Lockdown und Homeschooling Krisen und Magersucht haben zugenommen

Von Julia Spors
FSG-Schüler haben auf der Bühne von ihren Erfahrungen erzählt und damit den Freitag eröffnet. Anschließend ordnete Albrecht Wacker alles wissenschaftlich ein. Foto: Werner Kuhnle

Albrecht Wacker hat in der Marbacher Stadthalle die Ergebnisse von zwei Schülerbefragungen – eine durchgeführt im ersten Lockdown, die andere im zweiten – vorgestellt. Dabei werden die Unterschiede deutlich. Sie unterstreichen das, was FSG-Schüler zuvor berichtet haben.

Es sei eine Situation gewesen wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf einmal seien alle Klassenzimmer verwaist gewesen. Mit diesen Worten eröffnete Albrecht Wacker, Professor für Schulpädagogik der Sekundarstufe I an der PH Ludwigsburg, seinen Vortrag unter dem Motto „Sind doch Corona-Ferien, oder nicht?“ im Rahmen des Marbacher Forums Zeitgeschehen. Die Befunde zweier Schülerbefragungen stellte der Fachmann in der Marbacher Stadthalle dem interessierten Publikum sowie Schülern des Leistungskurses Gemeinschaftskunde des Friedrich-Schiller-Gymnasiums vor. Und seine Ergebnisse unterstrichen das, was die Schüler zuvor von ihrer Zeit während der Lockdowns und mit Homeschooling erlebt und empfunden haben.

Die erste Schülerbefragung Im März 2020 während des ersten Lockdowns wurde die erste Befragung per Online-Tool durchgeführt. Teil nahmen hierbei 169 Schüler vor allem aus der Sekundarstufe. Aber auch Grundschüler gaben Antworten. Heraus kristallisierte sich hierbei, dass die Kommunikation vor allem über E-Mails stattfand. Die meisten gaben an, pro Tag etwa ein bis zwei Stunden oder zwei bis drei Stunden etwas für die Schule zu machen. Gestellte Aufgaben wurden jedoch nur teilweise angeschaut oder kontrolliert, was viele monierten. Auch an der digitalen Infrastruktur haperte es noch ordentlich. Die Schüler forderten mehr Videokonferenzen, Erklärvideos, eine bessere Organisation des Distanzunterrichts und mehr Feedback. Alles in allem hätten sie sich alleingelassen gefühlt.

Die zweite Schülerbefragung Diese fand dann im Februar 2021 während des zweiten Lockdowns statt. Diesmal nahmen 396 Schüler daran teil – und sie berichteten zu 88 Prozent von positiven Veränderungen im Vergleich zum ersten Lockdown. Inzwischen würden mehr Videokonferenzen und mehr Onlineunterricht stattfinden, auch gebe es mehr Struktur, die Organisation verlaufe geordneter, und die Kommunikation mit der Schule und den Lehrern hätte sich verbessert. Die Schüler, die von einer negativen Entwicklung sprachen, berichteten hauptsächlich von instabilen Netzen, also einer schlechten Infrastruktur.

Die Erkenntnisse anhand der Befragungen „Die Kommunikation hat sich in dieser Zeit vom anfänglichen E-Mail-Verkehr zu Plattformen wie Microsoft Teams oder Clouds hin verlagert“, so Albrecht Wacker. Deutlich wurde für ihn bei der Auswertung auch, dass an Real- und Gemeinschaftsschulen mehr Feedback gegeben wird als an Gymnasien. „Dort sind die Klassen aber auch am größten, und die Schulart ist zudem darauf ausgelegt, mehr auf eigenständiges Arbeiten abzuzielen“, so der Fachmann. Des Weiteren kristallisiere sich heraus, dass die soziale Lage der Familie eng mit den Lernlücken verknüpft ist. Schwachpunkt der Befragung: „Es ist davon auszugehen, dass gerade sozial benachteiligte Schüler gar nicht an der Befragung teilgenommen haben, da sie gar keinen oder weniger Zugang zu den Online-Tools haben“, erklärte Wacker.

