Förderverein der Staatstheater Stuttgart Neuer Vorsitzender Wolfgang Schuster: „Kultur schafft Stadtgemeinschaft“

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Wolfgang Schuster ist neuer Vorsitzender des Fördervereins der Staatstheater Stuttgart Foto: Julia Schramm

Der Förderverein der Staatstheater Stuttgart hat einen neuen Vorstand. An dessen Spitze: Stuttgarts Ex-OB Wolfgang Schuster (1997 bis 2013). Was sind seine Ziele? Die „Stuttgarter Nachrichten“ haben nachgefragt.

Stuttgart - Der Förderverein der Staatstheater Stuttgart hat einen neuen Vorstand. An dessen Spitze steht Wolfgang Schuster. Der frühere OB der Landeshauptstadt (1997 bis 2013) sieht im Staatstheater-Areal das „ideale Forum, Stadtgemeinschaft erlebbar zu machen“.

Herr Schuster, Gratulation zu Ihrer Wahl. Welche sind Ihre ersten Schritte im neuen Amt?

Zunächst will ich hineinhören, was die Mitglieder unseres Fördervereins, de Intendanten, viele Kulturförderer, aber auch Stadt und Land an Vorstellungen haben.

Dafür haben Sie Zeit?

Ich nehme mir die Zeit. Eine wichtige Frage ist: Wie können wir mit den Intendanten der Staatstheater Stuttgart, mit Viktor Schoner, Tamas Detrich und Burkhard C. Kosminki, in Oper, Ballett und Schauspiel noch mehr niederschwellige Angebote entwickeln. Und da muss der Vorstand bereit sein, Impulse geben zu wollen, aber natürlich auch Impulse aufnehmen.

Zusammenarbeit mit Schulen verstärken

Was kann man sich da vorstellen?

Oper, Ballett und Schauspiel machen mit dem Ballett Jung oder in der Oper dem Join schon jetzt ganz hervorragende Angebote. Und Burkhard C. Kosminski hat als Schauspielintendant Weiteres angekündigt: Das Schauspiel will die Zusammenarbeit mit Schulen bis zum Sommer deutlich forcieren. Das ist ein ganz wichtiger Ansatz, um in die Breite hineinzuwirken.

Sie beschäftigen sich auf europäischer Ebene mit urbanen Strukturen. Könnten Erfahrungen aus Entwicklungen der Stadtgesellschaft für die künftige Rolle der Staatstheater wichtig sein – in der Landeshauptstadt selbst wie auch in der Metropolregion?

Es gibt nach wie vor ein positives Modell einer europäischen Stadt, deren Bürgerinnen und Bürger sich bei wachsender Heterogenität dennoch in einer offenen Gesellschaft zusammenfinden können. Vor allem dann, wenn es öffentliche Räume gibt, die nicht kommerzialisiert sind. Es gilt mehr denn je, offene Räume für Begegnungen für unterschiedliche soziale Milieus zu fördern.

Staatstheater-Areal als Forum der Beteiligung

Die Staatstheater sind solch ein Raum?

Natürlich. Und sie sind damit auch ein Raum, in dem sich die Frage, wie man Menschen einlädt, wie man Beteiligung schafft, in besonderer Weise stellt.

500 000 Beucherinnen und Besucher zählen die Staatstheater pro Saison. Zu den Angeboten wie Ballett Jung und Join könnte man auch die Sitzkissenkonzerte oder die Debatten um die Zukunft der Stadt und der Stadtgesellschaft hinzunehmen. Ist das Staatstheater-Areal schon jetzt eine Arena aller?

Das Staatstheater-Areal hat ganz sicher das Potential, eine Arena für Menschen unterschiedlichen Alters und sozialer Schichten zu sein. Dazu bedarf es zivilgesellschaftlicher Initiativen wie dies unser Förderverein ist.

Das Ziel: eine umfassende kulturelle Bewegung

Dennoch weckt das Vorhaben von Land und Stadt, das Opernhaus zu sanieren und das Staatstheater-Areal um 10400 Quadratmeter Nutzfläche zu erweitern, Stimmen, die vor hohen Investitionen in eine Minderheit oder gar eine Elite warnen. Was läuft da falsch?

Zunächst einmal ist es völlig verständlich und richtig, dass angesichts wirklich hoher Kosten eine öffentliche Debatte stattfindet. Und unstrittig ist doch, dass ein solches Projekt in Konkurrenz zu anderen Vorhaben oder auch nur Wünschen steht und beurteilt wird. Der entscheidende Punkt ist, dass wir es schaffen, aus dem Engagement für die Sanierung des Opernhauses und die Erweiterung des Staatstheater-Areals eine kulturelle Bewegung zu machen.

Mit welchem Ziel?

Es geht darum, den Wert der Kultur und damit auch den Wert des Opernhauses, dieses besonderen Gebäudes im Zentrum der Landeshauptstadt, über Stuttgart hinaus deutlich zu machen. Kulturangebote sind Impulsgeber und schaffen Netzwerke, damit aus unserer heterogenen Gesellschaft Gemeinschaft entstehen kann.

Großes Einzugsgebiet

Die aber nicht auf Stuttgart beschränkt ist...

