Kubus-Kunstpreis im Kunstmuseum Stuttgart Wer macht die beste Kunst?

Von Adrienne Braun
Arbeiten von Ulla von Brandenburg, Camill Leberer und Ülkü Süngün (von links) konkurrieren um den den Kubus-Kunstpreis hat Vorhänge aus alten Operndekorationen genäht. Foto: Jan Northoff/VG Bild-Kunst/Frank Kleinbach, VG Bild-Kunst/Ülkü Süngün

Wer wird gewinnen? Ulla von Brandenburg, Camill Leberer oder Ülkü Süngün? Im Kunstmuseum Stuttgart entscheidet das Publikum, wer den Kubus-Kunstpreis verdient hat.

Bei Bildhauerei denkt man meist an Figuren, dabei schaffen Bildhauer heute oft große Installationen, in die die Besucher förmlich eintauchen können. Was sind die spannenden Frage aktueller Bilderhauerei? Das sollen nun die entscheiden, für die Kunst gemacht wird: die Betrachter. Das Kunstmuseum Stuttgart veranstaltet wieder den Wettbewerb um den „Kubus – Sparda-Kunstpreis“. Drei Künstlerinnen und Künstler, die eng mit Baden-Württemberg in Verbindung stehen, gehen ins Rennen um zwei Preise. Eine Fachjury wird den Hauptpreis von 20 000 Euro vergeben. Und die Besucherinnen und Besucher dürfen den Publikumspreis vergeben, der mit 5000 Euro dotiert ist. Welche der drei bildhauerischen Positionen ist die interessanteste? Wir stellen sie vor.

Ulla von Brandenburg

Die typischen weißen Museumswände sucht man in der Präsentation von Ulla von Brandenburg vergeblich. Denn die Künstlerin will das Publikum hineinziehen in ihre Arbeiten. Deshalb hängt sie Vorhänge vor Wände und hat den großen Saal im Kunstmuseum mit einer riesigen Patchworkdecke ausgekleidet. Die Stoffe stammen von alten Dekorationen der Warschauer Oper. Ihr Thema sei „Vergangenheit, Erinnern und Unbewusstes“, sagt die Künstlerin, die sich im Kunstmuseum auch auf eigene Arbeiten bezieht, damit es „ein Echo von Raum zu Raum gibt“. Mit den Stoffen aus der Warschauer Oper wolle sie darauf anspielen, dass sie in der Stuttgarter Staatsoper ein Bühnenbild für Wagners „Walküre“ entworfen hat.

Ulla von Brandenburg Foto: Jan Northof

Ulla von Brandenburg wurde 1974 in Karlsruhe geboren, wo sie an der Hochschule für Gestaltung studierte, dann aber an die Hochschule für Bildende Künste Hamburg wechselte. Sie lebt in Paris und Karlsruhe, wo sie seit 2016 Professorin für Malerei und Grafik ist. Der Begriff Bildhauerei ist also weit gefasst bei ihr, zumal sie bei ihren Installationen auch Filme einsetzt. Für eine Installation hat sie „Objekte, die uns täglich begleiten“, ins Meer geworfen und gefilmt – einen Handspiegel oder ein Metallkästchen.

Camill Leberer

Wenn er über seine Kunst spricht, fällt häufig das Wörtchen „Ich“. „Was ich für mich wichtig finde, ist, meine innere Wahrnehmung zu formulieren“, sagt Camill Leberer. Für seine abstrakten Objekte lässt der Stuttgarter Künstler sich inspirieren von „Momenten, die mich interessiert haben“ – etwa der Besuch eines Kapuzinerklosters. Der Moment körperlicher Berührung hat ihn dagegen zum Thema Haut geführt, die ihn „besonders interessiert“.

Camill Leberer Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Seinen Werken sieht man diesen Ansatz aber nicht unmittelbar an, denn die Konstruktionen aus Stahl, Glas und Leuchtmitteln sind streng wie abstrakte Bilder komponiert. Er schaffe „ein rationales Raumgerüst, das durch eine emotionale Geste aufgeladen“ werde, sagt Camill Leberer. Im Kunstmuseum ist zum Beispiel ein großer Glaskasten ausgestelllt, in dem eine Leuchtstoffröhre hängt. Dabei gehe es um das „Nachbild“, das man noch sieht, wenn man in Licht schaut und dann die Augen schließt. „Reflexe der Erinnerung“ nennt Camill Leberer das.

Geboren wurde er 1953 in Kenzingen im Breisgau, er hat an der Stuttgarter Kunstakademie Bildhauerei studiert, unterrichtet und Stipendien bekommen, etwa das der Villa Massimo in Rom. Die Liste seiner Ausstellungstätigkeit ist lang, derzeit stellt ihn auch die Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier aus – hinter dem Kunstmuseum.

Ülkü Süngün

Wenn sich Ülkü Süngün mit dem Raum beschäftigt, geht es nicht um Decken und Wände, sondern um die Menschen, die sich darin bewegen, also um den sozialen Raum. Ihr Ausgangspunkt ist die Frage „Wo stehe ich in der Gesellschaft – und welche Position wird mir zugeschrieben?“. Die Stuttgarter Künstlerin versteht sich eher als Aktivistin, die mit Kunst „etwas erreichen“ will. Mit ihren Fotoarbeiten und Videos, Performances und Aktionen wolle sie nicht ausdrücken, was sie fühlt, sondern fragt, „was die Menschen davon haben“.

Ülkü Süngün Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Deshalb arbeitet Ülkü Süngün auch meist nicht im Atelier, sondern kommt oft mit Leuten ins Gespräch, die nichts mit Kunst zu tun haben – sei es mit Bewohnern einer Flüchtlingsunterkunft, Spargelstechern oder Mannheimern aus dem Stadtteil Jungbusch, die in einer Videoinstallation erzählen, wann ihnen schon Rassismus begegnet ist.

Ülkü Süngün wurde 1970 in Istanbul geboren und hat Chemie-Ingenieurwesen und Verfahrenstechnik studiert und dann ein zweites Studium an der Stuttgarter Akademie begonnen. Für ihre Diplomarbeit, die im Kunstmuseum hängt, hat sie Gegenstände aus Import-Export-Läden fotografiert, die „türkischstämmigen Menschen zugeschrieben werden“ – Wasserpfeifen, Kaffeekannen oder Teegläser. In einer Videoarbeit erklärt sie, wie die Namen der NSU-Opfer ausgesprochen werden – denn die Namen der Täter kenne man, die Toten seien dagegen nur namenlose Opfer. So geht es Ülkü Süngun immer wieder um Rassismus und Ausgrenzung und die großen Themen Macht und Gerechtigkeit im menschlichen Miteinander.

Das Wettrennen läuft

Ausstellung
 Die Ausstellung zum „Kubus – Sparda-Kunstpreis“ ist bis 8. Januar im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen (Di bis So 10 bis 18 Uhr und Fr 10 bis 21 Uhr).

Preise
 Über den Publikumspreis kann bis Ausstellungsende abgestimmt werden. Der von einer Fachjury vergebene Hauptpreis wird am 4. November bekannt gegeben.