Gesundheitliche Versorgung im Landkreis Ludwigsburg Notärzte überschreiten Hilfsfristen zu oft

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Tagsüber kommt der Notarzt meistens schnell – im Bottwartal gibt es offenbar nachts längere Wartezeiten. Foto: /Werner Kuhnle)

Eine Software-Panne in der Integrierten Leitstelle Ludwigsburg kaschierte zu häufige Verstöße gegen die gesetzlich vorgeschriebenen Zeiten bei Einsätzen im Jahr 2019 im Landkreis Ludwigsburg.

Marbach/Bottwartal - Manchmal irren auch rechenstarke Computer. Ein Software-Fehler in der Integrierten Leitstelle Ludwigsburg flog im Sommer vorigen Jahres auf. Es stellte sich heraus: Die Notärzte kamen im Jahr 2019 doch nicht so rechtzeitig an, wie es die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist von 15 Minuten vorsieht. Damit entpuppte sich der zuvor angenommene Wert als falsch: Die Notärzte kamen nicht in 95,2 Prozent sondern nur in 92,2 Prozent aller Fälle innerhalb der Frist an. Der vom Landratsamt beaufsichtigte Bereichsausschuss für den Landkreis Ludwigsburg muss nachsteuern.

Der neu errechnete Wert ist wichtig und beileibe keine Erbsenzählerei. Denn laut Gesetz müssen Notärzte und Sanitäter in mindestens 95 Prozent der Fälle die Hilfsfrist einhalten. Im Landkreis Ludwigsburg klappte es 2019 bei den Rettungswagen mit einem Wert von 95,6 Prozent, nicht aber bei den Notärzten, die zum Beispiel bei Atemnot oder einem möglichen Herzinfarkt hinzugerufen werden müssen.

Der Lapsus steht jedoch schon im Fokus der Verantwortlichen: „Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich derzeit damit, wie die notärztliche Versorgung verbessert werden kann“, teilt Wolfgang Breidbach, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Ludwigsburg und aktueller Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Landkreis, mit. Das Gremium mit Ärzten, Vertretern von Sanitätsdiensten, Krankenkassen und Behörden regelt zum Beispiel die Zahl der Rettungswagen, die notärztlichen Dienste und andere Kapazitäten. Dort wird mitunter hart gefeilscht, was an den Kosten für die Leistungen liegt.

Politisch sind die Hilfsfristen seit etwa zehn Jahren im Landkreis Ludwigsburg ein umkämpftes Thema, dessen sich besonders die SPD angenommen hat. Damals setzte sich der Landtagsabgeordnete Wolfgang Stehmer dafür ein, dass auch in Randgebieten wie Vaihingen oder dem Bottwartal die Fristen eingehalten werden. Tatsächlich gab es Verbesserungen, etwa durch zusätzliche Rettungswagen in Ludwigsburg, Ditzingen, Vaihingen und am neuen Standort in Murr für das Bottwartal. Nur blieb der Wert für die Notärzte unter der 95-Prozent-Grenze. Für die SPD will der Murrer Kreisrat Thomas Utz das Thema im Blick behalten. „Wir haben offensichtlich in der Tat nach wie vor ein erhebliches Problem mit der Einhaltung der gesetzlichen Werte“, lautet sein Fazit nach einer kleinen Anfrage des SPD-Generalsekretärs Sascha Binder an den CDU-Innenminister Thomas Strobl und dessen Antwort.

Die Hilfsfristen seien zwar notwendig, um Rettungskapazitäten zu planen, betont Thomas Strobl, der die Anfrage ausführlich beantwortete. Allerdings zeige das Einhalten der Hilfsfrist für sich gesehen nicht die wirkliche Qualität des Rettungssystems an. Stattdessen müsse man die gesamte Rettungskette betrachten. Dazu zählten Diagnose, Behandlung und Auswahl eines Krankenhauses innerhalb einer Gesamtversorgungszeit. Dabei zähle insbesondere bei Schlaganfall und Herzinfarkt die sogenannte Golden Hour, also die 60 Minuten vom Alarm bis zur Versorgung im Klinikum. Im Kreis Ludwigsburg liege dieser Wert in der Hälfte der Fälle bei 48 Minuten und 8 Sekunden. Dies sei besser als der Landeswert, der 48 Minuten und 33 Sekunden betrage.

Tagsüber gebe es keine Probleme, berichtet der Oberstenfelder Allgemeinmediziner Dr. Marcus Michna, der am Notarztstandort Bottwartal mitwirkt. „Wir rücken in der Zeit von 7 bis 19 Uhr sehr schnell aus“, sagt er. Allerdings seien die übrigen zwölf Stunden nicht abgedeckt. „Wenn eine Hilfsfrist überschritten wird, dann nachts.“ In dieser Zeit komme der Notarzt aus Ludwigsburg. Seiner Meinung nach müsse die Situation im Bottwartal weiter beobachtet werden. „Wir sehen den Rettungswagen aus Murr auch nur in 50  Prozent aller Fälle – sonst kommen Wagen aus Ilsfeld, Auenstein und Besigheim.“ Offenbar seien die beiden RTW aus Murr stark ausgelastet. „Das Gebiet um Marbach und im Bottwartal ist eben sehr weitläufig.“ Die demografische Entwicklung und Neubaugebiete werden die Einsatzzahlen wohl weiter steigen lassen.

Ob die Fristen im Jahr 2020 besser eingehalten wurden als im Jahr zuvor, steht noch nicht fest. Coronabedingt habe man das Jahr noch nicht auswerten können, hieß es auf Nachfrage von der Geschäftsstelle des Bereichsausschusses für den Landkreis Ludwigsburg.