Freitagsreportage: Destillate aus Gronau Wo Obst im Kessel brodelt

Von Sandra Brock
Frank Bartholomäi probiert das frisch gebrannte Birnen-Destillat. Foto: avanti

Die Familie Bartholomäi in Gronau betreibt seit 1878 eine Brennerei. Sohn Frank hält die Tradition weiter aufrecht. „Hier geht es auch um Landschaftsschutz“, sagt er.

Oberstenfeld-Gronau - Obwohl die Türen nach draußen weit offen stehen, sind die Temperaturen an diesem Spät-Dezembertag fast kuschelig in der kleinen Brennerei. Und es duftet nach warmem Obst. Klar erschnuppert die Nase auch den Alkohol, der hier gebrannt wird – gerade ist es ein Destillat aus Birnen.

Das Wort Schnaps mag Frank Bartholomäi nicht. „Schnaps macht Hühnerfrack“, sagt er. Gänsehaut. Seine Destillate machen das nicht. Überhaupt hört sich Destillat einfach eleganter an, findet der Gronauer. „Schnaps hieß es halt früher“, sagt er. Und von diesem „früher“ gibt es eine ganze Menge. Das Haus an der Gronauer Hauptstraße steht seit 1878, und seither wird hier gebrannt. Erst von Urgroßvater Johann, dann von Großvater Hermann, Vater Edmund und nun ist es Frank Bartholomäi, der die Tradition aufrechterhalten will.

„Ein Hobby, das weh tut“

Während die Brennerei für Edmund Bartholomäi samt Mosterei und Besenwirtschaft noch Hauptstandbein war, ist es für Sohn Frank nun „ein Hobby, das wehtut“, wie er lachend sagt. Eine Leidenschaft, die ihm aber richtig Spaß macht. So viel Spaß, dass er seine Wochenenden zwischen Brenngerät, Alkoholometer und Maischefässern verbringt. Und eben auch die Tage zwischen den Jahren, um mal ein bissle was wegzuschaffen, wie er es ausdrückt. „Ich muss ja auch rumkommen.“

Es sind nämlich nicht nur seine eigenen Destillate, die er da brennt. Sondern auch die seiner etwa 15 bis 20 Stoffbesitzer. Das sind diejenigen, die ein Stückle mit eigenem Obst haben und dieses von Frank Bartholomäi als Lohnbrenner zu Schnaps verarbeiten lassen. Pardon. Zu Destillat.

Einer von ihnen ist Nils Zastrow aus Auenstein. Er ist gerade einmal 20 Jahre jung und kam auf die Idee, aus den Birnen auf dem Stückle der Eltern Hochprozentiges zu machen. Ein Nachbar kannte Frank Bartholomäi und so kamen die beiden zusammen.

Das Ergebnis ist lecker

Gerade brodelt die letzte Ladung der Birnen-Maische in der Brenn-Anlage, es ist 14 Uhr durch. Frank Bartholomäi hat mit dem Brennen schon am frühen Morgen angefangen, füllt ab, verdünnt, rechnet, notiert – es muss alles passen, damit auch der Zoll nichts zu beanstanden hat. Nils Zastrow schaut ihm interessiert zu. Eigentlich wollte er seinen Schnaps schon vor Weihnachten fertig haben, damit er ihn zum Fest verschenken kann, berichtet er lachend. Aber ein paar Tage später ist auch noch gut, findet er. Den Inhalt seines 20-Liter-Fasses, das er am Nachmittag schließlich stolz vom Hof trägt, wird er in kleine Fläschchen abfüllen. Und weil das Ergebnis lecker ist, möchte er das Thema nächste Saison gleich noch einmal angehen.

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Frank Bartholomäi soll das recht sein. Denn er sieht sein Handwerk und damit noch viel mehr in Gefahr. „Es gibt immer weniger Brenner, es gibt immer weniger Brennereien, es gibt immer weniger Streuobstwiesen“, sagt er. Viele seiner Berufskollegen seien 60 Jahre und aufwärts. Der Nachwuchs bleibe oft aus. „Man muss die Jungen begeistern, Streuobstwiesen zu bewirtschaften“, lautet das Credo des Gronauers. „Wir betreiben hier aktiven Landschaftsschutz.“ Und ganz nebenbei hat jeder, der sich für den Weg des Brennens entscheidet, seine eigenen Destillate und Spirituosen daheim. „Das ist doch eine coole Geschichte“, sagt der Gronauer.

Zumal diese Produkte eine persönliche Handschrift tragen. „Wir müssen weg von diesem immer gleichen Kirschwasser aus dem Discounter“, findet er. „Das hat nur mit billig zu tun. Die Individualität geht verloren. Das ist langweilig.“

Auf den Rohstoff kommt es an

Lieber sorgt er selbst für die Individualität – und für die Qualität. „Das fängt beim Rohstoff an, das ist das Allerwichtigste“, sagt Frank Bartholomäi allen, die ihn fragen. Und passt der Rohstoff, passt die Maische, dann kann beim Brennen schon fast gar nichts mehr schief gehen.

Für den gelernten Weinküfermeister muss das Ergebnis so sein, dass man es pur trinken kann. „Wir wollen hier keinen Hühnerfrack oder Rachenputzer, wir wollen Genussalkohol produzieren.“

Bei Frank Bartholomäi selbst ist der Genuss bei Quitte, Zwetschge und Mirabelle am größten. „Das sind für mich die drei Obstbrände.“ Die Bandbreite der Erzeugnisse der kleinen Brennerei in Gronau ist aber noch um einiges größer. Hier wird beispielsweise seit mehr als vier Jahrzehnten schon Whisky hergestellt, der früher eben Bierbrand hieß. Und natürlich gibt es inzwischen auch hier den schon fast obligatorischen Gin. Aber auch Nusslikör aus grünen Walnüssen ist im Sortiment. Und: ein Johannisbeer- und ein Himbeerbrand. Und, und, und . . .

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