Kolumne „Familiensache“ Saft verschütten und hart rocken

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Randale und Vandalismus. Die Partyszene wird immer dreister – und jünger. Foto: Setzer

Klar, Nachtleben und Konzerte sind derzeit schwierig. Doch dank eines Kindes ist unser Kolumnist Michael Setzer Teil der wildesten Partyszene der Stadt. Rund um die Uhr und mit den besten Gründen.

Stuttgart - Wer mal versucht hat, einen betrunkenen Freund aus einem Club heraus und nach Hause zu lotsen, wird kaum Unterschiede dazu feststellen, einen Zweijährigen ins Bett zu bekommen. Das Leben mit Kind ist eh die beste Simulation des Nachtlebens.

„So, komm! Auf geht’s“, sage ich am Abend und schon wieder büxt der Kleine aus, um dann wild rufend mit dem Laufrad durch die Wohnung zu brettern oder anderweitig Quatsch anzuzetteln. Mühselig, ja. Aber was gibt’s denn bitte Tolleres, als mit jemandem Zeit zu verbringen zu dürfen, der lieber nie wieder schlafen möchte, als ausgerechnet jetzt irgendetwas zu verpassen?

Hits, wir brauchen Hits

Das Kind weiß auch längst, wie der CD-Player und CDs funktionieren und er weiß, dass die Gruppe The Bellrays einen irrsingen Hit auf der Platte „Have A Little Faith In Me“ hat. „Tell The Lie“ heißt das Lied.

Nach rund 295 Abspieleinsätzen mag das Lied bei uns zu Hause, außer dem Zweijährigen, zwar keiner mehr hören – aber: Was gibt’s denn bitte Tolleres als ein kleiner Junge, der kurz vor __________ (hier bitte beliebige Uhrzeit einsetzen) die Tanzfläche zum Glühen bringt, in Fantasie-Englisch mitsingt und dabei Saft verschüttet?

Die Beatles gehen immer

Manchmal ruft er „Bieties“ und meint damit John, Paul, George und Ringo – die Beatles. Weil jedes Kind weiß, dass die Beatles die mindestens beste Band der Welt sind. Manchmal zeigt der Kleine auf meine Gitarren, ich spiele dann wildes Zeug und wir schreien rum. Wie die Beatles, nur noch besser natürlich.

So und so ähnlich haben wir 2020 hinter uns gebracht, 2021 noch lange nicht. Und dass da draußen nicht alles Party und Singen ist, hat jeder begriffen. Wir haben alle gehört, gelesen und gefühlt, wie schlimm das Leben sein kann. Wir wissen, was diese Zeit mit Eltern und Kindern gemacht hat, wir wissen auch, was sie mit Kinderlosen gemacht hat - und dass das alles noch nicht vorbei ist.

Kraft holen

Ich weiß aber auch: Es war nur ein guter Tag, wenn das Kind sehr oft sehr laut und sehr dreckig gelacht hat. Denn da wohnt die Kraft, alles andere zu bewältigen. Hoffentlich schaut das Kind irgendwann auf diese Zeit zurück, legt The Bellrays auf und sagt: „Unser Lied, Papa!“. Dann wird getanzt und Saft verschüttet.

Michael Setzer ist seit mehr als zwei Jahren Vater. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.