Beilstein Der beste Freund des Menschen

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Die neongelbe Weste signalisiert, dass Valentino gerade arbeitet. Foto: Werner Kuhnle

Der Labrador Retriever Valentino ist ein speziell ausgebildeter Assistenzhund, der seiner Besitzerin Bea dabei hilft, wieder aktiv am Leben teilzuhaben. Die 27-Jährige leidet an einer posttraumischen Belastungsstörung, Depressionen und an einer dissoziativen Störung.

Beilstein - Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, im Supermarkt einkaufen oder mit Freunden gemütlich im Café sitzen – was für viele ganz selbstverständlich Teil des Alltags ist, war für Bea lange Zeit eine riesige Herausforderung. Die 27-Jährige ist psychisch erkrankt und leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), Depressionen und einer dissoziativen Störung - das bedeutet, dass Eindrücke kurzfristig nicht richtig verarbeitet werden und man beispielsweise die Orientierung verliert.

„Ich war gefangen in meiner Wohnung“, erzählt Bea über eine Zeit in ihrem Leben, die heute glücklicherweise vorbei ist. In der Schulmedizin galt sie als austherapiert, „aber es gab keine Besserung“. Tatsächlich entwickelte sich ihre Verfassung weiter nach unten. Bis zu einem schicksalhaften Tag im Jahr 2012, als Bea einen Bericht über PTBS-Hunde im Fernsehen sah. „Damals waren Assistenzhunde für psychisch Erkrankte noch weniger bekannt als heute“, erklärt sie. Über Facebook trat sie daraufhin in Kontakt mit einer Trainerin, auch ihr Therapeut gab grünes Licht für ihre Idee – und so traf Bea zum ersten Mal auf den Labrador Retriever Valentino. Eine Begegnung, die ihr Leben verändern sollte.

Doch zunächst stand ihr ein harter Kampf bevor, denn PTBS-Hunde werden von den Krankenkassen nicht finanziert. „Ihre Wirkung ist eben nicht messbar“, so Bea. Ein Therapiehund mit entsprechender Ausbildung kostet jedoch rund 10 000 bis 15 000 Euro. „Ich selbst hatte Glück und habe das Geld durch einen Spendenaufruf und ein Spendenkonto, sowie durch Fonds der Regierung zusammen bekommen“, erinnert sich Bea zurück. Aber der monatelange Kampf und das Geld haben sich für sie in jedem Fall mehr als gelohnt.

„Vor Valentino habe ich mich gar nicht mehr alleine raus getraut“, betont Bea. Zu hoch war für sie das Risiko, dass sie eine Panikattacke bekommt oder in einen „Freeze“-Zustand verfällt. Dann kann sie sich nicht mehr bewegen und oft auch nicht mehr sprechen. Das kann ihr überall und plötzlich passieren. „Ein möglicher Auslöser sind zum Beispiel Kirchenglocken.“ In genau solchen Situationen steht ihr jetzt Valentino zur Seite und unterbricht die Attacken „durch Anstupsen oder Ziehen“. Da ihre Traumata durch Menschen verursacht wurden, sei es besser für sie, dass ein Tier in diesem Moment der Angst „eingreift“.

Der Labrador Retriever erkennt an der Körperhaltung und am Geruch seiner Besitzerin, wie es ihr geht. In einer sechswöchigen Grundausbildung hat Valentino alle Standartkommandos gelernt, Bea und die Trainerin haben dem Rüden danach die notwendigen Spezialkommandos für seine Arbeit als Assistenzhund beigebracht. Dazu zählt beispielsweise der „Block nach hinten“. Dabei setzt sich Valentino hinter seine Besitzerin und „schafft Abstand zu den anderen Leuten, etwa beim Einkaufen“, erklärt Bea. Hat sie in der Nacht einen Albtraum erkennt Valentino das, weckt sie auf und schaltet das Licht ein. Außerdem kann er ihr eine Notfalltasche bringen, in der sich Medikamente und ein erklärender Zettel zu ihrem Zustand befinden.

„An dieser Tasche kann mich Valentino auch nach Hause führen“, erzählt Bea über die Arbeit ihres Hundes. Das war vor Kurzem nötig, als sie aufgrund einer Stresssituation beim Einkaufen vor dem Laden stand „und nicht mehr wusste, wo ich bin und wie ich nach Hause kommen soll“. Valentino ist in jeglicher Hinsicht eine Unterstützung und Bereicherung in ihrem Leben. Daher ist er auch „immer dabei, wenn ich alleine unterwegs bin“, so Bea. Sonst begleite sie oftmals ihr Mann. Auch in ihrem sonstigen Alltag tue ihr Assistenzhund Valentino sehr gut. „Ich bin stabiler und meine Depressionen sind weniger geworden“, resümiert Bea. Außerdem sorge ein Hund für Regelmäßigkeit im Alltag, was sie benötigt. „Ich muss dann einfach raus, spätestens um 9 Uhr steht Valentino bereit.“ Ihr Begleiter sorge außerdem für positive Erlebnisse, so hat er etwa eine seiner Assistenzhund-Prüfungen mit Bravour gemeistert.

Es könnte also alles gut sein – wäre mit dem Assistenzhund nicht ein neues Problem aufgekommen. Denn Valentino ist zum Beispiel auch beim Metzger oder Bäcker mit dabei. „Die Ladenbesitzer sind meist sehr offen“, berichtet Bea. Sie könne Unterlagen vorweisen, dass sie auf Valentino angewiesen ist und der Hund gesund ist. Dennoch werde sie von anderen Kunden beleidigt. „In den letzten zwei Wochen wurde mir bestimmt siebenmal vorgeworfen, ich sei dreist und unverschämt mit einem Hund in die Geschäfte zu kommen.“ Eine neue Stresssituation, auf die die 27-Jährige oftmals nur durch Flucht reagieren kann. „Ich überlege dann auch, ob ich überhaupt jemals wieder in den Laden soll.“ Wer sie aber direkt auf Valentino anspricht, dem erzählt sie gerne von Assistenzhunden und seiner Aufgabe. Oftmals habe sie dazu aber nicht die Chance. Böse Absicht unterstellt sie aber nicht, vielmehr glaubt Bea, dass „oft Unwissenheit dahinter steckt“.

Viele würden Valentino nicht als Therapiehund erkennen, trotz seiner Arbeitsdecke, die er in der Öffentlichkeit trägt oder wüssten nicht, wie man sich verhalten soll. Daher hat Bea es sich zum Ziel gesetzt Aufklärungsarbeit zu leisten, denn ihre Erlebnisse sind keine Einzelfälle. Viele andere Betroffene mit Therapiehund wüssten ähnliches zu berichten. Dabei sind die Regeln im Umgang mit Assistenzhunden ganz einfach, erklärt die 27-Jährige. „Am Besten man ignoriert die Hunde einfach“, denn sie seien ja im Dienst. Auch solle man die Tiere nicht anstarren oder versuchen zu rufen oder gar zu locken. Das erschwere es den fleißigen Vierbeiner die nötige Konzentration aufzubringen. „Andere Hunde sind auch oft ein Problem“, führt Bea weiter aus. Hier versuche sie andere Halter aufmerksam zu machen, dass Valentino in seiner Arbeitszeit nicht spielen dürfe. Auch Streicheln sollte man Therapiehunde auf keinen Fall ungefragt. Wer diese Grundregeln beachtet, macht den Alltag von Betroffenen und ihren Hunden ein Stückchen leichter. Dafür gibt es dann bestimmt auch einen feuchten Schmatzer von Valentino.