Kultur gibt es auch in Zeiten des Coronavirus Per App geht’s jetzt ins Literaturmuseum

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Die Museen sind bis auf Weiteres geschlossen – die Ausstellungen kann man nun aber von daheim aus erkunden. . Foto: Archiv (Dirk Vogel)

Auf Herman Hesse, Sarah Kirsch, Franz Kafka und Herta Müller muss man nicht verzichten. Eine kostenlose App der Literaturmuseen in Marbach stellt ihre Werke in komprimierter Form vor und regt dazu an, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.

Marbach - Zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus bleibt auch das Deutsche Literaturarchiv Marbach einschließlich der Museen bis auf Weiteres geschlossen. Alle öffentlichen Veranstaltungen, Workshops und Führungen wurden bis zum 15. Juni abgesagt.

Mit einer App der Marbacher Literaturmuseen – das Literaturmuseum der Moderne und das Schiller-Nationalmuseum – kann man allerdings zu Hause in den Dauerausstellungen Exponate erkunden oder nachsehen, Briefe lesen, in Manuskripten und Büchern blättern, Dinge ins Archiv zurückverfolgen, sich Geschichten erzählen lassen und Exponate mit Freunden teilen. Bei vielen Exponaten zeigen, beziehungsweise erzählen zwei Typen über Video-Clips mehr: einmal der „Däumling“, zuständig für das Entdecken, und der „Narrativling“, zuständig für das Hören.

Lädt man sich die kostenlose App im Store herunter, erhältlich unter dem Stichwort „Marbacher Literaturmuseum“, stößt man auf vier Bereiche: Informationen, Exponate suchen, Exponate scannen sowie einen rund 30 Sekunden langen Informationsfilm. Ausführlich beschäftigen kann man sich im Menü „Exponate suchen“. Etwa mit einer dicht beschriebenen Postkarte von Walter Benjamin an Siegfried Kracauer vom 18. Januar 1927. Tippt man auf den entsprechenden Zettel im reich gefüllten Übersichtsmenü öffnet sich ein Fenster mit der Karte, die auf dem Kopf steht und man auch vergrößern kann. Darauf steht: „Ihre Kafka-Rezension bewahre ich auf, um sie nach Kenntnis des Romans ,Das Schloss` zu lesen.“ Ein Blatt-Symbol öffnet den ganzen Text zur Karte, ein Glühbirnen-Symbol einen Kurzfilm, in dem die Karte aus verschiedenen Blickwinkeln und der Text vergrößert zu lesen ist.

Bei Helen Hessels Übersetzung von Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ gibt es anstatt eines Kurzfilms ein Hörbeitrag mit Informationen zur Arbeit an der Übersetzung. So hat Nabokov zum allergrößten Teil seinen Roman mit Bleistiften auf Karteikarten geschrieben, Hessel füllte damit sieben Notizhefte mit jeweils 192 Seiten.

Ein weiteres Beispiel: Hermann Hesses Roman „Narziß und Goldmund“, derzeit in den Kinos, wird als bloße Manuskriptsammlung gezeigt, die Hesse in eine Mappe gesteckt hat, verziert mit Kugeln. Im Erklärtext erfährt man, dass die beiden Figuren, Narziß, Novize im Kloster Mariabronn, und Goldmund, sein Schüler an der Klosterschule, der später Künstler und ein großer Liebhaber wird, als Gegensätze entworfen wurden. Die Kugel war für Hesse Teil eines Mythos, wonach die ursprüngliche, von Zeus später in zwei Hälften geschnittene Kugelgestalt des Menschen erklärt, warum zwei sich lieben: „Ewig sucht jeder sein Gegenstück.“

So kann man über die App die Arbeiten zahlreiche Schriftsteller und Schriftstellerinnen kennenlernen. Else Lasker-Schüler, Peter Rühmkorf, Sarah Kirsch, Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, deren Semesterbericht von 1967, geschrieben an der Freien Universität Berlin, zur Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne zählt.

Ergänzend zu den Einstiegstipps im Menü „Exponate suchen“ gibt es eine umfangreiche Suchfunktion. So gibt es unter dem Stichwort „Kafka“ allein 15 weitere Menüs zum Anschauen. Vom Abiturzeugnis bis zum Foto einer Gabel, in der der Name des Schriftsteller eingraviert wurde und zerkratzt ist. So nahm Franz Kafka, der als Angestellter viel reisen musste, stets sein eigenes Besteck mit. Er soll sie 1911 beim Kartenspiel verloren an einen Kutscher haben, der vielleicht auch versucht hat den Namen auszukratzen.

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