Blickwinkel zur Querdenker-Bewegung Befremdlich

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Das Demoverbot hält Redakteur Andreas Hennings zwar für schwierig, den Argumenten der Bewegung kann er aber dennoch nichts abgewinnen. Foto: Archiv (dpa)

Verschiedene Meinungen sind wichtig. Die Argumente der Querdenken-Bewegung aber sind fragwürdig.

Marbach - Es war ein besonderer Moment am Montag in Marbach. Bei der Talkrunde „Fische im Tee“ bei der Weingärtnergenossenschaft schildert der Feuerwehrmann Nico Scheich seinen Hilfseinsatz in Beirut nach der dortigen Explosion. Und er beschreibt einen Gegensatz: Auf der einen Seite Tod und Leid. Auf der anderen Seite Menschen, die im Café sitzen, als wäre nichts gewesen – weil für sie Leid nichts Neues sei, die Explosion eher ein weiteres Kapitel war.

Andreas Hennings

Das Marbacher Publikum lauscht gebannt, ist mucksmäuschenstill. Bis Zwischenapplaus aufbrandet. Und zwar bei der Aussage Scheichs, dass Menschen in Deutschland, die „gerade in letzter Zeit“ unzufrieden mit der Regierung sind, sich anderswo umschauen und etwa Indien besuchen sollten. Der Vergleich wird zwar nicht mit Worten gezogen, mir kommt aber direkt die Querdenken-Versammlung in den Sinn. Findet diese doch zeitgleich auf der Schillerhöhe statt. Auf ihr wird die Regierung wieder kritisiert, gerade für die Maskenpflicht. Dort im Libanon also die Menschen, die selbst im Leid nach Scheichs Beschreibung so (gast-)freundlich sind. Und hier, so mein Eindruck, wird gemeckert. Welch ein Gegensatz.

Um mich nicht falsch zu verstehen: Verschiedene Meinungen sind wichtig. Sie sind nicht weniger als die Luft, die eine Demokratie zum Atmen braucht. Sie bringen uns voran. Weshalb ich das zwischenzeitliche Demoverbot in Berlin für schwierig halte. Den Argumenten der Querdenken-Bewegung kann ich aber nichts abgewinnen. Wer meint, die Maske beraube uns unserer Freiheit, den will ich sehen, wenn es bei einer möglichen zweiten Welle zu Einschränkungen kommt, wie es sie in Spanien und Italien gab. Wenn die Wirtschaft womöglich noch härter getroffen wird. Auch mir macht es keinen Spaß, Maske zu tragen. Aber wenn ich dazu beitrage, dass die Lage stabil bleibt oder sich bessert, nehme ich das gern in Kauf.

Die Politik hat sicher nicht alles richtig gemacht, es lief nicht alles rosig. Etwa, wie man die Schulen sich selbst überließ, die spontan immer wieder umdenken mussten. Insgesamt aber sind wir bisher vergleichsweise gut durchs tosende Meer der Pandemie gesegelt – so schmerzvoll dieser Törn für manchen auch war. Wir vermieden, nur mit Passierschein vor die Tür zu dürfen. Zuletzt fanden wieder kleinere Events statt. Und Infektionen von Reiserückkehrern schwappten bisher kaum auf die hiesige Bevölkerung über – weil die Maßnahmen greifen. Ist es Zufall, dass Deutschland eines der wenigen Länder ist, das etwa von Großbritannien nicht als Corona-Risikogebiet eingestuft wird? Die Lage ist aber leider fragil. Werden wir nachlässig, wird das Erreichte nichtig sein. So schwer es auch fällt, das zu akzeptieren.