Die psychischen Folgen des Lockdowns In Familien sei die Überlastung gewachsen, resultierte Albrecht Wacker. Besorgniserregend sei zudem, dass die Einweisungen in psychiatrische Kliniken enorm zugenommen hätten, vor allem aufgrund von depressiven Krisen und Magersucht. „Damit versuchen die Schüler, wieder Kontrolle über ihr Leben zu erhalten, die sie verloren haben“, so der Dozent. Die Schule als Ort der Sicherheit sei verloren gegangen. Dies müsse sich wieder ändern. In der Lehrerausbildung sei es deshalb wichtig, nun sozialpsychologische Inhalte sowie Medienkompetenz zu verankern. Außerdem müsse die Feedback-Kultur gefördert werden, so die Schlussfolgerungen des Referenten.

Das sagen Schüler des Leistungskurses Gemeinschaftskunde des Friedrich-Schiller-Gymnasiums zu dem Thema

„Homeschooling hat für mich vor allem soziale Isolation bedeutet. Ich habe mich zwar schnell mit Freunden arrangiert und online getroffen. Als ich deren Stimmen gehört habe und sie auf dem Bildschirm gesehen habe, hat sich das aber angefühlt wie im Film.“

„Ich habe mich in dieser Zeit vor allem auf die negativen Dinge konzentriert. Als ich mich beispielsweise nicht zum Sportmachen motivieren konnte, habe ich mich sofort als dick empfunden. Als ich manche Aufgaben nicht lösen konnte, habe ich mich als dumm empfunden. Ich kenne viele, die heute noch in Therapie sind.“

„Der Lockdown hat meine gemütliche Seite stark gefördert. Am besten kann man das veranschaulichen, wenn ich kurz mal einen normalen Tag im Homeschooling beschreibe: 7.30 Uhr Unterrichtsbeginn, ich stehe um 7.25 Uhr auf und mache mir einen Alibi-Kaffee, gehe ins Meet und lege mich wieder hin. Manchmal stelle ich mir einen Wecker, damit ich am Ende des Meets unauffällig aus der Konferenz austreten kann. Oft bin ich einfach wieder eingeschlafen und wenn nicht, habe ich mir eine anderweitige Ablenkung wie zum Beispiel YouTube-Videos gesucht. Wieso? Weil die Möglichkeit bestand. Das hat sich natürlich auf meinen Wissensstand ausgewirkt.“

„Corona hat mir einen Teil meiner Jugend genommen. Was zunächst als eine drastische Aussage wirken mag, hat aber einen sehr hohen Wahrheitsgehalt, weil für viele von uns das Sozialleben einfach zusammengebrochen ist.“

„Gerade die, die in neue Klassen gekommen sind – die fünfte, die siebte, die zehnte oder die Kursstufe 1 –,kannten ihre Mitschüler gar nicht. Man hatte nie die Möglichkeit, sich kennenzulernen. Man kann sich das so vorstellen: Man sitzt in diesem Meet vor lauter schwarz-grauen Kacheln, und das einzige was man sieht sind die Kürzel. Man kennt die Personen dahinter gar nicht.“

„Ich weiß nicht, in wie vielen Meets ich saß, in denen einfach minutenlang Stille war.“

„Man hat viele erste Erfahrungen verpasst. Der erste Urlaub mit Freunden, Partys. Sachen, die man sonst einfach gerne macht, sind alle weggefallen. Die ganze Spontanität, die die Jugend ausmachen sollte, diese Unbedarftheit ist alles weggefallen. Das ist auf lange Sicht psychisch belastend.“

„Das Schulsystem muss sich insofern ändern, dass Schüler wieder als Menschen erkannt werden und nicht nur als Leistungstragende. Es muss um Humanität, Solidarität und um Werte gehen, die vermittelt werden. So dass Schule wieder ein sicherer Hafen wird, in den die Schüler gerne wieder kommen wollen.“