BW von oben – Bottwartalbahn Wohnraum ersetzt Herz der Bottwartalbahn

Von Andreas Hennings
Bei der Stilllegung im Jahr 1968 noch am Ortsrand gelegen (links), ist im selben Bereich – inzwischen mitten in der Stadt – wenig von der Bahnstrecke geblieben. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-4988

Die bis 1968 genutzte Verbindung zwischen Marbach und Heilbronn hatte in Beilstein ihren Betriebsmittelpunkt. Heute geht es hier ruhiger zu. Manches Detail erinnert an die frühere Nutzung.

Zweiundzwanzig Stufen verbinden in Beilstein den Weg „Alte Bahn“ und die Bahnhofstraße. Die Treppe liegt unscheinbar im Wohngebiet. Die Namen lassen aber erahnen: Hier war früher etwas anders. Tatsächlich – wo der Weg „Alte Bahn“ schnurstracks geradeaus durch eine ruhige Wohngegend führt, schnaufte bis 1968 die Bottwartalbahn übers Schmalspurgleis, hielt hier am Bahnhof. Schalterhalle und Nebengebäude für die Güterabfertigung wichen den Wohnhäusern. Geblieben ist die besagte Bahnhofstreppe – samt Panoramablick aufs Städtle, Schloss und auf die darüber thronende Burg. „Für die Touristen war das ein toller Empfang“, sagt Wolfram Berner, Archivar des Nachbarlandkreises Ludwigsburg und Autor des jüngst veröffentlichten Buches „Unvergessene Bottwartalbahn“.

Beilstein war der Betriebsmittelpunkt der Bottwartalbahn. Der Bahnhof war abgesehen von den Endstationen in Marbach und Heilbronn-Süd der größte entlang der Strecke. Auf dem Hunderte Meter langen Areal war er unter anderem umgeben von einem Schuppen, in dem bis zu vier Loks Platz fanden und gewartet wurden. Auf Nebengleisen standen bis zu 70 Güter- und Personenwagen. Wie lange das Ende der Bahn zurückliegt, zeigt sich daran, dass auf dem Gelände heute das – bereits ehemalige – Feuerwehrhaus steht. Und das Depot für Linienbusse, die statt Waggons auf ihren Einsatz warten, wird künftig dem Bau eines Pflegeheims weichen müssen. Einen Beschluss des Gemeinderats gibt es bereits.

Früher am Ortsrand, heute mitten in der Stadt

Apropos Stadtentwicklung: Führte das Gleis bis zur Stilllegung am Beilsteiner Ortsrand entlang, würde der liebevoll genannte „Entenmörder“ heute mitten durch die Stadt fahren. „Schon kurz vor dem Ende der Bahn wurden westlich der Gleise die ersten Häuser gebaut“, sagt Wolfram Berner. Das Luftbild aus dem Jahr 1968 zeigt die ersten Bauten. Gleich in den 1970ern wichen die Gleise der weiteren Erschließung. „Das ging ziemlich schnell. Trotz der Überlegung, die dann vorhandene Normalspur ab Marbach über Steinheim hinaus zu verlängern, wurden hier schnell Fakten geschaffen. Man bekam eben für wenig Geld recht schnell viel Gelände“, sagt Berner. Das Kuriose: Die Kommunen zahlten alle zweimal. Beim Streckenbau Ende des 19. Jahrhunderts haben sie die Äcker aufkaufen und der damals Königlich Württembergischen Staatseisenbahn kostenfrei zur Verfügung stellen müssen. Und nach der Stilllegung wiederum erwarben sie die Trasse von der Deutschen Bahn.

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Auch wenn sich viel verändert hat: Überbleibsel aus der Vergangenheit sind sichtbar. So wurde eine Mauer an einem Garagenhof just aus Gleisschwellen gefertigt. Und aus Sicht von Eisenbahnfreunden gibt’s ein Schmankerl: das alte, damals genossenschaftlich genutzte Ladehaus mit Verladerampen auf zwei unterschiedlichen Höhen. Es diente dazu, die kleineren Wagen der Schmalspur und die höheren, aufgebockten Wagen der Normalspur zu be- und entladen. „In dieser Form mit den beiden Entladehöhen ist das Gebäude mittlerweile einmalig in Süddeutschland“, sagt Wolfram Berner. Die Initiative Bottwartalbahn, der er angehört, richtete einen Rundgang über das frühere Bahngelände ein. Zu sehen ist auch das Eisenbahnerhaus, in dem die Mitarbeiter mit ihren Familien wohnten.

Schwimmbad und Sportplatz statt Bahngleis

Kein Hauch von Bottwartalbahn ist hingegen mehr wenige hundert Meter entfernt zu spüren. Exakt dort, wo heute das Foyer und die Tribüne der Langhans-Sporthalle, das Schwimmbad und der Kunstrasenplatz das gesellschaftliche und sportliche Leben bereichern, verlief das Gleis Richtung Heilbronn. „In Beilstein ist die frühere Strecke am meisten überbaut worden“, sagt Wolfram Berner. Das Freihalten der Strecke habe jede Kommune anders für sich interpretiert.

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Auf dem übrigen Verlauf zwischen Marbach und Heilbronn wird die frühere Strecke heute hauptsächlich als Radweg genutzt. „Weit über 50 Prozent der Trasse ist noch vorhanden“, sagt Berner. So auch von Marbach bis Beilstein. Baulich leicht verändert haben sich die Ortsdurchfahrten, etwa durch den Bau der Bottwartalhalle samt Sportplatz in Kleinbottwar oder das Gebäude der Bottwartaler Winzer in Großbottwar. „Die wirkliche bauliche Veränderung beginnt aber erst mit der Kreisgrenze.“ Also von Oberstenfeld kommend am Ortseingang Beilstein.

Steinbruch verschlingt Teil der alten Strecke

Hinter der Langhansstadt führt wieder ein Radweg bis Heilbronn. Die Strecke in Ilsfeld ist überbaut, im sonst idyllischen Schozachtal hat ein Steinbruch einen Teil der früheren Strecke verschlungen. Vergleichsweise jung ist die Veränderung am Endbahnhof Heilbronn-Süd, der bis ins Jahr 2000 genutzt wurde. Mit dem Bau der Heilbronner Stadtbahn 2005 wurde das Areal jedoch rückgebaut – das innerstädtische Filetstück ist inzwischen mit dem „Quartier Süd“ ebenfalls großflächiger Wohnbebauung gewichen.

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