HWA in Affalterbach An vielen Fronten im Renngeschehen dabei

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Im Eingangsbereich von HWA in Affalterbach stehen zwei beeindruckende und PS-starke Rennwagen. Foto: avanti (6)/HWA

Die Firma HWA aus Affalterbach startet demnächst wieder mit je einem Formel 2- und Formel 3-Team in die neue Saison.

Affalterbach - Bei Motorsport denkt man hierzulande zuallererst und vor allem an Mercedes und die Formel 1. Dass es jedoch in Affalterbach einen eigenen Formel 2- und Formel 3-Rennstall gibt, ist vielen Menschen hier gar nicht bewusst. doch HWA mischt mit seinen etwa 350 Mitarbeitern noch an vielen weiteren Fronten mit. „Der Motorsport ist natürlich unsere DNA, unsere Herkunft“, sagt Vorstand Martin Marx. „Aber wir sind mittlerweile auch Engineeringpartner von vielen Firmen. Im Motorsport sind wir der Entwicklungspartner für Mercedes-AMG für den Kundensport. Das ist ein richtig großer Anteil am Geschäft. Wir bauen, entwickeln und produzieren hier die Fahrzeuge und liefern auch das after sales business.“ Das bedeutet: Innerhalb von 48 Stunden kann jedes Bauteil für den Kundensport weltweit geliefert werden.

Unter Kundensport versteht man mehr und mehr das Modell, dass Teams ein Fahrzeug kaufen, um es dann an private Fahrer zu vermieten, die damit an Rennen teilzunehmen. „Die Teams verdienen also mit der Weitervermietung Geld. Und wir liefern nicht nur die Fahrzeuge, sondern eben auch die Ersatzteile.“ So ist HWA bei etwa 175 bis 180 Veranstaltungen pro Jahr direkt an den Rennstrecken mit großen Ersatzteil-Trucks zur Stelle, um den Kunden helfen zu können. Wobei Marx betont: „Das sind Fahrzeuge, die sich nicht zum Einstieg in den Motorsport eignen. Das sind gute Amateure, aber zum Teil auch Profis, die dann von den Teams eingesetzt werden und das über Sponsoren finanzieren.“ Seit 2010 gibt es das Mercedes-AMG Kundensportprogramm. „Bis dahin war Porsche der Marktführer. Seitdem entwickeln und bauen wir hier im Haus im Auftrag von Mercedes-AMG die Autos“, erklärt Marx. Gemessen an der Anzahl der verkauften und im Renneinsatz befindlichen Fahrzeuge habe man Porsche als Marktführer inzwischen abgelöst. „Es sind etwa 200 Fahrzeuge von uns aktiv weltweit im Renngeschehen unterwegs.“

Das ist aber nur der Kundensport. Darüber hinaus gibt es noch die eigenen Formel 2- und Formel 3-Teams, „wir sind Einsatzteam und Entwicklungspartner für das Mercedes EQ Formel E-Team, deren Saison dieser Tage in Saudi Arabien gestartet ist“, ergänzt Martin Marx und betont: „Die HWA ist sehr vielschichtig unterwegs. Das war jetzt nur der Sport. Wir können aber auch den Drift in neue Technologien mitgehen. Wir haben ein laufendes Forschungsprojekt mit dem Ziel einer signifikanten Feinstaubreduzierung. Man darf dabei Feinstaub und CO2 nicht verwechseln. Bremse und Reifenabrieb haben einen sehr hohen Anteil am Feinstaub. Gelingt es uns, im Bereich der Bremse den Feinstaub deutlich zu reduzieren, haben wir richtig was gewonnen.“ In eine ähnliche Richtung geht das Projekt „Hyraze League“ – eine Rennserie für Autos mit Wasserstoffantrieb, die 2023 starten soll.

