Frauen in der Gesellschaft Kein Kind, ja und?

Von Nina Ayerle
Nicht jeder will sich ein Leben mit eigenen Kindern vorstellen – das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Foto: Imago/Westend61

Egoistisch, narzisstisch oder karrieregeil – wer als Frau keine eigenen Kinder möchte, wird immer noch häufig kritisiert und abgestempelt. Kinderlosigkeit, ob gewollt oder ungewollt, ist immer noch ein Tabu. Warum eigentlich? [Plus-Archiv]

Stuttgart - Ab Mitte dreißig fängt es an. Die tuschelnden Kommentare von Tanten und Großmüttern bei Familienfeiern, während man mit den Neffen spielt: „Ich versteh das nicht. Sie liebt doch Kinder.“ Irgendwann wird man selbst ein bisschen paranoid und hört auch aus einem wahrscheinlich nett gemeinten Lob („Du bist so eine gute Hausfrau geworden. Das macht mich stolz.“) die Frage heraus: „Wann willst du Kinder kriegen?“ Schlimmer sind nur kinderlose Männer, die beim ersten Date unverblümt mitteilen, kinderlose Frauen sollten weniger Rente erhalten, schließlich hätten sie keinen Beitragszahler in die Welt gesetzt.

Es gibt Frauen, die keine Kinder wollen oder schlicht keine bekommen können

Laut dem Mikrozensus 2016 bleibt jede fünfte Frau heute kinderlos, bei Akademikerinnen ist es jede vierte. Viele davon entscheiden sich bewusst gegen ein Kind. In ihrem Umfeld löst das oft Unverständnis oder Empörung aus. Die Vorwürfe, die sich Frauen anhören müssen: Sie seien egoistisch, narzisstisch, karrieregeil. Frauen, die öffentlich bekennen, sie wollten kein Kind, werden angefeindet. Das erlebte die Moderatorin Sarah Kuttner vor einiger Zeit, als sie in ihrer Talkshow achtlos fallen ließ, sie wolle keine Kinder. In den sozialen Netzwerken und in zahlreichen Zuschriften bekam sie die geballte Wut der Hörer ab.

Ab 30 müsse man wissen, ob man Kinder wolle – und natürlich bereits alles im Leben so weit geordnet haben, dass der Klapperstorch nur noch auf leisen Schwingen zu landen brauche, schreibt Autorin Anna Schatz in ihrem Buch „Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen“. Dabei gebe es Frauen, die keine Kinder wollten, und andere wollten zwar, könnten aber nicht – wie sie selbst. „Beiden Seiten gemeinsam ist, dass Frauen sich rechtfertigen müssen. Immer. Es sei denn, man antwortet auf die Frage „Hast du Kinder?“ mit Ja.

Der Mutterinstinkt ist nicht tief in jeder Frau verankert

Es entsteht oft der Eindruck, viele stellen zwar gerne indiskrete Fragen – die indiskreten Antworten wollen sie aber nicht hören. Will ich ein Kind, will ich keins? Die Entscheidung darüber gehört zu den großen Fragen des Lebens. Und darauf gibt es keine einfachen Antworten. Eher mehr Fragen: Wie stelle ich mir mein Leben vor? Welche Beziehung will ich führen? Traue ich mir die Verantwortung für ein Kind überhaupt zu? Es gibt viele Gründe, warum eine Frau kein Kind kriegen kann oder möchte: soziale, finanzielle oder gesundheitliche. Das kann auch schmerzhaft sein – weshalb keine Frau sich für ihre Entscheidung rechtfertigen muss, schon gar nicht öffentlich.

Die amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit („Die Mutter aller Fragen“) empfand es als äußerst „ungehörig“, als ein Moderator sie während einer Diskussionsrunde auf der Bühne „penetrant drangsalierte“, warum sie keine Kinder habe: „Weil es impliziert, dass Frauen Kinder haben sollten und dass die reproduktiven Aktivitäten einer Frau selbstverständlich von öffentlichem Interesse sind.“ Und es impliziert auch, dass der Mutterinstinkt tief in jeder Frau verankert ist. Weiblichkeit wird ursprünglich verbunden mit Häuslichkeit, Fürsorge und eigenen Kindern. Autorin Sarah Diehl schreibt in „Die Uhr, die nicht tickt – Kinderlos glücklich“, sie halte Fürsorglichkeit für eine wichtige Eigenschaft in einer Solidargemeinschaft. Wenn Fürsorglichkeit von Frauen aber mehr erwartet werde als von Männern, würden Frauen in einer Weise emotional erpressbar, die ihre Selbstbestimmung untergrabe. „Zu eben diesem Zweck wurde der Mutterinstinkt erfunden. Weil unsere Gesellschaft außer der Idealisierung der Mutterschaft kaum oder nur ungenügende Anreize für den ‚Mutterjob‘ bietet“, glaubt Sarah Diehl.

