KSV Hoheneck/Turnen Ein Einteiler mit kurzer Hose wäre cool

Von Lars Laucke
Das Bild von Pauline Schäfer Betz (links) wäre mit dem klassischen Anzug grenzwertig. Foto: dpa/Hiro Komae/1), avanti (3)

Die deutschen Olympiaturnerinnen haben mit ihren Ganzkörperanzügen weltweit für Diskussionen gesorgt. Diese sind mittlerweile auch in den Ligen angekommen – zum Beispiel beim Drittligisten KSV Hoheneck.

Ludwigsburg-Hoheneck - Der Turnsport hat in den vergangenen Monaten für viele Diskussionen gesorgt – eine davon ging von Deutschland aus: die Anzüge der Sportlerinnen. Das deutsche Olympiateam trat in Tokio mit Ganzkörperanzügen an. Es folgte eine weltweite Diskussion um die Regularien, um zu freizügige Fotos und um die Befindlichkeiten der Turnerinnen. Doch wie schaut es in den Ligen darunter aus? „Das ist bei uns auf jeden Fall ein Thema“, sagt Uta Ziegler. Die Erdmannhäuserin ist Trainerin der KSV Hoheneck in der 3. Bundesliga.

Für die derzeit laufende Saison kamen die Ganzkörperanzüge bei ihrem Team jedoch (noch) nicht in Frage. „Zum einen gibt es die noch gar nicht in Serienproduktion, man muss sie anfertigen lassen. Und zum anderen sind sie sehr teuer, würden nicht unter 200 Euro kosten“, erklärt Ziegler. Und es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Zieglers Tochter Mona, seit Jahren feste Größe im KSV-Team, kann sich nicht vorstellen, „in diesen Anzügen einen Doppelsalto am Boden zu springen“. Der Grund: Bei diesem Element umfasst die Turnerin mit den Händen die Beine. Mona Ziegler hätte Angst, am Stoff des Anzugs abzurutschen. Ihre Teamkollegin Joana Lamatsch könnte sich hingegen durchaus vorstellen, sich an einen Ganzkörperanzug zu gewöhnen. Probiert hat die Pleidelsheimerin es aber noch nicht. „Das ist natürlich auch ein Kostenfaktor. Man will sich so einen Anzug ja nicht für viel Geld bestellen, um dann herauszufinden, dass man nicht mit zurechtkommt“, sagt Trainerin Uta Ziegler.

Mit der aktuellen Situation fühlen sich die Turnerinnen nicht wohl.

Unstrittig ist bei ihren Turnerinnen aber auf jeden Fall, dass sie sich mit der aktuellen Situation nicht wirklich wohlfühlen. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich bei einem Wettkampf vielleicht mal als allerletzte Turnerin am Schwebebalken antreten muss und die ganze Halle schaut zu – da macht man sich schon Gedanken, ob der Anzug nicht doch mal verrutschen könnte“, sagt Joana Lamatsch. „Wir benutzen zwar Turnanzugkleber, um das zu verhindern. Aber das funktioniert nicht immer“, ergänzt ihre Teamkollegin Valentina Herbst. Bei Mona Ziegler ist es im Wettkampf zum Beispiel schon passiert, dass sie während einer Bodenübung unbewusst den Anzug zurechtgezupft hat. „Das gibt sofort Punktabzüge“, weiß die Mutter und Trainerin. Und Valentina Herbst bringt noch einen anderen Aspekt in die Diskussion: „Wir turnen jetzt in der 3. Bundesliga. Da wird jeder Wettkampf im Livestream übertragen und ist dann auf YouTube abrufbar. Wenn da wirklich mal was verrutscht oder man wird aus einem ungünstigen Winkel gefilmt, dann ist das auf ewig im Internet zu sehen.“

Auffällig ist, dass keine einzige der Sportlerinnen an diesem Trainingsabend in der Turn- und Talentschule der KSV Hoheneck im klassischen Turnanzug trainiert. Alle tragen eine lange oder eine kurze Hose. „Als ich früher in Heilbronn trainiert habe, da mussten wir immer im Turnanzug trainieren. Das würde ich heute nicht mehr machen“, sagt Joana Lamatsch. „Das waren damals aber alles noch Kinder. Und heute gilt diese Vorschrift dort auch nicht mehr“, weiß Uta Ziegler, deren Tochter seinerzeit in der gleichen Trainingsgruppe war. „Ich selbst gebe ab und zu mal einen Trainingstag vor, an dem die Mädchen im Wettkampfanzug ins Training kommen müssen, weil sie dann auf einmal eine ganz andere Haltung haben. Aber sie dürfen immer eine Hose drüber ziehen“, betont Ziegler und ergänzt: „Das würden sich meine relativ alten Turnerinnen auch gar nicht gefallen lassen. Meine Beobachtung ist, dass das Bewusstsein für die Problematik mit dem Alter wächst. Den Jüngeren ist das noch relativ egal.“ Wobei Amy Fischer hier protestiert: „Ich bin die Jüngste bei uns im Team – und mich stört das auch.“ Allerdings: Die Ludwigsburgerin wird am Samstag 18, was für eine Turnerin fast schon ein fortgeschrittenes Alter ist.

Es sollte „jede so turnen dürfen, wie sie sich am wohlsten fühlt“.

Fakt bleibt: Wirklich zufrieden ist mit der aktuellen Situation keine der Turnerinnen aus dem Drittliga-Team. Joana Lamatsch wäre es am liebsten, „wenn jede so turnen dürfte, wie sie sich am wohlsten fühlt. Die Männer zum Beispiel haben ja auch immer eine Hose drüber – entweder eine kurze an Boden und Sprung oder eine lange an den anderen Geräten. Aber wir müssen einen Einteiler tragen – und dann auch die ganze Mannschaft den gleichen“, ärgert sie sich über das Reglement. Eine mögliche Lösung, die bei allen KSV-Turnerinnen Anklang finden würde, wäre ein Einteiler mit einer integrierten kurzen Hose. „Das müsste man sich aber anfertigen lassen. Da bräuchten wir einen zusätzlichen Sponsor“, sagt Uta Ziegler lachend. Doch cool wäre es schon, als erste Mannschaft in einem solchen Look anzutreten – da sind sich ihre Schützlinge einig. Und das Argument, dass man mit einem Anzug in neuem Schnitt womöglich wegen der ungewohnten Optik vom Kampfgericht schlechtere Noten bekommen könnte, ist seit vergangenen Sonntag deutlich schwächer geworden. Denn da holte Pauline Schäfer Betz in einem Ganzkörperanzug bei der WM in Japan die Silbermedaille am Schwebebalken.