Erdmannhausen/Trial Die ganze Familie ist dem Motorradtrial verfallen

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Trial bestimmt den Alltag der Familie Schiele. Das gilt für die drei Kinder (von links) Lina (10), Jonas (14) und Benno (12) ebenso wie für die Eltern Joachim und Claudia. Foto: Schiele

Erdmannhausen - Verbringen die Schieles mal ein Wochenende zu Hause in Erdmannhausen, ist das für die fünfköpfige Familie doch sehr ungewohnt. Sie muss dann erst einmal genau überlegen, was sie mit der freien Zeit so anfängt. Oft kommt das aber sowieso nicht vor: Im vergangenen Jahr waren die Schieles nur siebenmal wochenends daheim, in diesem Jahr bislang viermal. Stattdessen ist die Familie immer auf Achse. Mit Wohnmobil und einem zur Werkstatt ausgebauten Anhänger fährt sie freitagnachmittags und -abends durch Deutschland und Europa, damit Sohn Jonas am Wochenende an Trial-Wettbewerben teilnehmen kann. Das Hobby des 14-Jährigen hat auch bei seinen Eltern und jüngeren Geschwistern Benno und Lina einen Virus entfacht, der den Alltag der Familie bestimmt. 20 000 Straßenkilometer kommen so im Jahr zusammen. Und im Gespräch mit den Schieles wird schnell deutlich: Sie mögen es genau so, wie es ist.

Dieses „Reinknien“ in den Motorrad-Geschicklichkeitssport zeigt Wirkung. Jonas ist der jüngste der nur sechs Fahrer im DMSJ-Kader, sprich: in der deutschen Nationalmannschaft seiner Altersklasse. Über ein Sichtungstraining schaffte er den Sprung dorthin. Anfangs als Gastfahrer, seit diesem Jahr als festes Mitglied mit Vertrag. „Er hat lange dafür gearbeitet und wollte da unbedingt hin. In den eineinhalb Jahren hat ihn das jetzt auch schon deutlich weitergebracht“, sagt Vater Joachim. Vor allem natürlich fahrerisch, denn trainiert wird den Winter über bei jeglichem Wetter. Wenn es sein muss auch im Schnee, in dem die zu überwindenden Hindernisse eben kurzerhand mit dem Besen freigeräumt werden.

Aber Jonas profitiert auch abseits des Parcours vom Nationalkader. Die Fahrer lernen, das richtige Auftreten an den Tag zu legen und sich zu benehmen, schließlich repräsentieren sie auch ein Land. Anderen sollen sie ein Vorbild sein. Dopingkontrollen gehören nun ebenfalls dazu.

Im Sommer geht es derweil von Meisterschaftslauf zu Meisterschaftslauf. Derzeit befindet sich der 14-Jährige in den Vorbereitungen für die beiden letzten EM-Läufe in Frankreich und Tschechien. Zwei Läufe in Italien hat er bereits absolviert. „Es läuft ganz gut. Ich wurde 13. und 14. in meiner Spur“, sagt Jonas. Mit Spur ist innerhalb der U16-Altersklasse eine bestimmte Leistungsklasse gemeint. Zum Ziel hat er sich die Top 10 gesetzt. „Man muss aber sehen, dass da andere sogar Privatlehrer haben“, ordnet Mutter Claudia ein. In England und vor allem Spanien werde dieser Sport viel intensiver gelebt.

Und was es Jonas Schiele zusätzlich erschwert: Bei internationalen Meisterschaften gelten andere Regeln, als bei nationalen. Darf man in Deutschland – anders als in England – mit dem Motorrad vor einem Hindernis anhalten und 90 Sekunden pro Sektor aufwenden, wird das Anhalten bei der EM mit Strafpunkten bedacht. „Es ist schwer, da flüssig durchzufahren“, macht der 14-Jährige deutlich. Es bleibt also weniger Zeit, ein Hindernis richtig anpeilen zu können. Entsprechend übt er das intensiv, wenn er sich immer mittwochs fürs Training auf den Sattel seiner Maschine schwingt.

Bei den baden-württembergischen Jugendmeisterschaften steht Jonas derzeit auf Platz zwei, bei der Deutschen Meisterschaft erreichte er im dritten und vierten Lauf die Plätze eins und zwei. Wohlgemerkt tritt er hier in seiner Spur auch gegen Erwachsene an. Dass es in der Gesamtwertung nach sechs Läufen nicht für ganz vorne reichen wird, hat einen bestimmten Grund: „An den ersten beiden durfte ich nicht teilnehmen, da dort auch auf öffentlichen Straßen gefahren wurde. Ich habe aber noch keinen Motorrad-Führerschein“, sagt der 14-Jährige, der diesen nun aber mit einer Ausnahmeregelung des Landratsamtes machen darf – und wohlgemerkt ausschließlich für den Trialsport nutzen darf. Kommendes Jahr kann er bei den Deutschen also voll angreifen.

Und nebenbei darf man auf die Reaktion seines Fahrlehrers gespannt sein, wenn der junge Erdmannhäuser seine erste Praxisstunde erhält. „Ich habe Jonas gesagt, er soll nicht gleich mit einem Wheelie starten“, sagt Vater Joachim lachend. Heißt: Während der Fahrt lieber erst mal beide Räder auf dem Boden belassen, statt das Vorderrad anzuheben. Genau dieses Anheben trainiert Jonas Schiele nämlich gerade. Aber nicht etwa auf ebener Strecke, sondern, um steile Auffahrten und Hindernisse noch besser und nur auf dem Hinterrad fahrend bewältigen zu können.

Ziel des Achtklässlers in spe, der das FSG in Marbach besucht und erstmals mit drei Jahren auf einem Motorrad saß, ist es, einmal bei der WM der 125ccm-Klasse mitzufahren und ein gutes Ergebnis zu erzielen. In Frage kommen aber wohl nur Läufe in Europa – schließlich ist die Teilnahme durch den Transport auch eine finanzielle Frage. Zwar nimmt die Zahl der Sponsoren nach den jüngsten Erfolgen zu, den Großteil der Kosten trägt die Familie aber selbst. Und die liegen mit dem angeschafften Wohnmobil, das irgendwann das zu klein gewordene Zelt ersetzte, bereits in einem beträchtlichen Rahmen. Zumal der Werkstatt-Anhänger ein weiteres Motorrad, zerlegt in Einzelteile, beinhaltet. „Wenn wir es machen, dann richtig“, sagt Vater Joachim, der inzwischen selbst Trial fährt, wie auch Benno (12) und Lina (10).

Der Aufwand trägt also Früchte. „Das ist voll unser Ding“, schwärmt Mutter Claudia. Nicht nur wegen der Erfolge, sondern auch, weil die Familie bei den Läufen viele Bekannte trifft. Die Freundschaften verteilen sich auf ganz Europa. Joachim Schiele: „Und im Fahrerlager ist es immer wie bei einer großen Familie.“