Folgen der Corona-Pandemie Einrichtungen fühlen sich im Stich gelassen

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Stefan Wegner, der Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten, Diakoniepfarrer Friedhelm Nachtigal, Oberkirchenrätin Annette Noller sowie Rainer Bauer, der Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Marbach, (hinten von links) setzen sich für das Thema Inklusion ein. Die drei Beschäftigten Leonie Haußner, Ismail Ay und Marcel Weller (vorne von links) haben während der Pressekonferenz von den vergangenen schweren Monaten erzählt. Foto: Werner Kuhnle

Die Woche der Diakonie, die am Sonntag startet, steht diesmal unter dem Motto „Dranbleiben“ und lenkt den Fokus auf das Thema Inklusion und die Probleme, die unter anderem Einrichtungen wie die Theo-Lorch-Werkstätten aufgrund der Pandemie haben.

Großbottwar - Es sind keine leichten Monate, die hinter den Theo-Lorch-Werkstätten und der Diakonischen Bezirksstelle Marbach liegen. Das wird bei einem Pressegespräch anlässlich der Woche der Diakonie im Garten der Großbottwarer Theo-Lorch-Werkstätten ganz deutlich. „Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Politik zwar über Schulschließungen diskutiert hat, aber den sehr vulnerablen Personenkreis – Menschen mit Behinderung – überhaupt nicht auf dem Schirm hatte“, macht Stefan Wegner, Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten, die unter anderem in Ludwigsburg, Großbottwar und Bietigheim Einrichtungen betreiben, klar. „Wir haben die Politik als sehr zögerlich erlebt. Es schien so, als ob erst auf unsere nachdrücklichen Aufforderungen eine Verordnung kam“, so Wegner weiter. Dass diese dann ein Betretungsverbot beinhaltete, machte die Sache nicht viel besser.

Die Produktionsstätten der Theo-Lorch-Werkstätten standen kurzzeitig still

Denn: 850 Beschäftigte – also Menschen mit Behinderung – konnten auf einmal nicht mehr in die Einrichtungen kommen, in denen sie nicht nur arbeiten, sondern auch Zugang zu Bildungs- und Freizeitaktivitäten haben. Die Produktionsstätten standen kurzzeitig still. Und das trotz der Aufträge, die da waren. „Das war ein großer Schock für uns und wir befanden uns auf einmal in einem enormen Spannungsfeld, denn wir mussten die vertraglich zugesicherten Aufträge ja dennoch erfüllen – das haben wir aber auch geschafft, wenn auch mit Verzögerungen“, berichtet der Geschäftsführer. Denn nur mit diesen Aufträgen von beispielsweise Mann + Hummel oder Bosch können die Theo-Lorch-Werkstätten ihren Kernaufgaben nachkommen: Tätigkeiten für Menschen mit Behinderung anbieten.

Seit etwa einem Jahr gibt es nun wochenweisen Schichtbetrieb, wobei man hier nur einen Bruchteil einplant. „Ähnlich wie man es in Schulen gehandhabt hat“, sagt Stefan Wegner. 130 Beschäftigte sind so wochenweise in den Werkstätten. „Den Rest müssen die Wohnraumträger und Angehörige auffangen.“ Doch auch für die Anwesenden gibt es starke Einschränkungen. Gruppen wurden geteilt und in weiteren Räumen untergebracht. „Es gilt ja das Abstandsgebot“, so Wegner. In Ludwigsburg fungiert beispielsweise seit einem Jahr eine Turnhalle als Speisesaal, in Großbottwar wurden die Konferenzräume zu Arbeitsräumen. Heftig: „Wir haben am Tag alleine 16 Essensschichten. Daran sieht man, welchen Herausforderungen wir uns täglich stellen.“

Der finanzielle Puffer ist inzwischen aufgebraucht

Finanziell stellt die Pandemie ebenfalls ein großes Problem dar. „Zum einen haben wir Mehrkosten im sechsstelligen Bereich durch die ganzen Hygienemaßnahmen, zum anderen Umsatzeinbrüche um bis zu 30 Prozent in der Produktion, und dann kommt noch eine unsichere Finanzsituation mit dem Kostenträger hinzu, da hier noch eine Rückforderung in großer Höhe im Raum steht.“ Alles in allem stehe man finanziell aktuell quasi mit dem Rücken zur Wand. „Unser Puffer ist aufgebraucht und die Ausgangslage damit alles andere als gut“, macht Wegner klar. „Wir müssen gar schauen, dass wir nicht die Beschäftigtenlöhne senken müssen. Diese zahlen wir mit den Erlösen der Aufträge. Da diese jedoch abgenommen haben, entsteht ein Loch.“ Wie dieses in naher Zukunft gestopft werden soll? Unklar.

Doch nicht nur um die finanzielle Lage macht sich der Geschäftsführer Sorgen, sondern auch um die Beschäftigten selbst. Für sie fiel von heute auf morgen die gewohnte Tagesstruktur weg. Dies dürfte Langzeitfolgen haben, ist er sich sicher. „Vorhandene Stärken und Fähigkeiten, die vielleicht nicht genutzt werden konnten, sind möglicherweise verloren gegangen und müssen jetzt erst wieder aufgebaut werden“, erklärt er. Ihn ärgert, dass sich kaum etwas zu ändern scheint. „Das zögerliche Verhalten der Politik ist im Prinzip bis heute so geblieben, denn auch der Einsatz von mobilen Impfteams kam erst sehr spät durch unsere Bemühungen über sämtliche Kanäle zustande.“ Und auch was das Thema Lockerungen angeht, höre man bis heute nichts von der Politik. „Die Eingliederungshilfe muss mehr im Fokus stehen. Wir müssen dranbleiben und dürfen nie aus dem Blick verlieren, dass es darum geht, dass alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben können.“

„Das ist keine Inklusion“, sagt der Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Marbach

Ins gleiche Horn bläst auch Rainer Bauer, Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Marbach, der mitansehen musste, wie Leute ihre Minijobs verloren haben, die sie so dringend benötigt haben, und was in manchen Familien los war. „Hinzu kam lange, dass der Zugang zu Behörden sehr erschwert war – und uns zum Teil auch die Hände gebunden waren. Viele unserer Klientel haben sich gefühlt wie auf dem Abstellgleis. Das ist keine Inklusion.“ Unter dem Motto „Dranbleiben“ möchten die Diakonie Württemberg, die Theo-Lorch-Werkstätten und die Diakonie in Marbach deshalb im Rahmen der Woche der Diakonie verdeutlichen, wie sich die Pandemie auf die verschiedenen Personengruppen ausgewirkt hat.

Einen Einblick ins Gefühlsleben gaben in diesem Rahmen während der Pressekonferenz auch drei Beschäftigte der Theo-Lorch-Werkstätten: Leonie Haußner, Marcel Weller und Ismail Ay. „Es war ganz schlimm“, erklärte Marcel Weller. „Ich konnte einfach nicht viel machen und konnte nirgends hin“, ergänzte Leonie Haußner, und Ismail Ay brachte die Gefühlslage schließlich auf den Punkt: „Ich wünsche mir, dass die Corona-Zeit endlich vorbeigeht und wir endlich wieder normal zusammenarbeiten können.“