Gegründet wurde HWA 1998 von Namensgeber Hans Werner Aufrecht, auch Mitbegründer von AMG. Als AMG damals an den Daimler-Konzern verkauft wurde, gliederte man die Motorsportsparte als HWA GmbH aus. Mittlerweile ist die Firma eine AG. Die Wiege von HWA liegt in der DTM. „Das war über Jahre das Hauptbetätigungsfeld“, erklärt Marx. Dutzende Pokale sowie Renn- und Fahrerfotos im Foyer und in den Gängen zeugen davon. „Heute lassen teils namhafte Firmen bei uns Bauteile und Komponenten entwickeln. Wir stehen da auch gerne im Hintergrund“, sagt Marx. Das heißt: Nicht überall, wo HWA drin ist, steht auch HWA drauf.

Ganz anders ist das bei den Boliden der Formel 2 und Formel 3. Fünf Autos gehen hier im März in Bahrain in die ersten Rennen. „Die Formel 1 ist natürlich die bekannteste Rennserie in der auch am meisten Geld steckt. Und dann gibt es die Pyramide, wie man zur Formel 1 kommt. Wie hat zum Beispiel der Weg des Mick Schumacher stattgefunden? Der ging über die Formel 4, Formel 3 und die Formel 2. Das ist ein Zweig“, erklärt Martin Marx. „Aber das geht auch über den GT-Sport, also Autos mit Dach. Stichwort Le Mans oder andere 24-Stunden-Rennen. Es wäre nicht gerecht, dass unterhalb des Formel-Sports zu sehen. Das ist einfach ein anderer Zweig.“

Die Rennen der Formel 2 und 3 finden übrigens im Rahmen der Rennwochenenden der Formel 1 auf den gleichen Strecken statt. Für den erst 17-jährigenHWA-Fahrer Matteo Nannini wird dies ein straffes Programm, denn er fährt beide Rennserien. Sein Partner in der Formel 2 ist Landsmann Alessio Deledda. „In der Formel 3 fahren zudem der Däne Oliver Rasmussen und der Mexikaner Rafael Villagomez. Wobei in diesen beiden Rennserien die Teams in Einheitsautos und mit Einheitsmotoren fahren. „Es kommt dann auf die Performance der Fahrer und des Teams an, das Bestmögliche herauszuholen“, sagt Marx, der sich dieses Jahr den ein oder anderen Podestplatz erhofft. Die Fahrer werden übrigens von den Teams für ihre Dienste nicht bezahlt – im Gegenteil: Sie müssen sogar Geld mitbringen, über Sponsoren oder auch reiche Eltern. „Das macht den Sport relativ teuer. Sie können davon ausgehen: Wenn heute jemand den Sprung in die Formel 1 geschafft hat, wurden schon beträchtliche Summen in den Fahrer investiert“, so Marx. Das könne durchaus ein zweistelliger Millionenbetrag sein.

Das Training findet nicht nur auf der Strecke statt, viel Zeit verbringen die Fahrer im Rennsimulator. Drei hat HWA im Haus. „Da können alle Strecken abgerufen und ganze Renen nachgefahren werden“, erklärt Jens Birkelbach aus dem Marketingbereich. Viele Bereiche in der Produktion und Entwicklung dürfen übrigens nicht fotografiert werden. Teils weil die Technologie geheim ist, teils weil für Kunden gefertigt wird. Im Haus gibt es unter anderem einen Fertigungsbereich sowie Prüfstände für Motoren oder eine Lackiererei, in der auch Straßenfahrzeuge eine Optik nach Sonderwünschen erhalten. Auf dem Hof stehen mehrere Trucks für den Einsatz an der Rennstrecke, „wir haben zudem noch ein großes Außenlager in Freiberg“, sagt Birkelbach. Derzeit verwaist ist ein großer Kontrollraum mit Dutzenden Arbeitsplätzen und Bildschirmen. „Während der Rennen werden hier die Daten ausgewertet und an die Teams vor Ort weitergegeben. Die Leute sind dann auch alle mit dem Bordfunk verbunden. Und je nach Rennort und Zeitverschiebung müssen die Kollegen auch mal mitten in der Nacht hier loslegen.“

Für viele überraschend dürfte die Tatsache sein, dass es im Gebäude auch ein Fitnessstudio gibt. „Da trainieren die Crews. Um in Sekunden Reifen zu wechseln, müssen sie auch fit sein“, erklärt Birkelbach. Bei HWA werden also nicht nur Autos in absolute Topform gebracht.