Gesetz zu Motorradlärm Schwarze Biker-Schafe schlüpfen durch

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Der Einzelfall ist für Anwohner unerfreulich, häuft sich aber an manchen kurvenreichen Strecken. Foto: dpa/Patrick Seeger

Der Motorradlärm ist nicht nur in Kirchberg ein Problem. Jetzt soll die Politik das unnütze Hin- und Herfahren auch außerorts verbieten, fordern Anti-Lärm-Akivisten.

Kreis Ludwigsburg/Rems-Murr-Kreis - Sommer, Sonne, Auspufflärm: Sobald das Wetter gut ist, haben Anwohner von beliebten Motorradstrecken ein Problem. Es sind nicht jene Biker, die auf ihren Touren die Landschaft genießen, und auch nicht unbedingt jene, die auf der Autobahn Gas geben. Aber es gibt Motorradfahrer, die relativ kurze, meist kurvige Abschnitte als Lieblingsstrecke auserkoren haben, diese auf- und abfahren und ihre Maschine dabei ordentlich hochdrehen lassen. Freiheit, Fahrspaß und Faszination Technik auf der einen Seite – Lärm, Stress und ein Verlust an Lebensqualität auf der anderen.

Einige Strecken in den hügeligen Randzonen des Landkreises Ludwigsburg sind für viele Biker ein Eldorado – mit dem Nebeneffekt, dass viele Ortschaften, etwa in den Löwensteiner Bergen, seit Jahren mit Lärm konfrontiert werden. Auch die Anwohner von Kirchberg, vor allem des Weilers Neuhof, können davon ein Lied singen. Seit Jahren kämpft dort die Aktionsgemeinschaft Umweltschutz Kirchberg (AUK) mit unterschiedlichen Mitteln um Aufmerksamkeit für ein Thema, das lange Zeit von der Politik stiefmütterlich behandelt wurde. Einen knappen Kilometer lang ist die kurvige Strecke zwischen dem Bahnhof Kirchberg und dem Weiler: An der Bushaltestelle Neuhof treffen sich Biker zum Auf- und Abfahren.

Drei Bürgermeister fordern schärferes Vorgehen

Einer, der das Gespräch mit den Bikern nach wie vor sucht, ist Norbert Kuhnt. Das AUK-Mitglied stößt sowohl auf Verständnis wie auch auf Abweisung, wenn er für die rund 250 Einwohner von Neuhof auf Motorradfahrer zugeht. „Das unnütze Hin- und Herfahren ist das Problem – viele Motorradfahrer argumentieren, es ist nur innerorts verboten“, erzählt Kuhnt, der von einer leicht verbesserten Lage spricht, seitdem eine landesweite Kampagne gegen Motorradlärm Fahrt aufgenommen hat. „Einige drehen aber geradezu extra auf, wenn sie hier vorbeifahren – mir sind auch schon Schläge angedroht worden.“

Kuhnt wünscht sich daher nun, dass es für das unnötige Fahren hohe Bußgelder und Strafpunkte gibt. Er sieht sich im Einklang mit den drei Bürgermeistern der lärmgeplagten Kommunen Großerlach, Sulzbach und Spiegelberg, die fordern, im Paragrafen 30 der Straßenverkehrsordnung das Verbot von unnützem Herumfahren nicht nur auf den Innenort zu beschränken.

Die meisten Biker geben an, sich zufällig zu treffen

Aus Sicht der Polizei ist die Lage in Kirchberg relativ ruhig, teilt das Polizeipräsidium Aalen mit. Fünf geplante Kontrollen habe es binnen zwei Jahren gegeben. Die Quote von Übertretungen liege bei fünf Prozent. „Es ist eine Minderheit, die den Ruf der motorisierten Zweiradfahrern schädigt“, berichtet der Sprecher Rudolf Biehlmaier, der auf die Politik verweist, wenn es darum geht, schärfere Sanktionen gegen laute Bikerrowdys in den Gesetzen zu verankern.

Eine Handhabe biete aktuell nur der Paragraf 29 der Straßenverkehrsordnung, erklärt Peter Widenhorn, Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. „Wenn sich Motorradfahrer treffen, müssten sie das behördlich anmelden – andernfalls ist das eine übermäßige Straßennutzung.“ Das werde mit einem Bußgeld von 40 Euro bestraft. Das Problem: die Strafe trifft nicht alle Teilnehmer, sondern nur den Verantwortlichen solcher Treffen. Und den müsse die Polizei erst einmal ausfindig machen. Die Biker geben meistens an, sich zufällig getroffen zu haben.

Grünen-Politikerin will rechtliche Möglichkeiten ausschöpfen

Weil die gesetzliche Lage wenig hergibt, sucht die Politik nach anderen Wegen, schwarzen Schafen beizukommen. Die Liste der möglichen Mittel ist lang – Rüttelstreifen hier, Schilder mit Appellen, Tempolimits oder Dezibel-Messanzeigen dort. Die AUK in Kirchberg hat ebenfalls eine Antwort von der für den Lärmschutz zuständigen Grünen-Staatssekretärin Elke Zimmer erhalten. Auch sie sehe Motorradlärm als große Herausforderung und sei dafür, die „rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen“, schrieb die Politikerin. Sie hat erst kürzlich von den Motorradherstellern Schritte zu einem „Leise-Tuning“ gefordert und mit der Firma Hattech ein Positivbeispiel präsentiert.

Initiative Motorradlärm fordert mehr Aktivität von Bund und EU

Positionspapier
 In der Initiative Motorradlärm haben sich seit dem Jahr 2019 im Land 160 Kommunen und Kreise zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie erreichen, dass Bund und EU mehr gegen Lärmbelästigung tun. Bei ihrem jüngsten Treffen hat die Initiative in ihrem Positionspapier gefordert, das Verbot von unnützem Hin- und Herfahren auf außerörtliche Bereiche auszudehnen.

Keine Fahrverbote
 Ein Fahrverbot auf manchen Strecken, das manche Lärmgegner befürworten, stößt auf Gegenwind. Die auch gegen Lärm kämpfenden Bürgermeister von Großerlach, Sulzbach und Spiegelberg halten das für eine „Sankt-Florians-Strategie“, die nur zu einer Verlagerung führe und zu einer Bestrafung der Mehrheit der gesetzeskonformen Biker.