Ludwigsburg Wissen, was im Notfall zu tun ist

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Ausbilder Heiko Mannal erläutert den Teilnehmern die richtige Vorgehensweise nach einem Verkehrsunfall. Foto: Werner Kuhnle

Das Deutsche Rote Kreuz bildet in eintägigen Seminaren betriebliche Ersthelfer fort – und nimmt ihnen dadurch mögliche Hemmschwellen und Ängste.

Ludwigsburg - Stellen wir uns vor, der äußerste Notfall tritt ein: Ein Mensch in unserer Nähe bricht zusammen, atmet nicht mehr. Wie muss jetzt der Wiederbelebungsversuch aussehen? Wie oft und wie schnell pumpe ich bei der Herzdruckmassage? Wo befindet sich das Herz eigentlich? Wie oft führe ich dem Betroffenen zwischenzeitlich Luft durch Mund oder Nase zu? Und wie funktioniert ein Defibrillator? Fragen, die im Ernstfall von großer Bedeutung sind. Aber auch Fragen, auf die es bei den knapp 20 Teilnehmern des Ersthelfer-Kurses beim Deutschen Roten Kreuz in Ludwigsburg teils weit auseinander liegende Antworten gibt. Was also ist genau zu tun, wenn’s wirklich drauf ankommt?

Bei der rund siebenstündigen Ersthelfer-Ausbildung des DRK werden genau solche Themen besprochen. Das Ziel: Angestellte von Betrieben auf den Fall der Fälle vorbereiten, damit sie in medizinischen Ausnahmesituationen am Arbeitsplatz erste Maßnahmen ergreifen können, bis der Rettungsdienst eintrifft. „Der Kurs wird von den Firmen gut wahrgenommen. Oft senden sie auch mehr Mitarbeiter zu uns, als sie eigentlich müssten“, sagt Heiko Mannal erfreut.

Der Ausbilder, der die Schulung leitet und die Inhalte lebhaft und leicht verständlich vermittelt, möchte zum einen das Wissen der Teilnehmer auffrischen. Immerhin liegt der Erste-Hilfe-Kurs beim Führerschein bei manchem in der Runde 35 Jahre zurück. Zum anderen geht es ihm darum, Hemmschwellen und Ängste abzubauen. „Die Wiederbelebung kriegt jeder hin. Das einzige, was uns blockiert, ist unser Kopf“, nennt er ein Beispiel. Hilft die Maßnahme trotzdem nicht, müsse sich niemand einen Vorwurf machen – tot war die Person schließlich schon. „Wir können die Situation in einem solchen Fall ja nur verbessern. Das Schlimmste, was man tun kann, ist nichts zu tun.“

Mannal macht deutlich, dass der Eigenschutz im Notfall immer Vorrang vor dem Patienten habe. Er redet vor der Gruppe auch nichts schön, macht deutlich, dass Rippenbrüche bei einer Reanimation keine Seltenheit aber eben auch nicht schlimm sind. Oder dass es bei zu reanimierenden Rollstuhlfahrern am einfachsten sei, den Rollstuhl zur Seite umzukippen – auch wenn das bei Umstehenden für aufgebrachte Reaktionen sorgen könnte. Und auch den Ekelfaktor, fremden Menschen durch Nase oder Mund Luft zuzuführen, spricht der Ausbilder an. „Auch das ist reine Kopfsache. Bei einem Kind etwa würde uns das überhaupt nicht stören. Bei Erwachsenen tut es das aber“, so Heiko Mannal. Abhilfe schaffen kann eine Beatmungsmaske, die zusammengefaltet und verpackt an jeden Schlüsselbund passt. Mancher Teilnehmer hatte sich eine solche Maske auch bereits zugelegt. Und was im Lauf des Tages ebenfalls deutlich wird: In der Gruppe ist viel Vorwissen vorhanden.

