Blickwinkel Indianer vermisst

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Bottwartal - Na also! Für weiße Weihnachten hat es zwar wieder nicht gereicht, zumindest seit einer Woche ist aber auch optisch der Winter eingekehrt. Teilweise lag sogar genügend Schnee zum Schlittenfahren und Schneemannbauen. Besonders gefreut hat das eine Spezies, die von der weißen Pracht für gewöhnlich angezogen wird, als wäre ein Magnet im Spiel. Eine Spezies, die als liebenswert und lebensfroh, als laut und launisch gilt. Eine, die in den Straßen unserer Städte und Gemeinden sonst aber vom Aussterben bedroht zu sein scheint. Denn liegt gerade kein Schnee, stapft sie fast nur noch mittags zwischen 12 und 14 Uhr draußen herum, mit einem Tornister bepackt, hungrig auf dem Weg zum Mittagessen. Sie haben es erraten. Gemeint sind die Kinder.

Andreas Hennings

Es war schön zu sehen, wie die vielen Jungen und Mädchen vergangenen Samstag im Schnee spielten. Eingepackt mit Schneeanzug, Stiefeln, Handschuhen und Mütze, sodass nur die Nase und die roten Wangen rausguckten. Ausgerüstet mit Schlitten, Schaufel und Co., den Temperaturen zum Trotz. Bei diesem Anblick ist mir allerdings eines bewusst geworden – und zwar, wie selten dieser doch geworden ist. Wie selten ich Kinder an der frischen Luft spielen sehe. Nicht nur im kalten Winter, auch im Sommer. Wann habe ich das letzte Mal ein Kind ziellos auf einem Tretroller umherflitzen sehen? Wann bin ich zuletzt auf einem Gehweg über bunte Kreide-Kritzeleien „gestolpert“? Wann tollten beim langsamen Fahren durch eine Spielstraße links und rechts wirklich Kinder herum? Und wann sind mir letztmals junge Kalle Blomquists begegnet, die sich auf Schnitzeljagd befinden? Auf keine dieser Fragen finde ich spontan eine Antwort. Leider.

Wo also sind all die Indianer hin, wie Pur schon sangen. Ist es der häufige Nachmittagsunterricht? Das zeitintensive Lernen? Oder wollen die Sprösslinge gar nicht raus, weil das Smartphone spannender ist? Weckt nur noch der Schnee genug Abenteuerlust, um vor die Haustüre zu gehen? In Gedanken male ich mir gerade aus, wie ein Kind, diesmal in der Rolle eines Dreikäsehochs, von seinen Eltern mit Hausarrest bestraft wird – woraufhin das Kind jubelnd die Arme hinaufreißt. Mag übertrieben sein, aber ich sehe draußen zu wenige spielende Kinder, um mir vorstellen zu können, dass auch heute wie einst tränenreich gegen diese damals unerträgliche Strafe protestiert wird. Dazu ist wohl schon ein Smartphone-Verbot nötig.

Vielleicht täuscht mich der Eindruck ja auch nur. Vielleicht bin ich zu selten in Neubaugebieten unterwegs, wo junge Familien wohnen. Zu wünschen wäre trotzdem, dass es nicht nur immer mal wieder heißt: „Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus!“ Sondern, dass die Kinder das ganze Jahr über nach draußen gehen. Es würde sonst viel verloren gehen.

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