Richtig. 40 Prozent der Besucherinnen und Besucher der Staatstheater kommen aus Stuttgart, 40 Prozent aus der Region, 20 Prozent aus dem Umland bis hin zu den Grenzregionen zu Frankreich und zur Schweiz.

Und wie schafft man da eine „kulturelle Bewegung“?

Das ist in keiner Weise einfach. Zum einen in Stuttgart. Zum anderen über die Stadtgrenzen hinaus. Als eine Voraussetzung sehe ich, dass die Staatstheater Stuttgart wieder und noch stärker hinaus ins Land wirken. Ich denke, wir müssen zusammen manche tradierten Wege verlassen, um deutlich zu machen, dass die Staatstheater eine Chance für uns alle sind.

Welche Unterstützung kommt aus der Wirtschaft?

Zentral bleibt die Sanierung des Opernhauses. Mit dem Förderverein verbindet sich die Hoffnung, private und privatwirtschaftliche Gelder zu generieren. Ist diese Hoffnung realistisch, wenn es um die Bauaufgabe an sich geht?

Wir haben in Deutschland die Tradition, dass wir relativ hohe Steuern bezahlen. Daraus ergibt sich die berechtigte Erwartung, dass die öffentliche Hand mit dem Geld auch öffentliche Aufgaben und damit auch grundsätzlich Kulturangebote finanziert.

Sprich: Millionen aus der Wirtschaft werden nicht kommen?

Man muss bei der Dimension von einer Milliarde Euro, um die es bei der Sanierung des Opernhauses und der Erweiterung der Nutzflächen geht, realistisch sehen, dass private und privatwirtschaftliche Gelder nicht entscheidend sein können. Selbst, wenn man zusätzlich zehn Millionen Euro sammelt, wären dies gerade ein Prozent der Kosten.

Was hält die Welt im Innersten zusammen?

Was wird entscheidend sein?

Die Bürgerinnen und Bürger von Land und Stadt dafür zu gewinnen und davon zu überzeugen, dass dieses Projekt für uns und die nächsten Generationen eine Bereicherung ist. Oper, Ballett und Schauspiel ermöglichen Begegnungen, um besser zu verstehen und zu empfinden, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält.

Staatstheater sollen auf höchstem Niveau arbeiten können

Klingt da die Hoffnung auf die Verbindung von High Tech und High Culture durch?

Es geht um mehr als Image, auch, wenn dies wichtig ist. Bei der Auseinandersetzung mit neuen ästhetischen Erfahrungen, intellektuellen Herausforderungen und musikalischen Erlebnissen gehen über die Frage eines Image, der Nützlichkeit für berufliche Entwicklungen oder die Steigerung der Innovationsfähigkeit der Wirtschaft hinaus. Kultur gibt jedem die Möglichkeit, sich in seiner Persönlichkeit weiter zu entwickeln und schafft in einer offenen Gesellschaft Gemeinschaft. Wir brauchen Staatstheater, die auch in Zukunft auf höchstem künstlerischen Niveau arbeiten können. Und hierfür Begeisterung zu schaffen – das ist mein und unser Ziel.

Das ist der Förderverein der Staatstheater Stuttgart

Was? Der Förderverein der Staatstheater Stuttgart besteht seit 1952. Es gibt – bei gestaffelten Beiträgen – unterschiedliche Formen der Mitgliedschaft: Freundeskreis, Förderkreis und Firmenkreis.

Wie? „In einer Zeit, in der schon die Sicherung des Bestehenden nicht mehr selbstverständlich ist“, heißt es zu den eigenen Aufgaben, „liegt der Schwerpunkt unserer Förderaktivitäten in der Anschubfinanzierung für Neues in allen drei Sparten der Staatstheater Stuttgart. Wir fördern junge Talente, Projekte und Programme in Oper, Ballett und Schauspiel.“

Ulrich Dietz, Ingrid Hamm und Ariane Piech neu im Vorstand

Wer? Viele Jahre stand Ann-Katrin Bauknecht an der Spitze des Fördervereins. Mit Ankündigung ihres Rückzugs suchte der Förderverein eine neue Aufstellung. In den Vorstand gewählt wurden am vergangenen Donnerstag: der Unternehmer Ulrich Dietz, die Beraterin Ingrid Hamm, die Mäzenin Ariane Piech; dazu als alte und neue Schatzmeisterin Anja Arends. Dietz soll künftig im Schwerpunkt die Schauspielsparte betreuen, Hamm die Oper, Piech das Stuttgarter Ballett. Neuer Vorsitzender ist Wolfgang Schuster. Ann-Katrin Bauknecht ist für ihre besonderen Verdienste zum Ehrenmitglied gewählt worden.

Das ist Wolfgang Schuster

1949 in Ulm geboren, entscheidet sich der Jurist früh für die politische Laufbahn.

1986 wird er Oberbürgermeister der Stadt Schwäbisch Gmünd, von 1993 an Bürgermeister für Kultur, Bildung und Sport in Stuttgart.

1997 wird er Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart (bis 2013).

2013 gründet er das Institut für nachhaltige Stadtentwicklung und die European Foundation for Education.