Bottwartal Die Dankbarkeit geht mit – von Haus zu Haus

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Für Inge Seitz ist ihr Beruf wundervoll. Foto: Michael Raubold Photographie

Bottwartal - Ja, was macht denn unser Schatzele?“, fragt Inge Seitz kurz nach dem Betreten der Wohnung und blickt in den Stubenwagen, der als Blickfang im Wohnzimmer steht. Interessiert betrachtet die erfahrene Hebamme den friedlich schlafenden Luca, der erst vor drei Wochen das Licht der Welt erblickt hat. Gleich darauf schwenkt ihr fürsorglicher Blick zu dessen Mutter. Die ist überaus froh, dass die Hebamme direkt zu ihr nach Hause kommt, um die Nachsorge für sie und ihren Sohn zu übernehmen. „Ich schlitterte nämlich ganz knapp an einer Brustentzündung vorbei“, sagt Natalie Schmidt, deren Kind mit einem geplanten Kaiserschnitt zur Welt kam und die deshalb auch die Narbe gut versorgt wissen will.

Wichtig ist außerdem, ob sich die Gebärmutter erwartungsgemäß zurückbildet. Mit geübtem Griff tastet Inge Seitz den Bauch ihrer Patientin ab und prüft den sogenannten Fundusstand. „Alles gut“, versichert sie der jungen Mutter, die nicht nur ihretwegen froh ist, dass die Hebamme mit ihrem ungemein großen Erfahrungsschatz regelmäßig ins Haus kommt.

Denn obwohl sie schon einen Erstgeborenen hat, den dreijährigen Leon, ist die Mutter sehr erleichtert zu hören, dass auch die Gelbfärbung im Gesicht ihres Jüngsten im Normalbereich liege. Inge Seitz greift zum Sterilium und desinfiziert sich nochmals die Hände, bevor sie sich – Luca ist inzwischen munter geworden – dem Jüngsten in der Familie widmet. Der meckert ein wenig vor sich hin, als die Hebamme ihm seine wärmende Hülle nimmt. Doch die Wärmelampe über dem Wickeltisch tröstet rasch darüber hinweg, dass Inge Seitz ihn mit routinierten, behutsamen Händen auskleidet und seinen Gesamtzustand überprüft. „Du hast dich prima entwickelt“, eröffnet sie dem Kleinen, den sie als „sehr gepflegtes Baby“ bezeichnet und gründlich betrachtet. Doch „abgestaubt“ wird Luca trotzdem, wie es im Fachchinesisch bei Inge Seitz heißt. Mit einem Waschlappen fährt sie über den ganzen Körper des Kindes und lässt ihm obendrein eine sanfte Handtuch-Massage angedeihen. Ein wonnigliches Grunzen geht von dem Säugling aus, dessen Nabel ebenfalls gründlich begutachtet wird.

Zu hören, dass ihr Sohn bestens gedeiht, beruhigt Mutter Natalie. Ebenso, dass sie gezeigt bekam, wie die Handgriffe beim Baden eingesetzt werden. „Es gibt mir einfach mehr Sicherheit. Man vergisst vieles ja so schnell“, erklärt sie dankbar. Denn Dankbarkeit ist es, die sie gegenüber der wesentlich älteren Frau empfindet: Inge Seitz dürfte nämlich rein altershalber ihr Leben schon einige Jahre im Ruhestand genießen. Doch die Hebamme fungiert als „Feuerwehr“, wie sie selbst sagt, kümmert sich um ihre „Notfälle“ und hat jede Menge Frauen, die sie regelrecht beknien, ihnen zur Seite zu stehen. Allein die Zahl ihrer Berufsjahre macht die Misere deutlich: Seit 52 Jahren arbeitet Inge Seitz nun. Ein Ende scheint nicht in Sicht zu sein. Zwar macht die in Murr lebende Fachfrau keine Geburten und seit zwei Jahren auch keine Geburtsvorbereitungskurse mehr, aber sie kümmert sich weiterhin, denn der Mangel an Kolleginnen lässt ihr keine Ruhe. So bleiben die Aufgaben der Nachsorge, nur die Generationen wechseln. Für Natalie Schmidt, die einst auch durch die Hilfe von Inge Seitz auf die Welt kam, ist gar nicht auszudenken, was ohne deren Fürsorge wäre. „Irgendwie gehört man in dieser Zeit auch zu der Familie“, sinniert Seitz, und fügt hinzu: „Wegen mir muss keine Frau extra putzen oder das Bett machen.“

Zwei Ortschaften weiter wartet Barbara Stein auf die erfahrene Seniorin. Bei der gebürtigen Österreicherin liegt der Fokus ebenfalls auf der Brust: Beim Stillen hat diese anfangs mit extremem Milchstau reagiert. Nach dem obligatorischen Griff zum Sterilium tastet die Hebamme seitlich eine Verdickung. Nichts Ernstes, aber sie erinnert die Mutter daran, ihre Brust vor dem Stillen zu erwärmen, danach aber zu kühlen. Tochter Magdalena ist im August auf herkömmliche Weise geboren. Das heißt für die Mama auch, eifrig Rückbildungsgymnastik zu machen. Doch zuerst muss Töchterlein Magdalena beruhigt werden, die zeigt, dass sie kräftige Lungen hat. Die Hebamme wartet geduldig, bis der Schreianfall vorüber ist und gibt dann der auf dem Boden liegenden Frau entsprechende Anweisungen, denn es gilt besonders die schrägen Muskeln zu beanspruchen: „Beckenboden anspannen, Spannung halten und Becken kreisen“, heißt es wenig später, bevor sich die Mutter schließlich in den Vierfüßlerstand begibt und einen Katzenbuckel macht. „Ihre wertvollen Tipps haben mir immer sehr geholfen“, sagt Barbara Stein und fragt sich, wie es weitergehen soll, wenn nicht genügend Hebammen zur Verfügung stehen. „Kommen dann die Ärzte ins Haus?“ Inge Seitz blickt bekümmert drein. Doch für sie steht fest: „Es ist ein wundervoller Beruf. Mir gibt es so viel Kraft, die vielen süßen Babys zu betreuen. Auch, wenn ich dadurch immer in Bereitschaft bin.“

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