Für Überfall in Kirchberg Acht Jahre Haft für 35-Jährigen

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Der Angeklagte entschuldigte sich vor der Urteilsverkündung bei den Opfern und bei seiner Familie. Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Das Landgericht Stuttgart verurteilt einen 35-jährigen Mann zu einer hohen Gefängnisstrafe. Der Angeklagte hatte zur Finanzierung seiner Drogensucht unter anderem den Fahrer einer Bäckereikette in Kirchberg ausgeraubt.

Stuttgart/Kirchberg - Als sich der 35-jährige Angeklagte am Montag um die Mittagszeit von seinem Platz im Stuttgarter Landgericht erhob, um sein letztes Wort vor seiner Verurteilung zu sprechen, machte der muskulöse Mann mit dem mächtigen Vollbart einen aufgeräumten Eindruck: Er entschuldigte sich bei den Opfern seiner beiden Raubüberfälle, bei seiner Lebensgefährtin und bei seinen Kindern, die er in den kommenden Jahren nicht begleiten kann. Er wusste, dass er sie mehrere Jahre nicht sehen wird.

35-Jähriger stand schon früh unter hohem Erwartungsdruck

Knapp eineinhalb Stunden später verkündete dann der Vorsitzende Richter Ulrich Tormählen das Urteil gegen den gebürtigen Düsseldorfer: Acht Jahre Haft wegen zweifachen besonders schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung, zudem wird er für zwei Jahre in eine Entziehungsanstalt eingewiesen, um ihn von seinem Drogenkonsum zu heilen.

Das Leben des Angeklagten war stets von hohen Leistungserwartungen geprägt – zunächst von seinen Eltern, später auch von seinen Erwartungen an ihn selbst. Sein Vater war Vorstandsvorsitzender einer Werkzeugfirma und verdiente gut. Als diese jedoch pleiteging, musste die Familie oft umziehen – allein während der Schulzeit des 35-Jährigen viermal. Nach dem Realschulabschluss machte er sein Abitur und begann mit einem BWL-Studium. Nebenher betrieb er eine Diskothek.

Der Angeklagte stand bei einem Dealer in der Kreide

Zwischen 2015 und 2019 arbeitete er acht Stunden lang als Prokurist in einer Firma, anschließend nochmals acht Stunden lang in seiner Kneipe. Möglich sei das nur gewesen, da er regelmäßig Amphetamine und Kokain konsumierte, womit er schon im Teenageralter angefangen hatte, erzählte er. Anfang 2019 geriet er in massive Geldnöte: In der Firma wurde ihm gekündigt, für die Kneipe fand er keinen Nachfolger. „Er war in einer verzweifelten Situation, sein Leben war aus den Fugen geraten“, sagte sein Verteidiger Andreas Lauven in seinem Schlussplädoyer.

Um seine Schulden bei seinem Dealer begleichen zu können und sich weiterhin Drogen kaufen zu können, habe er den Plan für zwei Überfälle ersonnen, bei denen er jeweils Insiderwissen ausnutzte, sagte Richter Tormählen. Im März 2019 überfiel der Angeklagte kurz vor Ladenschluss einen Juwelier im Emsland, bedrohte ihn mit einem Fleischermesser, fesselte und knebelte ihn und verschwand schließlich mit Schmuck und Wechselgeld im Wert von rund 2800 Euro.

Fahrer eines Geldtransporters blutig geschlagen

Das Perfide daran war, wie Staatsanwältin Tina Lüke in ihrem Schlussplädoyer befunden hatte, dass die Mutter in diesem Juweliergeschäft einst gearbeitet hatte und auch überfallen worden war – zum Schutz durfte sie anschließend den damals 17-jährigen Angeklagten mitbringen, der zu der Zeit Kampfsport betrieb.

Auch bei der zweiten Tat im August 2019 konnte der 35-Jährige auf Insiderwissen zurückgreifen: Die Mutter seiner Lebensgefährtin arbeitete bei einer Bäckerei in Kirchberg, bei der ein Fahrer eines Geldtransportes abends die Tageseinnahmen abholte. Nachdem der Angeklagte dem Mann eines Abends gefolgt war, errichtete er am Abend darauf in einem Waldstück hinter Kirchberg/Murr mit einem abgesägten Baumstamm eine Straßensperre und überfiel den Fahrer mit Fäusten und Pfefferspray, nachdem dieser wie geplant an dem Hindernis gehalten hatte und ausgestiegen war. Der wehrhafte Fahrer erlitt blutige Kopfverletzungen, der 35-Jährige entkam mit einer Beute von rund 3100 Euro.

Opfer leiden unter schweren psychischen Folgen

Das Gericht hielt dem Angeklagten sein frühes Geständnis und seine Reue zugute, gegen ihn hätten die schweren psychischen Folgen der Opfer gesprochen. Eine verminderte Schuldfähigkeit hatte eine Gutachterin wegen der planvollen Vorgehensweise ausgeschlossen. Mit dem Urteil entsprach das Gericht dem Antrag der Verteidigung, die Staatsanwaltschaft hatte achteinhalb Jahre Haft gefordert. „Ich hoffe, sie haben eine gute Zukunft vor sich“, meinte Richter Tormählen abschließend zum Angeklagten.