Blickwinkel zum Tod von Wolfgang Simon Samen gesät

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Wolfgang Simon, der Vorsitzende des Vereins Gentechnik- und pestizidfreie Landkreise Ludwigsburg–Rems-Murr, ist tot. Foto: privat

Wolfgang Simon war ein  Kämpfer, aber kein Schreihals. Menschen wie ihn braucht unsere Gesellschaft.

Es gibt Nachrichten, die treffen einen mit voller Wucht. Auch wenn man meint, man habe sich auf sie vorbereitet. Wolfgang Simon, der Vorsitzende des Vereins Gentechnik- und pestizidfreie Landkreise Ludwigsburg–Rems-Murr, ist tot.  Dass der Tod vor der Tür stand,  spürte er. Doch selbst als das Lebenslicht  nur noch flackerte, setzte er seine letzten Kräfte für das ein, wofür  er brannte: Für eine friedvolle, für eine nachhaltige Welt. „Wünsche mir was“ hatte er in den Betreff einer E-Mail an mich geschrieben, die er mir drei Tage vor seinem Tod schickte. Sein Wunsch: Ich möge ihn anrufen.  Als ich es tat, erschrak ich. Es ging ihm so schlecht, dass nicht klar war, ob er überhaupt mit mir reden könnte. Doch er bündelte einmal mehr seine  Kräfte, um mich zum einen zu fragen, ob ein Beitrag angekommen sei und veröffentlicht werde, und zum anderen, um mir eine Veranstaltung im November ans Herz zu legen – mit der Bitte, ich möge daran teilnehmen. Als ich ihm am Ende des Telefonats Kraft  wünschte und sagte, dass ich an ihn denke, war es kurz still. „Meine Zeit geht bald zu Ende. Alles Gute.“ Dieser Satz traf  mich  ins Mark –  ob der Gewissheit und der Endgültigkeit, aber auch der spürbaren Ruhe.

In meinem beruflichen Leben habe ich im Lauf der Jahre viele Menschen getroffen. Nur wenige haben mein  Leben verändert und mich so zum Nachdenken gebracht wie Wolfgang Simon. Was hat der Erdmannhäuser in den vergangenen Jahre nicht alles  auf die Beine gestellt. Die Protestmärsche durch Marbach gegen das transatlantische Freihandelsabkommen, an denen 2014 und 2015 mehrere hundert Menschen teilnahmen. Ein Vortrag des Friedensforschers Daniele Ganser in der Halle auf der Schray, in die mehr als 1000 Menschen strömten. Unzählige  Vorträge und Gesprächsrunden. Der 65-Jährige  engagierte sich  für das Solidaritätsprojekt „Poema – Armut und Umwelt in Amazonien“ und berichtete 2015 in unserer Zeitung von seinen Erlebnissen im Regenwald. Fast fünf Jahrzehnte lang engagierte er sich in der Deutschen Friedensgesellschaft.

Wolfgang Simon war Mahner, Aufklärer, Ideengeber, Motivator und Netzwerker. Er war ein ganz besonderer Mensch und wird fehlen. Als Gesprächspartner ebenso wie als wacher und kritischer Beobachter. Er war ein Kämpfer, aber kein Schreihals. Er rüttelte wach und leistete Widerstand auf eine Weise, die mich zutiefst beeindruckte. Durch  profundes Wissen, durch unermüdlichen Einsatz und durch freundliche Beharrlichkeit. Er hatte viel zu sagen, hörte aber auch zu. Er steckte mit seiner Begeisterung an.  Menschen wie ihn  braucht unsere Gesellschaft  – mehr denn je. Tröstlich der Gedanke, dass die vielen Samen, die er gesät hat, in den Menschen weiterwachsen werden.