Marbach Beschluss über Ganztagsschule ist vertagt worden

Von
Wie geht es an der Marbacher Grundschule weiter? Foto: picture alliance

Die Schulkonferenz will nach den Sommerferien erneut tagen. Die Elternvertreter möchten die nächsten Wochenzum Austausch mit der Stadt und dem Schulträger nutzen.

Marbach - Die Schulkonferenz der Grundschule Marbach hat am Dienstagabend getagt – aber noch keine Entscheidung getroffen. Vergangenen Freitag hatte die Gesamtlehrerkonferenz (GLK) einen Antrag aus der Lehrerschaft positiv beschieden, wonach die Marbacher Grundschule zum Schuljahr 2021/22 aus dem Ganztagsmodell aussteigen soll (wir berichteten). Wäre die Schulkonferenz, die sich aus Lehrern und Elternvertretern paritätisch zusammensetzt, dem Beschluss der GLK gefolgt, hätte sich der Gemeinderat mit dem Votum befassen müssen. Was letztlich die Entscheidung pro Vertagung herbeigeführt hat, bleibt für die Öffentlichkeit ebenso weiter im Dunkeln wie die expliziten Gründe für den GLK-Beschluss. Es habe einen vertraulichen und konstruktiven Austausch aller Beteiligten über Verbesserungsmöglichkeiten in der Ganztagsschule (GTS) beziehungsweise der Betreuung gegeben, teilt Schulleiterin Nicole Kossira mit. Einstimmig sei beschlossen worden, die Entscheidung zur Fortführung der GTS auf nach den Sommerferien zu vertagen. Davor werde es einen Austausch mit den Vertretern des Elternbeirates geben. „Des Weiteren wünschen die Elternvertreter der Schulkonferenz einen zeitnahen Austausch in den Sommerferien mit den Verantwortlichen des Trägers und werden auf diese zugehen.“ Seitens des Elternbeirates gab es am Mittwoch keine Stellungnahme.

Der Ärger und die Enttäuschung vieler Eltern über den Beschluss, aber vor allem über die fehlende Transparenz und das Hauruck-Verfahren seitens der Schule haben sicher eine Rolle bei der Vertagung gespielt. Und nicht nur die Eltern der aktuellen Grundschulkinder haben Kritik geäußert. Auch Sabine Ewert und Melanie Oertel, die Vorsitzenden des Gesamtelternbeirates der Kindergärten, setzten am Dienstag ein Schreiben an die Leiterin der Grundschule, Nicole Kossira, die Elternbeiratsvorsitzende Berenice Hagelstein sowie an Bürgermeister Jan Trost und die Erste Beigeordnete Franziska Wunschik auf – stellvertretend für die Eltern, deren Kinder zukünftig die Marbacher Grundschule besuchen. Der Zeitpunkt des Antrags beziehungsweise der Schulkonferenz sei ungünstig, heißt es in dem Brief. „Die Eltern der vierten Klasse betrifft es nur noch bedingt; die Eltern der zukünftigen Erstklässler können nicht angehört werden.“ Die Bedenken hinsichtlich der von den Lehrern gewünschten Abschaffung der Ganztagsschule (GTS) führen die beiden in drei Punkten auf. Für Kinder aus sozial schwachen Familien oder aus schwierigen Familienverhältnissen gehöre das Angebot zu den Grundbedürfnissen, da die Ganztagsschule eine Grundlage biete für ein ausgewogenes Mittagessen, sinnvolle Beschäftigung am Nachmittag und Hausaufgabenbetreuung. Die GTS gewährleiste eine kostenneutrale und verlässliches Betreuung. „Dies ist uns ein besonders Anliegen für alle Eltern“, betonen Ewert und Oertel. Außerdem solle es eine flexible, familienfreundliche und kostenneutrale Betreuung geben, die sich alle leisten und in Anspruch nehmen können.

Wie geht’s jetzt also weiter? Um in einem Jahr nicht mehr Ganztagsschule zu sein, muss beim Regierungspräsidium Stuttgart ein Änderungsantrag bis 1. November eingereicht werden, so Wunschik. Das bedeutet, dass die nächste Schulkonferenz im September tagen muss, damit der Gemeinderat in der Oktober-Sitzungsrunde eine Entscheidung treffen kann. Offenbar, aber auch da ist die Nachrichtenlage dürftig, soll in der zweiten Schulwoche – also vor der nächsten Schulkonferenz – eine Sitzung des Elternbeirates stattfinden. Außerdem soll wohl unter den Eltern eine Umfrage gemacht werden, um ein Stimmungsbild zu bekommen.

Stichwort Arbeitsgruppe „Grundschule Marbach“. Grünen-Rat Sebastian Engelmann, der dort mit dem CDU-Kollegen Jochen Biesinger den Rat vertritt, hatte Bürgermeister Jan Trost am Freitag vor einer Woche um ein zeitnahes Zusammenkommen der Gruppe gebeten und moniert, dass er vom Stadtchef nichts gehört habe. Eine Aussage, die Trost überrascht, wie er schriftlich mitteilt. Nach einem Gespräch mit der Schulleitung am vergangenen Freitag, also eine Woche nach Engelmanns Anfrage, habe Franziska Wunschik dem Gemeinderat mitgeteilt, dass man rasch ein Treffen mit der Schulleitung und jeweils einem Vertreter aus allen Fraktionen anberaumen werde – sofern die Schulkonferenz ebenfalls für die Beendigung der GTS stimmen würde. „Wie Herr Engelmann zu seiner Aussage kommt, erschließt sich mir nicht“, so Trost. Engelmann sieht indes keinen Widerspruch. „Ich habe eine Woche lang nichts von Herrn Trost gehört und stattdessen dann – erst nachdem Frau Kossira auf dem Rathaus war – eine Mail von Frau Wunschik erhalten, in der ein Gespräch in Aussicht gestellt wurde. Ich hätte mir vom Bürgermeister zumindest eine kurze Antwort gewünscht, gerade bei diesem brisanten Thema.“ Wunschik ihrerseits hat am Mittwoch auf den Elternwunsch sofort reagiert und für den August zu einem Gespräch von Elternvertretern, Verwaltung und Fraktionsvertretern eingeladen.

