Beim Fahrradgottesdienst haben sich vier Gemeinden getroffen Kirchgang auf zwei Rädern

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Nach kurzer Rast am Neckar in Hoheneck geht’s gemeinsam mit dem Vikar Felix Weise (3. von links) weiter.Der Gottesdienst in Kornwestheim war gut besucht. Foto: Avanti/Ralf Poller

Für einen Gottesdienst muss man nicht in der Kirche sitzen. Das haben vier Vikare aus den Gemeinden Benningen, Bietigheim, Kornwestheim und Stuttgart-Gablenberg mit einem Fahrradgottesdienst gezeigt.

Benningen - Der leichte Nieselregen am Sonntagmorgen lädt nicht unbedingt zu einer Radtour ein. Doch der Benninger Vikar Felix Weise ist optimistisch: „Eigentlich war zwischen neun und zehn Uhr starker Regen angesagt, da ist das doch viel besser.“ Seine Meinung teilen die 16 Radler, die der Einladung zum Fahrradgottesdienst gefolgt sind. Wetterfeste Jacken, Helme, Radlerhosen – so ausgestattet steht der Tour den Neckar entlang bis nach Kornwestheim nichts im Wege. Bevor es losgeht, erhält jeder als Zeichen der Gemeinschaft noch ein blaues Bändchen für den Lenker. „Wenn unterwegs jemand mit einem blauen Band am Fahrrad daliegt, bitte helfen!“, scherzt Weise. „Den anderen aber auch!“, ergänzt die Mitradlerin Marion Knihs lachend.

An Kirchen in Bietigheim, Stuttgart-Gablenberg und Kornwestheim – hier an der Johanneskirche – machen sich ebenfalls Gläubige mit dem Rad auf den Weg. Am Ende kommen alle auf der Festwiese des Kornwestheimer Liederkranzes am Oßweiler Weg zusammen, um den mehrteiligen Gottesdienst gemeinsam zu Ende zu feiern. Der Verein hat das Gelände „schnell und gerne“ zur Verfügung gestellt, wie der Vorsitzende Reinhard Wagner berichtet.

Mit Gitarre im Regen

Die Idee für den Fahrrad-Gottesdienst kam Weise und seinen Vikars-Kollegen aus den genannten Gemeinden bei einem gemeinsamen Kurs im letzten Jahr. Sie kommt gut an – am Ende sind rund 100 Menschen in Kornwestheim versammelt. Doch zuvor heißt es erst einmal: Kräftig in die Pedale treten. Die Familie Knihs ist sowohl wegen des Gottesdienstes als auch wegen des Radfahrens mit dabei. „Wir sind die Strecke schon am Feiertag gefahren, am Schluss wird es ganz schön steil“, erzählt Marion Knihs. Auch die Batrneks, ebenfalls in Benningen am Start, freuen sich auf die ungewöhnliche Kombination aus Sport und Gotteslob. Sein Sohn Dean sei Konfirmand, erzählt der Vater, das sei einer der Gründe, warum man mitradle.

Zu Beginn der Tour wird an den verschiedenen Standorten – in Benningen an der Annakirche – gebetet und gesungen. Dem Lied „Danke“ wurde extra noch ein neuer Vers hinzugefügt: „Danke für alle Fahrradfahrer, danke für dieses Glücksgefühl“ singen die sportlichen Gläubigen zum Gitarrenspiel von Felix Weise.

Zwischenstopps mit Stärkungen und Psalmen

Die Gitarre kommt übrigens auch mit auf Tour, verrät der Vikar: „Die lässt sich leicht auf dem Rücken transportieren.“ Und sie wird gebraucht, weil an einer Zwischenstation in Ludwigsburg-Hoheneck am Neckarbiotop erneut gemeinsam musiziert werden soll. Dort gibt es auch eine kleine Stärkung – einen Apfel und einen Müsliriegel –, die Weise in seiner Packtasche verstaut hat.

Die Zwischenstopps mit Stärkungen und Psalmen sind Teil des Konzeptes, die Radler aus Kornwestheim halten etwa am Feldkreuz inne. Der große Gottesdienst auf der Wiese ist als Familiengottesdienst gestaltet. Neben vielen Liedern samt Band und „Halleluja“ schlüpft die Kornwestheimer Vikarin Marilia Camargo zwischendurch in die Rolle der Handpuppe Lucy. Als solche diskutiert sie die biblische Geschichte des Propheten Jona und der Stadt Ninive, die Felix Weise vorträgt. Zwischenzeitlich sind die drei Vikare, die den Gottesdienst anleiten – neben Camargo und Weise noch Florentine Bückle von der Evangelischen Petruskirchengemeinde Stuttgart –, auch ein wenig politisch unterwegs.

Wiederholung nicht ausgeschlossen

„Manche Menschen glauben, dass Corona eine Strafe ist, dass Gott ein strafender Gott ist“, sagt Weise. Er verstehe, dass das manchen helfe, die Situation zu akzeptieren, zu verarbeiten. „Aber ich glaube, dass unser Gott ein gnädiger Gott ist“, sagt der Vikar. Später während der Fürbitten heißt die Bitte an Gott, Entscheider mögen nicht an den eigenen Vorteil denken, sondern die gesamte Menschheit im Blick behalten. Man kann das in diesen Tagen wohl auch als christlich-erhobenen Zeigefinger in Richtung Gesundheitsministerium deuten.

Nach dem Gottesdienst gibt es noch Rote Würste und Co. vom Liederkranz, dessen Mitglieder sichtlich froh sind, mal wieder Ehrenamtsarbeit im Grünen leisten und die Vereinskasse etwas aufbessern zu können. Dass sie sich vorstellen können, weitere Fahrradgottesdienste zu organisieren, berichten Camargo und Weise. Allerdings, so die Vikare, hänge das auch davon ab, in welchen Gemeinden sie künftig aktiv seien.