Johnny Depp vs. Amber Heard Warum können wir nicht weggucken?

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Johnny Depp verklagt Amber Heard – und umgekehrt. Der Prozess in den USA wird auch hier zum sozialen Phänomen. Foto: AFP/STEVE HELBER

Es ist der O.J.-Simpson-Prozess unserer Zeit: Die Sache „Depp vs. Heard“. Wir schauen es im Livestream, alle sprechen darüber, es gibt Memes und TikTok-Videos. Warum?

Den Sommer des Jahres 1995 verbrachte Amerika vor dem Fernsehen. Damals wurde in Los Angeles der Mordprozess gegen O.J. Simpson verhandelt. Der einstige Footballstar stand im Verdacht, seine Ex-Frau und deren Freund ermordet zu haben. Es war der Prozess des Jahrzehnts, live übertragen an ein Millionenpublikum, an dessen Ende ein höchst umstrittener Freispruch für Simpson stand.

Heute, 27 Jahre später, hat die Welt ein neues Justizspektakel: In Fairfax, Virginia, wird die Verleumdungsklage von Johnny Depp gegen seine Ex-Frau Amber Heard verhandelt. Er wirft ihr vor, ihn mit einem Artikel in der „Washington Post“ als Frauenschläger diffamiert und damit seine Karriere zerstört zu haben. Sie wiederum sagt, er habe sie in ihrer Ehe misshandelt und gequält – mit Worten und Taten. Er will 50 Millionen Dollar von ihr, sie das Doppelte von ihm. Es geht um die Deutungshoheit ihrer offenbar zutiefst dysfunktionalen Beziehung: Ist er ein brutaler Frauenschläger – oder sie eine Lügnerin, die obendrein selbst gewalttätig wurde, wenn es Streit gab?

Der Prozess „Depp vs. Heard“ ist längst ein soziales Phänomen

Wie beim „O.J. Trial“, als welcher der Prozess gegen Simpson in den USA jedem ein Begriff ist, ist die Sache „Depp vs. Heard“ längst zum sozialen Phänomen geworden. Damals übertrugen alle Fernsehsender live, heute bieten die Stationen Livestreams im Internet an.

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Simpsons prominent besetztes Anwaltsteam (unter anderem sein Freund Robert Kardashian, Vater einer ganzen Influencer-Dynastie) kannte bald jeder Amerikaner. Geflügelte Worte wurden geprägt: Johnny Cochrans „If it doesn’t fit, you must acquit“ („Wenn er nicht passt, müssen Sie freisprechen“ – bezogen auf den am Tatort gefundenen Handschuh, den Simpson angeblich nicht über seine Hand bekam) zum Beispiel. Heute fragen sich Klatschmagazine ernsthaft, ob etwas läuft zwischen Depps junger Anwältin Camille Vasquez und dem „Fluch der Karibik“-Star. Und im Fernsehen diskutieren Rechtsexperten, ob Amber Heards Anwältin Elaine Bredehoft nicht zu viele Fehler macht und warum sie so oft ihr Mikro nicht anbekommt.

Die sozialen Medien dienen als Verstärker

Was es bei O.J. vor 27 Jahren nicht gab und was jetzt ganz entscheidend ist: die sozialen Medien. Die Sache „Depp vs. Heard“ wird nicht nur im Gerichtssaal von einer Jury entschieden. Sie ist auch ein Kampf um die öffentliche Meinung und der wird von beiden Lagern erbittert geführt. Es gibt endlos viele Memes und TikTok-Videos zu dem Prozess – viele geschmacklich weit unter der Gürtellinie. Selbst ernannte Körperspracheexperten diskutieren auf YouTube, woran man sehen könne, dass einer der beiden – wahlweise sie oder er – ganz sicher die Unwahrheit sage. Hashtags wie #AmberHeardIsALiar oder #JusticeForJohnnyDepp machen auf Twitter die Runde.

Warum gucken so viele von uns abends auf der Couch oder auch nur beim Einräumen der Spülmaschine „Depp vs. Heard“? Wir sprechen darüber mit Kolleginnen an der Kaffeemaschine mit Freunden beim Feierabendbier. Warum können wir einfach nicht wegschauen?

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Da ist zum einen die hochkarätige Besetzung dieses schaurig-traurigen Gerichtsepos: Johnny Depp ist einer der wenigen Superstars, die diese Bezeichnung fraglos verdienen. Der 58-Jährige rangierte in einer Reihe mit Hollywoods Topbesetzung vom Range eines Brad Pitt, George Clooney oder Tom Hanks. Entsprechend ist die Fallhöhe: Depp wirft seiner Ex-Frau vor, ihre Anschuldigungen hätten seine Karriere zerstört. Amber Heard indes war eine junge, attraktive, aufstrebende Schauspielentdeckung, bevor sie nach eigener Darstellung auf Depps Betreiben im Filmbusiness zur „persona non grata“ wurde.

Eine komplett abgehobene Welt

Da ist zum zweiten der Einblick in eine Welt, die sich so komplett von der unterscheidet, in der wir anderen leben: Völlig selbstverständlich reden Depp und Heard von ihren vielen Wohnsitzen, der Privatinsel, die der Schauspieler sein Eigen nennt. Eine ganze Phalanx von Angestellten kümmerte sich offenbar Tag und Nacht um das Paar: Privatarzt, Privatkrankenschwester, Bodyguards, die auf jedes Problem oder Wehwehchen ihrer Arbeitgeber reagieren mussten.

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Und da sind zum dritten natürlich die skandalösen Details, die dieser Prozess ans Licht bringt: Depp warf offenbar Tabletten ein wie Smarties, trank Schnaps, rauchte Joints und schnupfte Kokain. Dass er ein massives Drogenproblem hatte, gibt der Schauspieler sogar zu – nur sei er im Rausch nie gewalttätig geworden. Auch Heard nahm „Magic Mushrooms“ oder trank Alkohol.

Prototyp einer toxischen Beziehung

Die Ehe von Johnny Depp und Amber Heard – sie ist wohl ein Paradebeispiel für eine toxische Beziehung. Offenbar gehörte es zum Umgangston, sich gegenseitig üble Schimpfwörter um die Ohren zu hauen. Das wissen wir von heimlich mit dem Handy aufgenommenen Audio- und Videoaufzeichnungen. Auch dass man den anderen filmte, fotografierte oder Gespräche mitschnitt, gehörte im Hause Depp/Heard offenbar dazu. Selbst Liebesbriefe sind jetzt Beweismittel. Alles wird an die Öffentlichkeit gezerrt – und die schaut wohlig schaudernd zu.

Für den 27. Mai sind die Schlussplädoyers geplant. Beide Anwaltsteams werden sich da noch einmal richtig ins Zeug legen, um die Jury auf ihre Seite zu holen. Und dann haben die Geschworenen das Wort. Das Urteil im Prozess gegen O.J. Simpson brachte keinen Abschluss – bis heute nicht. Aber egal wie dieser Prozess jetzt ausgeht, ob Johnny Depp Recht bekommt oder Amber Heard: Am Ende gibt es wohl nur Verlierer.