Bottwartal-Marathon Ein Läufertag wie aus dem Bilderbuch

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Yassin Osman aus Gerlingen triumphiert beim Bottwartal-Marathon – obwohl er erstmals überhaupt über diese Distanz angetreten ist. Foto: avanti

Steinheim/Bottwartal - Könnte man sich die äußeren Bedingungen für eine Marathon-Veranstaltung schnitzen, man käme wohl zu genau demselben Ergebnis, wie es die Starter beim Bottwartal-Marathon am Sonntag vorfanden: windstilles und sonniges, aber nicht zu warmes Wetter, dazu Tausende Zuschauer entlang der Strecken. Organisator Gerhard Petermann ist überglücklich: „Mir fehlen die Worte!“ Also lässt er lieber Bilder sprechen: Sein Blick in den blauen Himmel und in den von Menschen gesäumten Zielkanal am Steinheimer Steppi-Kreisel zaubern ihm ein Lächeln ins Gesicht. Ehe er doch noch Worte findet, die den Tag ganz gut zusammenfassen. „Es ist der Wahnsinn, was wir hier auf die Beine stellen. Ein langjähriger Freund sagte mir, dieses Jahr habe alles getoppt.“ Und tatsächlich: Der 16. Bottwartal-Marathon war ein Marathon wie aus dem Bilderbuch.

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Das zeigt schon der neue Teilnehmerrekord. 5384 Finisher waren an beiden Wettkampftagen mit dabei. Weit mehr Menschen also als etwa in Erdmannhausen leben. Möglich machten das die mehr als 1000 Nachmeldungen, die das Organisationsteam an beiden Tagen zu stemmen hatte – nachdem bereits die Voranmeldungen auf Rekordniveau gelegen hatten. „Das sind mehr Nachmeldungen als sie letzte Woche der Marathon in München hatte“, ordnet der Organisator ein.

Über die Marathondistanz kamen sogar 371 Einzelläufer ins Ziel – Ziel war es gewesen, zumindest die 300 zu halten. „Das freut mich persönlich ganz besonders. So viele wie diesmal hatten wir noch nie in Steinheim“, sagt Gerhard Petermann, der in den Vorjahren die Hoffnung geäußert hatte, dass diese Distanz wieder mehr Anklang findet. Und mehr als 1000 Teilnehmer absolvierten die zehn Kilometer. Als sie gemeinsam auf den Startschuss warteten und zur LaOla-Welle animiert wurden, ging diese ob der Masse vom Steppi-Kreisel bis tief hinein in die Bahnhofstraße. Läuferherz, was willst du mehr? Zumal auf sie an der Strecke ja nicht nur die vielen klatschenden und trötenden Zuschauer warteten, sondern auch zahlreiche Musikgruppen, die kräftig einheizten.

Motiviert hat das auch Yassin Osman, Sieger beim Marathon.
Der 26-Jährige aus Gerlingen, vor sechs Jahren aus dem Sudan nach Deutschland gekommen, lief der Konkurrenz von Anfang an davon und hatte schnell einen mehrminütigen Vorsprung. 2:25:56 Stunden benötigte er, womit er dem Bottwartal-Marathon-Rekord (2:22:03) zumindest nahe kam. Das ist beachtlich, weil es für den Maschinenbediener von Trumpf der erste Marathon überhaupt war. Zuvor war er im Halbmarathon aktiv und gewann etwa im Mai den Stuttgart-Lauf. „Es motiviert sehr, wenn dich fremde Menschen anfeuern und rufen, dass ich das schaffe“, schwärmt der Sieger, der in der Woche 90 bis 100 Trainingskilometer zurücklegt und der sein Ziel meisterte, unter 2:30 Stunden zu bleiben.

