Leichtathletin Emily Rösser in den USA Eine vorzeitige Rückkehr ist nicht mehr vorstellbar

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Etwas Lokalpatriotismus beim offiziellen Fotoshooting für das Uni-Team musste sein. Foto: privat

Sprinterin Emily Rösser aus Steinheim berichtet von ihrem ersten kompletten Semester in der Universität in den USA.

Steinheim - Nach nun zehn Monaten bin ich endlich wieder Zuhause in Deutschland – allerdings schon wieder mit einem Fuß im Reisekoffer, denn im August fliege ich zurück in die USA, um mein Studium und mein Training an der Eastern Kentucky University (EKU) fortzusetzen.

Nach meiner Rückreise nach Amerika im August 2020 erwartete mich ein hammerhartes Herbstsemester. Das neue Trainingsprogramm meines amerikanischen Leichtathletik-Coaches und die Spätsommertemperaturen in Kentucky zwangen mich regelmäßig in die Knie. Außerdem erhielt das Team neuen Sprintzuwachs, was das Niveau unseres Trainings in die Höhe schnellen ließ. Mein ehemaliger Schulrektor sagte mal: „Qualität kommt von Qual“ – und heute kann ich das nachvollziehen.

Glücklicherweise sorgte mein Freund Jack, den ich bereits im ersten Semester kennenlernte, für Abwechslung zwischen hartem Training und Online-Unterricht. Mein Mentor hatte mich in einem Kurs über deutsche Filmgeschichte eingeschrieben – doch aus dem Heimvorteil wurde nichts, denn es waren Stummfilme. Da Jack aber seit Jahren Deutsch lernt, kamen wir ins Gespräch. Wenn die Zeit es erlaubt fahren wir in den angrenzenden Nationalpark – dem Daniel Boone National Forest – zum Campen oder Klettern. Jack studiert Politikwissenschaften an der EKU und arbeitet im Indoor-Klettercenter der Universität.

Die Präsidentschaftswahlen im Herbst erlebte ich hautnah mit und musste mich durch Fettnäpfchen navigieren. Kentucky ist ein recht konservativer Staat, doch Universitäten sind traditionell liberal eingestellt, was eine konfliktreiche Umgebung ergibt. So habe ich mit Studenten geredet, die sich heimlich ihre Wahlunterlagen zuschicken ließen, damit die Eltern nicht erfahren, wen sie wählen. Allerdings geriet es mir trotz meiner Zurückhaltung nicht immer, die Fettnäpfchen zu vermeiden. So kam es zu Momenten eher peinlichen Schweigens zwischen Mitbewohnern, Trainingskollegen, Kommilitonen und mir.

Als das Herbstsemester sich dem Ende neigte, entschied ich, die Winterferien in den USA zu verbringen. Die Familie meines Freundes hat mich netterweise zu sich eingeladen, sodass ich Thanksgiving und Weihnachten nicht alleine verbringen musste und endlich der amerikanischen Kultur näherkam. Mein Training absolvierte ich in dieser Zeit bei Wind und Wetter auf einem Footballfeld, was zur allgemeinen Belustigung der Nachbarn führte. An Heiligabend, bei minus zehn Grad und Eisschicht, fragte mich eine Spaziergängerin: „Meine Liebe, geht es Ihnen noch gut?!“

Doch leider führte das improvisierte Training nicht zu einer Verbesserung auf den 60 Metern in der Hallensaison, die wenige Tage vor Ferienende begann. Auf den 200 Metern allerdings habe ich meine Bestzeit um fast eine halbe Sekunde nach unten geschraubt und mich auch in der Freiluftsaison stetig verbessert. Wenn ich bei den 100 Metern endlich mal eine Reaktionszeit wie meine Teamkollegen hätte, wäre die Elf vor dem Komma auch nicht mehr weit entfernt. In der Freiluftsaison machte unsere 4x100-Meter-Staffel Jagd auf den Unirekord und die Qualifikation zu den nationalen Vorentscheidungskämpfen. Dafür reisten wir eigens nach Florida, um bei einem Weltklasse-Wettkampf anzutreten. Wenn auch die Qualifikation nicht klappte, hatte sich die Reise doch gelohnt. Denn am selben Wettkampf wurde die Weltjahresbestleistung der Männer gelaufen – was allein schon ein Erlebnis für sich war!

Für das Team macht man ja bekanntlich alles, und so kam ich auch zum Einsatz für die 4x400-Meter-Staffel. Eine Stadionrunde kann sich ganz schön lange ziehen, egal wie oft man Überdistanztraining macht. Die OVC (Ohio Valley Conference) Meisterschaft bildete das Saisonende und hat mich langfristig motiviert ein weiteres Konditionstraining im Herbst 2021 zu absolvieren – egal wie hart es sein wird. In Zukunft werden wir allerdings nicht mehr in der Region um Ohio antreten, sondern für Wettkämpfe häufiger und länger reisen. Als neues Mitglied der ASUN (eine Konferenz aus südöstlichen Universitäten) werden wir wohl auch planmäßig nach Florida reisen.

Mein Leben in den USA dreht sich aber (zum Glück) nicht nur um den Sport. Im Frühlingssemester zog ich mit einer guten Freundin aus Schweden, die ich seit meinem allerersten Tag an der EKU kenne, zusammen und seitdem kommt keine Langeweile mehr auf. Mein Studium hat sich um einen sogenannten Minor, eine Art Spezialisierung in Medienwissenschaften ergänzt, und so habe ich meinen ersten Artikel in den USA veröffentlicht.

Auch wenn ich aus dem Erzählen gar nicht mehr herauskomme, freue ich mich sehr, ein paar Wochen Zuhause bei meiner Familie verbringen zu können. Für eine Woche werde ich noch eine aktive Sportpause machen – weiterhin fast jeden Tag Training, allerdings ohne Zeitvorgaben oder besondere Trainingsziele – bevor ich mich dann wieder auf das Herbsttraining vorbereite. Zu Beginn meines Abenteuers habe ich immer gedacht: „Ach, das machst du vielleicht ein Jahr oder so und dann kommst du wieder zurück!“ – doch jetzt kann ich mir ein vorzeitiges Ende gar nicht mehr vorstellen.