Viele Mütter fühlen sich überfordert und fremdbestimmt

Vor allem in akademischen Kreisen machen sich viele Frauen Gedanken darüber, welchen Preis sie bezahlen, wenn sie ein Kind bekommen. Der Versuch, den Beruf und die Rolle als Mutter und Hausfrau unter einen Hut zu bringen, bringt viele Mütter täglich an ihre Belastungsgrenze. Im Zuge der Bewegung Regretting Motherhood gaben vor einigen Jahren weltweit Tausende Frauen öffentlich zu, nicht glücklich in ihrer Mutterrolle zu sein. Viele Mütter schrieben in sozialen Netzwerken, wie eingeengt, fremdbestimmt und überfordert sie sich fühlten.

Das Mutterideal, das nicht so verblasst ist, wie es manche glauben machen wollen, sorgt bei Frauen immer noch für großen Druck. Nur Hausfrau soll die Frau bitte schön heute nicht mehr sein, dann gilt sie als faul. Wenn die Mutter Vollzeit arbeitet, ist sie eine Rabenmutter. Und wenn die Kinder nicht von klein auf eine Fremdsprache lernen, im Turnen, Rechnen oder Schach optimal gefördert werden, haben die Eltern ohnehin versagt.

Die wenigsten Frauen treffen die Entscheidung gegen Kinder leichtfertig

Mitunter werde die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Diskussionen ausgeblendet, kritisiert Diehl. „Eine Gesellschaft, die anders als die meisten europäischen Nachbarn an einem Mütterideal festhält, das auf Aufopferung und ständiger Verfügbarkeit beruht, schiebt den Schwarzen Peter den Frauen zu.“ Diehl ist überzeugt, der Mutterinstinkt wird in erster Linie instrumentalisiert: „Da die vermeintliche Fähigkeit zu Nächstenliebe und Fürsorge und zum Kümmern um Hilfsbedürftige als naturgegebener und unveränderlicher Instinkt dargestellt wird, besagt er auch, dass Frauen, die diesen nicht fühlen oder sich ihm entziehen wollen, krank oder gesellschaftlich unbrauchbar sind.“

Die meisten Frauen treffen die Entscheidung gegen Kinder aber kaum leichtfertig. Häufig ist das ein langer Prozess des Haderns und des Abwägens; manchen fehlt schlicht der passende Mann, bei anderen klappt es auf natürlichem Wege aus biologischen oder gesundheitlichen Gründen nicht. Auch das ist für viele erschütternd, oft sogar traumatisierend.

Es gibt mehr als einen legitimen Lebensweg

Den inneren Prozess schildert die amerikanische Autorin und Journalistin Sheila Heti in ihrem teils autobiografischen Roman „Mutterschaft“ eindrücklich. Über mehrere Jahre kämpft die Ich-Erzählerin darin mit ihrem Zwiespalt: „Einerseits: die Freude an Kindern. Andererseits: das Elend mit ihnen. Einerseits: die Freiheit, keine Kinder zu haben. Andererseits: der Verlust, nie welche bekommen zu haben.“ Wer hadert, so rät die Tante darin der Ich-Erzählerin, solle die eigenen Werte genauer prüfen: „Oft spült es Leute einfach in eine konventionelle Existenz – jene, die zu führen einem so eindrucksvoll nahegelegt wird. Aber wie könnte es nur einen einzigen legitimen Lebensweg gehen?“

Trotzdem verstört es viele – Männer wie Frauen –, wenn Frauen einen anderen Lebensweg gehen, sich gegen ein Kind entscheiden oder aufgeben, wenn es auf natürlichem Wege nicht gelingt. In Zeiten der boomenden Reproduktionsmedizin ernten Frauen erst recht verständnislose Blicke, wenn sie dieses körperlich und psychisch überaus anstrengende Prozedere einer künstlichen Befruchtung nicht über sich ergehen lassen möchten.

Die kinderlose Frau: für viele immer noch eine Provokation

Kinder gehörten zum Leben einer Frau dazu, ohne könne eine Frau gar nicht glücklich sein: Davon sind immer noch viele zutiefst überzeugt, weshalb eine kinderlose Frau eine Provokation ist.