Genommen wird den Ersthelfern in spe auch die Angst, einen Defibrillator anzuwenden. Die Vorführung anhand einer Plastikpuppe zeigt: Die Anwendung ist kinderleicht, da das Gerät selbst den Herzschlag des Betroffenen misst und sämtliche Schritte per Sprachcomputer anleitet. Und: Die Puppe macht, anders als in vielen Hollywood-Streifen, auch keinen Satz Richtung Decke. „Es gibt nur ein Muskelzucken“, macht Mannal deutlich. Er lehrt den Teilnehmern auch, wie Unfallstellen abzusichern sind. Oft werde des Warndreieck aufgestellt, wo gar nicht mehr rechtzeitig gebremst werden könne. Im Ort braucht es etwa 50 Meter, auf Landstraßen 150 Meter und auf der Autobahn 250 Meter – also durchaus einen längeren Fußmarsch.

Die Themen beim Ersthelfer-Kurs sind also ernst, die Stimmung unter den Teilnehmern ist dennoch locker. Man ist gleich per Du, es werden Fragen jeglicher Art gestellt, mancher berichtet von bereits gemachten Erfahrungen. Einer der Teilnehmer, Anfang 50, musste sogar selbst wiederbelebt werden. „Dass Du hier sitzt, zeigt, dass sich der Aufwand lohnen kann“, verdeutlicht Heiko Mannal.

Die über den Tag verteilten praktischen Übungen werden zu zweit oder in der Gruppe bewerkstelligt. Etwa beim Anlegen eines Druckverbandes, mit dem eine starke Blutung gestoppt werden kann. Beim Erproben der stabilen Seitenlage, die zur Anwendung kommt, wenn ein Mensch atmet, aber nicht mehr bei Bewusstsein ist. Oder beim vorsichtigen Abziehen eines Motorradhelms, das nötig ist, wenn der Fahrer bewusstlos ist. Die Atmung ist dann schließlich wichtiger als der Zustand der Wirbelsäule. Auch im Notfall ist Zusammenspiel gefragt. „Als Ersthelfer sollte man die drum herum stehenden Menschen mit einbeziehen. Oft wollen diese ja helfen, wissen nur nicht wie. Einer muss aber den Hut aufziehen – und da braucht’s dann auch kein Bitte und Danke.“ Bei einer Reanimation sei es schon hilfreich, dem Helfenden eine Jacke unter die Knie zu legen – die würden nach mehreren Minuten schließlich erheblich schmerzen. Und bei Unfällen sei es schon ein Anfang, so Mannal, einen weiteren Verbandskasten anzubieten. „Und sonst gilt: einfach machen. Wir denken immer viel zu kompliziert“, gibt der Ausbilder der Gruppe mit auf den Weg. „Hier können wir viel von Kindern lernen. Die tun einfach, ohne sich dabei groß Gedanken zu machen.“

Achja: Der richtige Rhythmus bei der Wiederbelebung lautet 30 mal pumpen bei der Herzdruckmassage und zweimal beatmen über Mund oder Nase, dann dasselbe von vorne. Wichtig: Atmet man dem Opfer durch den Mund, ist die Nase zuzuhalten – andersrum genauso. Und die Schnelligkeit beim Pumpen? Hier nehmen die Teilnehmer Eselsbrücken mit, geben doch etwa die Lieder Pippi Langstrumpf, Highway to Hell oder Yellow Submarine im Notfall genau den richtigen Takt vor. Oder thematisch leider passend, dadurch aber möglicherweise noch einfacher zu merken: Atemlos von Helene Fischer. Der Takt ist also flott – und zwar ganz bewusst. „Mindestens hundert Schläge in der Minute müssen es schon sein. Man muss schneller sein als der normale Herzrhythmus“, erläutert Heiko Mannal. Und auch wenn bei der Nationalhymne die Hand gerne auf die linke Brust gelegt wird: Das Herz befindet sich mittig auf Brusthöhe. Also muss auch hier gepumpt werden.