Coronapandemie Auch Franzosen hegen Verschwörungsmythen

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Der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon raunte jüngst im Fernsehen von „einem Mord vor der Wahl“. Foto: dpa/Claude Paris

In der Pandemie kursieren abstruse Theorien. Die skandalgeplagten Politiker sind nicht unschuldig daran.

Paris - Jean-Luc Mélenchon ist ein gern gesehener Gast in französischen Talkshows. Der Chef der linken Partei La France Insoumise ist bekannt für seine spitzen Formulierungen und verbalen Frontalangriffe auf politische Gegner, die bisweilen in sehr unterhaltsamen Wutanfällen enden. Als Verbreiter von Verschwörungsmythen ist der Politik-Veteran bisher allerdings nicht aufgefallen, was sich nun geändert hat.

Bei einem Auftritt im Nachrichtensender „France Info“ raunte Mélenchon, dass wenige Tage vor der Präsidentenwahl im April 2022 ein „schwerer Zwischenfall oder ein Mord“ geschehen könnte. Beweise, um seine krude Prophezeiung zu belegen, hat der prominente Politiker natürlich nicht. Allerdings habe es schon kurz vor den Abstimmungen 2012 und 2017 Anschläge gegeben, schiebt er als Erklärung nach. Bei beiden Wahlen war Mélenchon im Rennen, blieb aber chancenlos. Auch im nächsten Jahr tritt der Linken-Chef an, womit er andeutet, dass es bei der nächsten Wahl auch darum gehe, durch die von ihm angedeuteten Anschläge ihn als möglichen nächsten Präsidenten Frankreichs zu verhindern.

Die Bandbreite ist in allen Ländern Europas ähnlich

Solche Aussagen zeugen von einer gewissen Hybris, doch haben in diesen Monaten auch in Frankreich Verschwörungsmythen aller Art Hochkonjunktur. Die meisten beziehen sich natürlich auf die Corona-Pandemie, die das Land besonders schwer getroffen hat. Die Bandbreite der Erzählungen ist in allen Ländern Europas ähnlich: Das Virus ist doch gar nicht so schlimm, die Politik hat versagt, belügt und knechtet die Menschen mit völlig unangebrachten Maßnahmen, irgendjemand will mit dieser Pandemie viel Geld verdienen. Besonderes Gewicht bekommen die Sätze, wenn sie von bekannten Persönlichkeiten, wie dem Comedian Jean-Marie Bigard oder dem Sänger Francis Lalanne, vorgetragen werden.

Solche Aussagen fallen auch in Frankreich auf fruchtbaren Boden, doch anders als in Deutschland reagieren die Franzosen überraschend gleichgültig. Eine Erklärung dafür ist, dass sich die Menschen keine Illusionen mehr über ihre Politiker machen, die in den vergangenen Jahren in zu viele Skandale verwickelt waren. Zuletzt etwa wurde Ex-Präsident Nicolas Sarkozy wegen Korruption verurteilt. Auch gelten die Volksvertreter vielen Franzosen als eine abgehobene Politik-Kaste, die das Wohl der einfachen Menschen längst aus den Augen verloren habe. Das war ein zentraler Vorwurf während der sozialen Proteste der Gelbwesten.

Auch im rechten Lager sind Verschwörungsmythen populär

Verschwörungsmythen sind allerdings nicht nur im linken politischen Spektrum populär. Auch der ins sehr rechte Lager abgedriftete, ehemals konservative Politiker Philippe de Villiers verbreitet in seinem neusten Buch „Le Jour d’Après“ (Der Tag danach) allerlei krude Thesen von Weltverschwörungen und Bevölkerungsaustausch. Seine zunehmende Radikalisierung scheint allerdings einen ziemlich einfachen Grund zu haben: gekränkte Eitelkeit. Philippe de Villiers hoffte offensichtlich, vom Aufstieg Emmanuel Macrons ins Präsidentenamt politisch profitieren zu können. Im Wahlkampf präsentierte sich Macron noch lächelnd an der Seite des einflussreichen Konservativen, zeigte ihm dann nach dem Wahlsieg allerdings die kalte Schulter.