Gewollte Kinderlosigkeit stößt vielen vermutlich auch deshalb sauer auf, weil nichts so sehr verunsichert, wie Menschen, die anders leben wollen als die meisten anderen, die offen mit der Tradition brechen und dabei womöglich noch schlicht und einfach glücklich sind. Andere Lebenswege konfrontieren uns häufig mit uns selbst und können unangenehmen Fragen aufwerfen: Habe ich das so entschieden, weil es sich „gehört“? Was wäre vielleicht noch alles möglich gewesen, wenn ich mich getraut hätte? Ganz oft steckt hinter der Ablehnung eines anderen Lebensmodells schlicht eines: Neid.

Es kann angsteinflößend sein, wenn jemand am traditionellen Fundament der Gesellschaft und der Rollenverteilung rüttelt und damit alles durcheinanderbringt. „Eine nicht mit Kindern beschäftigte Frau hat etwas Bedrohliches. Was wird sie stattdessen machen? Was für einen Ärger?“, schreibt Sheila Heti. Die Rollenbilder von Männern und Frauen unterliegen einem stetigen Wandel. Frauen können nach dem Gesetz heute beruflich alles werden, was sie möchten. Doch wie frei Frauen wirklich sind, zeigt sich auch daran, wie ihre Umgebung auf einen unkonventionellen Lebenswandel reagiert. In sehr konservativen und in rechten Kreisen wird seit Jahren versucht, einen Gegentrend zu fortschrittlichen Familien- und Lebensmodellen zu etablieren. Man wünscht sich die Frau an den Herd zurück und versucht, das traditionelle „Mutterbild“ wieder salonfähig zu machen – ein Modell, in dem eine Frau eben nur dann eine Frau ist, wenn sie eine Mutter ist. Die konservative Autorin Birgit Kelle, die seit Jahren für eine traditionellere Weiblichkeit plädiert, schreibt in ihrem Buch „Muttertier: eine Ansage“: „Mutterglück – allein das Wort dreht den Fossilfeministinnen ja schlicht den Magen um. Haben sie nicht jahrelang gekämpft, um uns von diesem ‚Mythos‘, von unseren Männern und auch von den Kindern zu befreien? Oder sollten wir uns nicht gleich sagen, von unserer weiblichen Natur?“

Weiblichkeit hat nichts mit Muttersein zu tun

In rechten Kreisen stecken hinter der Instrumentalisierung der Mutterrolle oft krude Ängste wie die vor dem „Aussterben der Deutschen“, vor „Überfremdung“ und einem vermeintlichen „Bevölkerungsaustausch“, nur „biodeutsche“ Frauen sollen Mutter werden. Die bürgerliche Kleinfamilie zu idealisieren kann dem Individuum in Zeiten von Globalisierung und einer sich stets fundamental ändernden Welt noch Halt geben.

Doch vermutlich wollen sich die wenigsten Frauen in die Rolle der Hausfrau und Mutter zurückdrängen lassen. Heute kann jede Frau frei entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte. Und so, wie für die eine Frau eigene Kinder das größte Geschenk ihres Lebens sind, ist für die andere ein Leben ohne Kind überaus erfüllend. Das ist alles legitim und muss respektiert werden.

Eine bewusste Entscheidung zeugt auch von innerer Reife

Kein Kind zu wollen heißt nicht unbedingt, egoistisch zu sein. Wer darüber urteilt, muss sich fragen, ob er wirklich weiß, unter welchen Bedingungen diese Entscheidung zustande gekommen ist und ob es ihm zusteht, sie zu bewerten. Und letztlich stellt sich die Frage: Warum sollte eine Frau ein Kind in die Welt setzen, wenn sie keines möchte? Wem wäre damit geholfen? Dem Kind sicher nicht. Eine bewusste Entscheidung dagegen zu treffen kann auch von innerer Reife und Verantwortungsgefühl zeugen.

Kein Kind zu wollen heißt auch nicht, nichts für die Gesellschaft zu tun oder ihr gar etwas schuldig zu bleiben. Ihre gläubige Cousine habe sechs Kinder, schreibt Sheila Heti, sie habe sechs Bücher geschrieben. Mutterschaft kann ein weit gefasster Begriff sein. Kein Kind zu wollen heißt übrigens schon gar nicht, Kinder nicht zu mögen. Meist sind kinderlose Frauen ziemlich gute Patentanten.

Kein Kind zu wollen heißt einfach, dass man seine Rolle im Leben woanders sieht als im Elternsein.

Dieser Text erschien erstmals am 22.11.2019.