Ausstellung in Erdmannhausen Friede – immer noch kein Exportschlager

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Menschen, Geschichten, Schicksale: Ausstellungseröffnung im Erdmannhäuser Rathaus. Foto: Ralf Poller/Avanti

Die Ausstellung „Heimat verlieren – suchen – finden“ lädt bis 16. Oktober in das Rathaus in Erdmannhausen ein. Am Freitag ist sie – unter anderem mit afrikanischen Trommeln und Gesang – eröffnet worden.

Es sind die Portraits von Menschen, die – schwarz-weiß und großformatig – die Rathausbesucher neugierig machen und anlocken. Und es sind deren Schicksalsberichte, die davon zeugen, dass sie offensichtlich eine neue Heimat gefunden haben: in Erdmannhausen. Barbara Daschke etwa. Deren auf Plakat aufgezogenes Interviewergebnis aus den Gesprächen mit Frauen vom Freundeskreis Asyl prangt – neben zwei anderen – groß an einer Stellwand im Erdgeschoss. Unter der Überschrift „Angst hatte ich nie“ steht, wie übrigens auch bei den weiteren Interviews, die auf den Stockwerken des Rathauses verteilt sind, unausgesprochen der Hinweis: „emotional darauf einlassen“. Das nämlich ist die Grundvoraussetzung, um aus der Ausstellung „Heimat verlieren – suchen – finden“, die am Freitagabend eröffnet wurde, Nachhaltiges mitzunehmen und den eigenen Horizont zu weiten.

Neun Lebensgeschichten

Die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Katharina Fischinger, hatte die Idee dazu, „Menschen, die nicht immer hier lebten, ins Rampenlicht zu rücken und sichtbar zu machen“. Mithilfe behutsamer Interviews sind neun Lebensgeschichten entstanden, wie sie unterschiedlicher und bunter kaum sein könnten. So erzählen sie nicht nur aus der jeweiligen Sicht Betroffener, was es bedeutet, das eigene Heimatland zu verlassen; sie sind auch ein Zeugnis der gesellschaftlichen Vielfalt und des multikulturellen Hintergrunds, den die Gemeinde Erdmannhausen heute aufweist. Und manchmal klingt es sogar fast nach einer Liebesbekundung, wie am Beispiel der früheren Serbin Gabriele Kulossa bei der Eröffnung deutlich wurde. Die Frau, die als sehr kleines Kind von ihren Eltern verlassen wurde, weil diese als Wirtschaftsflüchtlinge nach Deutschland gingen, hob mit ihrer Rede den Stellenwert ihrer neuen „Herzensheimat Erdmannhausen“ auf anrührende und werbewirksame Weise hervor.

„Viel Mut bewiesen“

Bürgermeister Marcus Kohler attestierte den Interviewten, dass sie „viel Mut bewiesen haben, ihre Gesichter zu zeigen und ihre Geschichte offenzulegen und damit Einblick in ihr Gefühlsleben zu geben“. Wohlwissend, dass sich Außenstehende nur auf diesem Weg in deren „ganz persönliche Lebenssituation hineinversetzen können“. Kohler markierte mit seinen Worten auch, dass der Friede offensichtlich kein Exportschlager geworden sei, „obwohl wir seit so vielen Jahren in Deutschland Frieden haben“. Mit Nachdruck sagte er: „Wir haben es versäumt, eine internationale Politik zu betreiben, die das Thema wirtschaftliche und gesellschaftliche Friedenspolitik als oberstes Ziel unseres politischen Handelns hat“. Aufgrund der größten historischen Erfahrung im Bereich kriegerischer Auseinandersetzungen über Jahrhunderte hinweg sei Deutschland das Land, „das wissen sollte, wie Friedenspolitik geht“ und das „eigentlich weltweit die Leitrolle für einen Weltfrieden übernehmen sollte“.

Heimat – ein vielschichtiger Begriff

Da man den einzelnen Lebensgeschichten entnehmen könne, dass es sich meist um eine „von außen bedingte Migration“ handele, bei der „die Menschen ihre alte Heimat verlassen und eine neue suchen mussten“, kam Kohler auch auf die Vielschichtigkeit des Begriffs Heimat zu sprechen, dem man räumliche, zeitliche, wirtschaftliche, politische, kulturelle, emotionale und schlussendlich auch soziale Perspektiven zuweisen könne. „Unsere Ausstellung ist eine hervorragende Möglichkeit, die verschiedenen Perspektiven auf Heimat mit den einzelnen Lebensgeschichten zu reflektieren“. Anne Holzwarth vom Freundeskreis Asyl, die mit ihrem Saxophon auch für die musikalische Umrahmung sorgte, drückte es auf ihre Weise aus: „Möge es uns allen gelingen, dass wir niemand links liegen lassen, sondern einander neugierig begegnen. Jede Kultur hat ihre Gabe. Wenn wir offen und bereit sind, kann ein Nehmen und Geben entstehen, das alle bereichert. Lassen Sie uns die Schätze anderer Kulturen angstfrei und wertschätzend entdecken“.