Katholische Kirche Kirchenbasis begehrt bei Homo-Segnung auf

Von Oliver von Schaewen
Homosexuelle Paare stoßen beim Vatikan auf verschlossene Türen, nicht jedoch in vielen Kirchengemeinden. Foto: dpa/Michael Reichel

Der Vatikan verbietet die Segnung von homosexuellen Paaren. Doch für viele katholische Seelsorger ist das kein Problem. Die Kirchenbasis begehrt deshalb auf und diskutiert.

Kreis Ludwigsburg - Homosexuelle Ehen gelten in westlichen Demokratien als akzeptiert. Schwer tut sich damit jedoch immer noch der Vatikan in Rom. Er verbietet seinen Pfarrern, schwule und lesbische Paare zu segnen. Das stößt an der katholischen Kirchenbasis auf wachsenden Widerspruch. Klare Kante zeigen die Kirchengemeinde in Marbach und das Dekanat Ludwigsburg, die für eine offene Praxis eintreten.

Als wenig hilfreich für seine Kirche sieht der Marbacher Pfarrer Stefan Spitznagel das Verbot des Vatikans an. „In der Praxis stört es mich nicht, weil ich schon seit über zwanzig Jahren mit homosexuellen Paaren Trauungen feiere“, sagt Spitznagel, der aber beobachtet, dass sich immer mehr Menschen über die Vorgaben aus Rom ärgern. Die Gottesdienste mit Homo-Paaren seien oft sehr tiefgehende und religiös dichte Feiern. Es kämen unter diesen Bedingungen keine Menschen, denen es nur um eine oberflächliche Zeremonie gehe. Zu 90 Prozent seien es Männerpaare, denn Frauen fühlten sich als Frauen und als homosexuelle Frauen in der katholischen Kirche doppelt diskriminiert.

Der Marbacher Pfarrer hält auch Homo-Trauungen für richtig

In puncto Ehe geht Spitznagel noch weiter: Für ihn seien diese Feiern keine Segnungen, sondern Trauungen: „Die Paare versprechen sich Liebe und Treue.“ Nach katholischem Verständnis würden sich die Paare bei einer kirchlichen Trauung gegenseitig das Sakrament spenden. Priester oder Diakone seien nur die Assistenten dieses Bundes. Deshalb sei er dafür, auch homosexuellen Paaren das volle Sakrament der Ehe zuzuerkennen. Diesen Status können laut Vatikan nur heterosexuelle Eheleute erlangen, die zum Wohl der Kinder aus der Beziehung Sorge übernehmen wollen.

Diesen Ansatz hält Bernd Hillebrand, Professor für Pastoraltheologie an der Katholischen Hochschule Freiburg, und am Montagabend vor rund 20 Gästen im Marbacher Gemeindesaal Gast der Katholischen Erwachsenenbildung Ludwigsburg, für veraltet. „Sonst könnten auch 50-Jährige oder Querschnittsgelähmte nicht mehr heiraten“, sagt er im Gespräch. Hillebrand will neuere humanwissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt sehen. „Es gilt als gesichert, dass sehr viel Leid dadurch entstand, dass Homosexuelle gedrängt wurden, ihre Lebensweise zu unterdrücken.“

Der eingeladene Experte feiert Valentinsgottesdienste

In seinen Vorträgen zeigt Hillebrand, wie sich in der Kirchengeschichte sexualfeindliche Strömungen verfestigten. „Der Kirchenlehrer Augustinus hat die Erbsündenlehre von Paulus radikalisiert, indem er die These aufstellte, sie käme durch den Sexualverkehr in uns.“ Nach Hillebrand ist es der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, der geschichtlich zu scheinbar zeitlosen Wahrheiten und zu einem absolutistischen System in der katholischen Kirche geführt hätten. Dabei habe sich selbst Paulus in seinen Briefen als Kind seiner Zeit erwiesen, indem er den Sklavenhandel größtenteils akzeptierte. „Wir dürfen der Kirche nicht absprechen, sich weiterentwickeln zu können.“

Im theologischen Disput könne er akzeptieren, wenn man in diesen Fragen zu unterschiedlichen Ergebnissen komme, sagt Hillebrand. Eine allgemeingültige Wahrheit mit einem damit verbundenen Verbot aufrechtzuerhalten, halte er hingegen für schädlich. Hillebrand, selbst katholischer Priester, feiert Valentinsgottesdienste – und segnet dabei Paare mit unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen, weil es sich um verlässliche Beziehungsformen handele.

Der Ludwigsburger Dekan will niemanden diskriminieren

Unlängst hatten mehr als 2500 Seelsorger eine Erklärung gegen das Segnungsverbot aus Rom unterschrieben und sich dazu bekannt, weiter homosexuelle Paare zu segnen. „Wenn Menschen mit dem Wunsch einer Segnung auf uns zukommen, dann geht es darum, sie damit ernst zu nehmen“, erklärt Alexander König, der als katholischer Dekan in Ludwigsburg die Belange der Kirchengemeinden von Oberstenfeld bis Ditzingen beaufsichtigt. Seit Jahren gehörten gleichgeschlechtliche Paare zusammen mit anderen Paaren und Alleinstehenden selbstverständlich zum Leben in den Kirchengemeinden dazu. „Wir sind sensibler geworden und bemühen uns, im Umgang niemanden zu diskriminieren.“

Auch König will den Dialog in den Kirchengemeinden fördern. Deshalb befürworte er Gesprächsabende, wie den der katholischen Erwachsenenbildung. „Es gab Anfang des Jahres eine Postkartenaktion an Bischof Gebhard Fürst“, erzählt der Dekan. Die Briefe aus dem Dekanat Ludwigsburg sollten ein Beleg sein, dass ein großer Teil der Katholiken nicht mehr hinter der Meinung der Glaubenskongregation steht, was die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren angeht.

Der Bischof von Rottenburg/Stuttgart strebt eine versöhnliche Lösung an

Für eine „versöhnliche Lösung ohne Diskriminierung“, aber mit der Alleinstellung des Ehe-Sakraments für Mann und Frau hat sich Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in einer Stellungnahme im März ausgesprochen. Die Kirchengemeinden sollen homosexuelle Menschen ohne Vorbehalte aufnehmen. Um die Seelsorge zu verbessern, werde eine Stelle beim Bistum geschaffen.

Die Erklärung „Responsum ad dubio“ des Vatikans

Wort aus Rom
 Die Glaubenskongregation der katholischen Kirche in Rom hat im März dieses Jahres klargestellt, dass die Kirche nicht befugt sei, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften zu segnen. Diese „Antwort auf einen Zweifel“ (Responsum ad dubio) löste in der katholischen Welt sehr viel Aufregung hervor. Die Glaubenskongregation hält die Segnung von einzelnen Homosexuellen für möglich, nicht aber die von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, da dies „der Wahrheit des liturgischen Ritus“ widerspreche.

Keine Ehe
 Die Stellungnahme aus Rom in diesem Jahr führ den Gedanken des Papst-Schreibens „Amoris laetitia“ aus dem Jahr 2016 fort. Dort steht: „Was die Pläne betrifft, die Verbindungen zwischen homosexuellen Personen der Ehe gleichzustellen, gibt es keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn.“

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