Freitagsreportage Unser Wettermann

Von Stephanie Wein
Yannick Garbe interessiert sich von Kindesbeinen an fürs Wetter. Die Gegend gut zu kennen ist enorm wichtig, um eine genaue Vorhersage machen zu können. Foto:  

Lass uns übers Wetter reden: Yannick Garbe hat immer eine Prognose für die kommenden Tage im Kopf.

Wenn Yannick Garbe das Wiesengrundstück im Winzerhäuser Tal betritt, dann bleibt die Zeit stehen. Der Wahlbacknanger macht hier ein oder zwei Mal in der Woche auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz im Kraftwerk Neckarwestheim halt und sammelt Daten, verschnauft kurz und genießt den Frieden. Hier stehen seine Geräte zur Wetteraufzeichnung, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. „Meine Wetterhütte hat Museumscharakter“, sagt der 33-Jährige und lacht. Das weiße Hüttle auf Stelzen ragt elegant aus dem frischen Frühlingsgrün. Als der Deutsche Wetterdienst die Digitalisierung vorantrieb, so Garbe, griff er zu und erwarb 2012 die ausrangierte Wetterstation aus dem Odenwald. Seither leistet sie dem Hobby-Meteorologen gute Dienste, auch wenn er die meisten Daten, die seine digitalen Messstationen sammeln, bequem per Handy abrufen kann.

Schon der kleine Yannick sprang vor zwei Jahrzehnten morgens vom Bett direkt ans Fenster zum Thermometer des Vaters und dokumentierte die Temperatur. Als Schüler beschäftigte sich Yannick Garbe zunehmend mit dem Wetter und erlernte autodidaktisch, Wetterdaten zu sammeln und Wettervorhersagen zu erstellen – damals mit der Station auf dem Dach des Elternhauses in Oberstenfeld. Im Januar 2007 verpflichtete die Marbacher Zeitung den jungen Mann, wöchentlich eine Vorhersage für das Wetter am Wochenende zu schreiben. „Diese Regelmäßigkeit hat mich sehr weitergebracht“, sagt er heute. Zehn bis 15 Jahre hat es gedauert, bis der Hobbymeteorologe von sich sagen konnte: Ich kann’s.

Wie macht er das?

Und zwar richtig gut. Garbes Wettervorhersagen für die Wochenenden im Bottwartal, im Neckartal bei Marbach und dem Schwäbischen Wald sind sehr zuverlässig und beliebt. Wie macht er das? Montag: Die Arbeit geht für Garbe an seiner historischen Station im Winzerhäuser Tal an der Kleinen Bottwar los. Hier sammelt er die neuesten Daten zur Temperatur und zum Niederschlag. Zwei Quecksilber-Thermometer haben für ihn zuverlässig die höchste und tiefste Temperatur gemessen und gespeichert. Die Temperatur misst auch sein museumsreifer Thermo-Hygro-Graf. Dehnt sich dessen Metallring der Wärme wegen aus, dokumentiert ein Hebelarm die Veränderung. Wenige Schritte weiter hat ein Blechgefäß den Niederschlag aufgefangen, der in einen Messzylinder umgefüllt wird.

Dienstag: Garbe schaut sich die Großwetterlage im Internet an und macht eine erste Tendenz für das Wochenende aus.

Die Großwetterlage wird verfeinert

Mittwoch: Garbe kontrolliert die vage Vorhersage und die Tendenz – mittlerweile steht ihm im Internet auch eine Großwetterlage für die Region zur Verfügung. Wie die Vorhersage für die Zeitung aussehen wird, hat Garbe nun in groben Zügen im Kopf.

Donnerstag: Jetzt kommen Garbes eigene Messwerte zum Tragen. Der 33-Jährige kontrolliert, ob und in welchem Ausmaß die Messwerte seiner sechs Wetterstationen von den Wettermodellen abweichen. Er kontrolliert die aufgezeichneten Temperaturen der unterschiedlichen Tageszeiten, den Niederschlag, die Windstärke. Jetzt kann er die Vorhersage verfeinern und das aktuelle Wettermodell für die Region korrigieren. Auch geografische Besonderheiten spielen eine große Rolle, Baumwuchs, Mulden- und Hügellagen, Ortschaften als Wärmespeicher, Wasserwege. Er weiß, wie sich angekündigte Wetterlagen speziell in seinem Gebiet auswirken. Die Erfahrung, so sagt der gelernte Chemietechniker, spielt eine große Rolle. Abseits seiner Heimat, deren Wetter er sehr gut kennt, wären so genaue Vorhersagen nicht möglich.

Täglich eine halbe Stunde für das Wetter

Täglich investiert Garbe rund eine halbe Stunde in die Wettervorhersage. Die Station im Winzerhäuser Tal ist die einzige, die er besucht. Denn die anderen, zum Beispiel in Mundelsheim und Erdmannhausen, funktionieren digital. Hier hat er auch immer wieder einmal Schulklassen zu Besuch und Gäste wie die Wetterredaktion des SWR. Garbe nennt seine Messstation „Liebhaberei“. Mittlerweile hält er auch Vorträge, hat seltene Geräte zur Erfassung von Wetterdaten gesammelt. „Ich wünsche mir, dass dieses Wissen und die historischen Messtechniken erhalten bleiben“, sagt er, und pflegt deshalb die etwas umständliche, analoge Variante. Ab und an hat er hier auch mit Wespennestern und Ameisenkolonien zu tun. Doch das nimmt er in Kauf.

Mittlerweile sagt Garbe auch für einen zweiten Kunden das Wetter vorher – zumindest als Urlaubsvertretung. Der VfB Stuttgart möchte bei Heimspielen immer wieder einmal von Garbe wissen, welches Wetter die Spieler und Zuschauer erwartet. Und nicht zuletzt hat er weitere unzählige Abnehmer: Wo Yannick Garbe auftaucht, wird er nach dem Wetter gefragt. „Deshalb möchte ich auch immer auf dem Laufenden sein. Ich muss ja etwas Zuverlässiges sagen können, wenn ich gefragt werde“, sagt er und lacht fröhlich. Dabei freut er sich auch über Rückmeldungen. So gab es zum Beispiel schon dankbare Leserbriefe.

Maiwanderer zum Schirm geraten

Und Kritik? Recht wenig, sagt Garbe. Doch einmal sei er mit seiner Vorhersage richtig daneben gelegen. „Das war am 1. Mai 2007.“ Er hatte Maiwanderern empfohlen, einen Regenschirm mitzunehmen. „Aber der Himmel war von morgens an blau und blieb es auch.“ So richtig böse war ihm da aber vermutlich niemand .

Hinweis Bei Interesse an einem Vortrag oder einer Besichtigung der Messstation ist der Wettermann unter: garbeyannick@googlemail.com erreichbar.