„Die Ganztagsschule ist ein schulisches Angebot“

Die Lehrer der Marbacher Grundschule wollen das Ganztagsmodell kippen. Ein entsprechender Beschluss der Gesamtlehrerkonferenz liegt vor. Das wirft die Frage auf, wie es an anderen Ganztags-Grundschulen läuft? Ist die Schulform auch anderswo in der Beliebtheitsskala gesunken? Finden sich generell zu wenige Pädagogen, die gerne ganztags unterrichten?

Die Silcherschule in Kornwestheim gehört zu den ersten, die 2014 die Ganztagsschule in Wahlform umgesetzt haben. 328 Schüler besuchen die Einrichtung, 211 davon in der Ganztagsform – dreimal pro Woche. Es gibt reine Ganztagsklassen, aber auch gemischte. „Wir hätten am liebsten reine Ganztagsklassen, aber das hängt natürlich immer von der Anmeldezahl ab“, sagt Schulleiterin Petra Götz. Doch das Miteinander – auch in gemischten Klassen – funktioniere gut. Die so genannten „Halbtagskinder“ haben verpflichtend einmal in der Woche nachmittags Unterricht. „Anders ließe sich alles nicht organisieren.“ Unmut der Eltern habe diese Regelung nicht verursacht. Die Silcherschule verstehe sich als Ganztagsschule. Das werde so auch in Stellenausschreibungen bewusst kommuniziert. An Bewerbungen habe es deshalb noch nie gemangelt, betont Götz. „Wir kommunizieren das ganz klar: Wer mit einem vollen Deputat zu uns kommt, muss zweimal nachmittags arbeiten, mit einem halben Deputat einmal.“ Ein Rückfall in alte Zeiten ist für Götz nicht denkbar. Das Ganztagsmodell hält sie aus gesellschaftlicher, aber auch aus pädagogischer Sicht für unabdingbar. „Wenn wir zurück in die Kernzeitbetreuung gingen, dann würde das die Eltern einen Haufen Geld kosten, und die, die es nicht bezahlen können, würden wir verlieren. Die säßen dann mittags wieder allein vor dem Fernseher. Das kann nicht unser Ziel sein.“ Gerade in Zeiten von Corona habe man gemerkt, wie wertvoll Ganztagsschule für die Kinder sei, betont Götz.

Auch Jasmin Meister von der Steinheimer Blankensteinschule kann sich ein Ende der Ganztagsschule nicht vorstellen. Zwischen 60 und 70 Prozent der insgesamt 350 Grundschüler sind an drei Tagen in der Woche in der Ganztagsform. Die restlichen Tage werden über eine von der Stadt organisierte Kernzeitbetreuung abgedeckt. Im Moment sind die Klassen gemischt – also Halbtags- und Ganztagskinder. Die Ganztagskinder haben vormittags eine so genannte LAZ-Stunde, eine Stunde, in der sie sich vom Lernen eine Auszeit nehmen können. Die Halbtagskinder haben in dieser Zeit beispielsweise Musikunterricht. „Das parallele Laufen des Stundenplans ist ein organisatorischer Megaaufwand, aber es geht“, so Meister. Viel Arbeit bedeute auch die Kommunikation mit den Vereinen beispielsweise und die Organisation der Arbeitsgemeinschaften. „Das schlägt nirgendwo auf und muss nebenher laufen.“ Was das Thema Stellenbesetzung angeht, so sei es in der Tat so, dass es einfacher ist, eine Stelle für das Halbtagsmodell zu besetzen. „Aber es gibt auch Lehrkräfte, die gerne an der Ganztagsschule mitwirken.“ Kernzeitbetreuung sei ein wichtiges Zusatzangebot, stellt Meister klar. „Aber Ganztagsschule ist für mich nicht nur ein Betreuungsangebot, sondern ein schulisches Angebot. Das ist was völlig anderes.“

Das sieht auch Mechthild Wittmer von der Höpfigheimer Grundschule so. Ganztagsschule geht über eine Betreuung hinaus, betont sie. Seit 2014 ist die Grundschule im Steinheimer Stadtteil Ganztagsschule. Wittmer kann es sich anders nicht vorstellen. „Das wäre ein Rückschritt.“ Im nächsten Schuljahr können erstmals eine reine und eine gemischte Ganztagsklasse gebildet werden. 35 der 44 Erstklässler sind für den Ganztagsbetrieb angemeldet. „Das zeigt aus meiner Sicht die gesellschaftliche Bedeutung.“ Für eine Stelle, die sie dieses Jahr ausschreiben konnte, habe sie viele Bewerbungen bekommen.