, sobald sich die Türen öffnen. Sortiert nach Größen können Oberteile, Hosen und Co durchstöbert und direkt anprobiert werden – in den Umkleiden entwickelt sich dabei oftmals ein Miteinander vorher einander fremder Frauen: „Es wird sich gegenseitig beraten und die gefundenen Schätze auch untereinander getauscht, wenn etwas nicht richtig passt.“ Fast jede Frau geht anschließend mit einem neuen Teil nach Hause, was Christine Klotz sehr freut: „Jedes Stück, das einen neuen Liebhaber findet, wandert nicht in die Tonne.“