Zweiter wurde Tilo Minges aus Freiburg, der mit 2:45:55 Stunden seine Bestzeit knapp unterbot. „Eigentlich war das gar nicht mein Ziel. Aber schon vor vier Wochen in Karlsruhe lief es gut. Dass ich das nochmal steigern konnte, ist umso schöner.“ Die Stimmung in den Ortschaften empfand er als sehr gut. „Da musste ich aufpassen, nicht zu schnell zu werden.“

Von „Gänsehaut“ spricht gar Silke Raugust vom Lauftreff Murr, wenn sie etwa an die Stimmung in Gronau denke. Die Steinheimerin gewann bei ihrem Heimspiel mit 3:16:30 Stunden die Frauen-Wertung, nachdem es im Vorjahr bereits zu Platz zwei gereicht hatte. Es ist das erste Mal überhaupt, dass bei den Frauen eine Einheimische den Bottwartal-Marathon gewinnt. Bei den Männern war dies bereits dem Oberstenfelder Michael Sommer gelungen. „Einfach super“, kommentiert Raugust nach der Zielankunft. Vorrangig sei es ihr darum gegangen, wieder mit dabei zu sein. „Ob es für den Sieg reicht, hängt ja auch davon ab, wer mitläuft.“

Auch in der Königsdisziplin gewann ein Bottwartäler: Timo Striegel, wohnhaft in Großbottwar, finishte den Urmenschlauf
über 54,8 Kilometer in 4:05:15 Stunden. „Nachdem ich letztes Jahr Zweiter war, wollte ich diesmal natürlich gewinnen“, sagt er. Mit 22 Minuten Vorsprung gelang das souverän. Die Bedingungen hatten es aber in sich: Durch den Regen an den Vortagen waren Abschnitte sehr matschig und rutschig. „Ich hatte mir die Strecke aber vorher angesehen und wusste daher, was auf mich zukommt“, so der 32-Jährige.

Teilweise laufen statt rennen musste der zweitplatzierte Igor Schiffner aus Besigheim. „Drei Anstiege waren rutschig und steil, da fehlte mir der Grip“, beschreibt der Ultraläufer, der in den Vorjahren Platz drei und vier belegt hatte. Rang zwei verdankt er einer gelungenen Aufholjagd. Bei den Kilometern 27, 33 und 42 hatte er Konkurrenten überholt. Timo Striegel war da lange davongelaufen: „Nach Kilometer fünf oder sechs habe ich ihn nicht mehr gesehen.“ Schnellste Frau war Tanja Tücking (5:15:18 Stunden).

Den Halbmarathon
entschied Michael Chalupsky aus Neckargemünd nach 1:11:53 Stunden für sich. „Für mich war das eher eine Trainingseinheit, bei der es darum ging, mich an den Marathon heranzutasten.“ Den absolviert er nächste Woche in Frankfurt. Entsprechend hielt er sich etwas zurück. „Ich hatte vom Trainer die klare Anweisung, nicht schneller als die 1:12 Stunden zu laufen“, sagt Chalupsky, der 2018 im Bottwartal den Dreiviertelmarathon
gewonnen hatte. Dies gelang diesmal Lorenzo Zanon (2:02:55 Stunden) und Tatjana Ruf (2:12:46). Beim Halbmarathon der Frauen war Bettina Englisch aus Stockheim mit 1:21:07 vorne – das Ende einer zweijährigen Verletzungsunterbrechung. „Immer wenn ich loslegen wollte, hatte ich wieder Probleme“, blickt sie zurück. Vor vier Wochen in Karlsruhe und nun im Bottwartal war sie endlich schmerzfrei unterwegs. Mit zwölf Sekunden war ihr Vorsprung vor Nicole Möbus knapp. „Ich war ab Kilometer sieben vorne, wusste aber durch die Anfeuerungen der Zuschauer, dass meine Verfolgerin ­direkt hinter mir ist.“

Über die zehn Kilometer
gewann bei den Frauen Isabel Leibfried (36:49 Minuten), für die es um ein Auslaufen vom ­Essen-Marathon letzte Woche ging. „Das hier war ein schöner Saisonabschluss“, sagt sie – das Ziel zu gewinnen hatte sie sich aber gesetzt. Prominent besetzt war die Herren-Konkurrenz: Arne Gabius, deutscher Rekordhalter auf der Marathon-Distanz, bereitete sich mit der Teilnahme auf den New-York-Marathon vor, bei dem er im November die Top Ten anstrebt. Im Bottwartal holte er nach 29:40 Minuten den erwartet klaren Sieg. „Das war der Abschluss eines Trainingsblocks und es macht einfach mehr Spaß, mit einer Startnummer unterwegs zu sein als zuhause auf meiner Trainingsstrecke zwischen Stammheim und Möglingen.“ Ein Gefühl, das sicher jeder der 5384 Finisher bestens nachempfinden kann.